Casual Games
Daddeln während der Pause
Oliver Klempert, veröffentlicht am 30.09.2008
Stuttgart - "Moorhuhn", "Tetris" oder "Solitaire" - fast auf jedem Rechner sind Spiele für zwischendurch installiert. Sie sind leicht zu bedienen und lassen sich schnell herunterladen. Obwohl es die Gelegenheitsspielchen schon seit Jahren gibt, werden immernoch Milliarden damit umgesetzt.
Von Oliver Klempert
"Solitaire", "Tetris" oder "Worms" - es gibt kaum einen Computer, auf dem nicht das ein oder andere Gelegenheitsspiel installiert ist. Diese kurzen Spielchen am PC für zwischendurch werden stets beliebter. Sie sind leicht verständlich, einfach zu bedienen, und lassen sich schnell aus dem Internet herunterladen. Auf dem Markt findet sich eine Vielzahl von Titeln für jeden Geschmack. Größtenteils handelt es sich um Brett-, Puzzle-, Denk- oder Kartenspiele. Es gibt aber auch Computervarianten von bekannten TV-Shows wie "Wer wird Millionär?" oder "Deal or no Deal".
Doch hinter den sogenannten Casual Games steckt mehr als nur ein gelegentlicher Zeitvertreib. Schaut die Spielebranche bei jeder Veröffentlichung eines großen Titels wie "Grand Theft Auto IV" oder "Spore" wie gebannt auf das Veröffentlichungsdatum, erscheinen Gelegenheitsspiele eher still und leise im Hintergrund. Was aber kaum wahrgenommen wird: weltweit wird die Zahl der Casual-Games-Nutzer mittlerweile auf über 150 Millionen geschätzt. Das ist bedeutend mehr, als es beispielsweise Haushalte mit Spielkonsolen gibt. Allein in den USA wird der Markt 2008 voraussichtlich ein Umsatzvolumen von mehr als zwei Milliarden US-Dollar erreichen. In den letzten vier Jahren hat er sich damit mehr als verdreifacht.
Sie fördern die Konzentration am Arbeitsplatz
Entspannung, Ablenkung und Stressbewältigung sind die am häufigsten genannten Gründe, warum Casual Games gerne gespielt werden. Nach einer aktuellen Studie der Universität Hamburg gibt es sogar Hinweise darauf, dass Gelegenheitsspiele - während einer Pause gespielt - zu einer besseren Konzentrationsfähigkeit bei der Arbeit beitragen. Aber auch die Branche kenn das Potenzial solcher Spiele. "Casual Games stehen aufgrund der enormen Reichweiten bei vergleichsweise geringen Entwicklungs- und Marketingkosten eine weit größere Zukunft bevor als den mit Millionenaufwand entwickelten Spielen", behauptet Konstantin Nikulin. Er ist Geschäftsführer von Intenium, einem Publisher für insgesamt rund 200 verschiedene Gelegenheitsspiele. Die Bandbreite reicht von Logik- bis zu sogenannten Jump-and-run-Spielen. Laut Intenium verdoppeln sich die Zugriffe auf das firmeneigene Spieleportal Deutschland-spielt.de jedes halbe Jahr.
Der Vertrieb solcher Spiele erfolgt meist über das Internet oder über Anbieter von Mobiltelefonanwendungen. Neben kostenlosen Werbespielen wie "Moorhuhn" gewinnen zunehmend kommerzielle Spiele an Bedeutung. Letztere werden meist mit einer kostenlosen, aber zeitlich befristeten Demoversion auf den Markt gebracht. Die Preise der Spiele bewegen sich zwischen fünf und 20 Euro. Der relativ geringe Preis wird durch die Langlebigkeit der Spiele ausgeglichen. Während die aufwendiger produzierten und mit erheblichem Marketingaufwand vertriebenen großen Computerspiele ihren Hauptumsatz innerhalb weniger Monate erzielen, lassen sich Casual Games über entsprechende Portale über Jahre hinweg verkaufen, ohne dass nennenswerte zusätzliche Vertriebskosten anfallen. Wohl nicht zuletzt deshalb eröffnen auch große Spielehersteller zunehmend eigene Entwicklungslabors für Casual Games. Rund 500 neue Spielchen werden jährlich entwickelt.
Selbst die Urväter laufen noch
Selbst die Urväter aller Gelegenheitsspiele wie "Pac Man" oder "Space Invaders", das in diesen Tagen 30 Jahre alt wird, sind nicht totzukriegen. Jeweils mehr als 100 Varianten sind inzwischen im Umlauf. "Die Entwicklungskosten für ein Casual Game liegen heute zwischen 50.000 und 250.000 Euro", erklärt Nikulin. Damit seien sie deutlich kostengünstiger als die großen Produktionen, deren Entwicklung und Vermarktung mehrere Millionen Euro verschlingen könnten. Zudem stellten die Gelegenheitsspiele wesentlich geringere Anforderungen an die Hardware. Sie seien damit nicht auf leistungsfähige Spielecomputer beschränkt, sondern ließen sich leicht auf mobile Geräte wie Handys oder PDAs portieren.
Ein Trend, der vor allem das Spielbedürfnis der Zielgruppe über 40 Jahre zu stillen scheint. "Die Bedürfnisse dieser Menschen unterscheiden sich deutlich von denen traditioneller Computerspieler, die mehrheitlich männlich und unter 30 Jahre alt sind und die tief in realistische Spielwelten eintauchen wollen", sagt Nikulin. Dabei sei die Grundregel, nach der Casual Games funktionierten, simpel. Sie lautet: je einfacher, desto mehr Spielwert. So bewies etwa Nintendo mit der Wii-Konsole, dass das Spielen von Videogames nicht erst durch leistungsstarke Technik schön wird, sondern dass das Spielen an sich der entscheidende Faktor ist. So wird das Videospiel das, was früher das Gesellschaftsspiel war: Statt Mensch ärgere Dich nicht auf dem Brett, wird auf der Spielkonsole eine Runde Bowling gespielt.
Die beliebtesten Casual Games:
Solitaire: Der Klassiker unter den PC-Kartenspielen ist eines der meistgespielten Computerspiele weltweit.
Glücksrad: Die in Deutschland jahrelang beliebteste Spielshow ist auch auf dem Computer ein anhaltender Erfolg.
Tetris: Es war die Idee des Russen Alexei Paschitnow, die zum Megahit wurde. 1985 setzte der Moskauer Informatiker ein beliebtes Kinderspiel als Computervariante um.
Worms: 1994 kamen die ersten Wurmattacken. Der Spieler führt ein Team von schwer bewaffneten Würmern in den Kampf der Ungeziefer. Man kann gegen den Computer, über das Internet oder gemeinsam vor einem PC spielen.
Moorhuhn: Im Jahr 1999 von Phenomedia als Werbung für den Whisky Johnnie Walker gedacht, wurde das Moorhuhnschießen zum Renner, als man es kostenlos herunterladen konnte. Zeitweise wurde das Spiel in Deutschland sogar als „Bedrohung für Betriebsumsätze“ angesehen, da sich viele Büroangestellte damit die Zeit vertrieben.
Von Oliver Klempert
"Solitaire", "Tetris" oder "Worms" - es gibt kaum einen Computer, auf dem nicht das ein oder andere Gelegenheitsspiel installiert ist. Diese kurzen Spielchen am PC für zwischendurch werden stets beliebter. Sie sind leicht verständlich, einfach zu bedienen, und lassen sich schnell aus dem Internet herunterladen. Auf dem Markt findet sich eine Vielzahl von Titeln für jeden Geschmack. Größtenteils handelt es sich um Brett-, Puzzle-, Denk- oder Kartenspiele. Es gibt aber auch Computervarianten von bekannten TV-Shows wie "Wer wird Millionär?" oder "Deal or no Deal".
Doch hinter den sogenannten Casual Games steckt mehr als nur ein gelegentlicher Zeitvertreib. Schaut die Spielebranche bei jeder Veröffentlichung eines großen Titels wie "Grand Theft Auto IV" oder "Spore" wie gebannt auf das Veröffentlichungsdatum, erscheinen Gelegenheitsspiele eher still und leise im Hintergrund. Was aber kaum wahrgenommen wird: weltweit wird die Zahl der Casual-Games-Nutzer mittlerweile auf über 150 Millionen geschätzt. Das ist bedeutend mehr, als es beispielsweise Haushalte mit Spielkonsolen gibt. Allein in den USA wird der Markt 2008 voraussichtlich ein Umsatzvolumen von mehr als zwei Milliarden US-Dollar erreichen. In den letzten vier Jahren hat er sich damit mehr als verdreifacht.
Sie fördern die Konzentration am Arbeitsplatz
Entspannung, Ablenkung und Stressbewältigung sind die am häufigsten genannten Gründe, warum Casual Games gerne gespielt werden. Nach einer aktuellen Studie der Universität Hamburg gibt es sogar Hinweise darauf, dass Gelegenheitsspiele - während einer Pause gespielt - zu einer besseren Konzentrationsfähigkeit bei der Arbeit beitragen. Aber auch die Branche kenn das Potenzial solcher Spiele. "Casual Games stehen aufgrund der enormen Reichweiten bei vergleichsweise geringen Entwicklungs- und Marketingkosten eine weit größere Zukunft bevor als den mit Millionenaufwand entwickelten Spielen", behauptet Konstantin Nikulin. Er ist Geschäftsführer von Intenium, einem Publisher für insgesamt rund 200 verschiedene Gelegenheitsspiele. Die Bandbreite reicht von Logik- bis zu sogenannten Jump-and-run-Spielen. Laut Intenium verdoppeln sich die Zugriffe auf das firmeneigene Spieleportal Deutschland-spielt.de jedes halbe Jahr.
Der Vertrieb solcher Spiele erfolgt meist über das Internet oder über Anbieter von Mobiltelefonanwendungen. Neben kostenlosen Werbespielen wie "Moorhuhn" gewinnen zunehmend kommerzielle Spiele an Bedeutung. Letztere werden meist mit einer kostenlosen, aber zeitlich befristeten Demoversion auf den Markt gebracht. Die Preise der Spiele bewegen sich zwischen fünf und 20 Euro. Der relativ geringe Preis wird durch die Langlebigkeit der Spiele ausgeglichen. Während die aufwendiger produzierten und mit erheblichem Marketingaufwand vertriebenen großen Computerspiele ihren Hauptumsatz innerhalb weniger Monate erzielen, lassen sich Casual Games über entsprechende Portale über Jahre hinweg verkaufen, ohne dass nennenswerte zusätzliche Vertriebskosten anfallen. Wohl nicht zuletzt deshalb eröffnen auch große Spielehersteller zunehmend eigene Entwicklungslabors für Casual Games. Rund 500 neue Spielchen werden jährlich entwickelt.
Selbst die Urväter laufen noch
Selbst die Urväter aller Gelegenheitsspiele wie "Pac Man" oder "Space Invaders", das in diesen Tagen 30 Jahre alt wird, sind nicht totzukriegen. Jeweils mehr als 100 Varianten sind inzwischen im Umlauf. "Die Entwicklungskosten für ein Casual Game liegen heute zwischen 50.000 und 250.000 Euro", erklärt Nikulin. Damit seien sie deutlich kostengünstiger als die großen Produktionen, deren Entwicklung und Vermarktung mehrere Millionen Euro verschlingen könnten. Zudem stellten die Gelegenheitsspiele wesentlich geringere Anforderungen an die Hardware. Sie seien damit nicht auf leistungsfähige Spielecomputer beschränkt, sondern ließen sich leicht auf mobile Geräte wie Handys oder PDAs portieren.
Ein Trend, der vor allem das Spielbedürfnis der Zielgruppe über 40 Jahre zu stillen scheint. "Die Bedürfnisse dieser Menschen unterscheiden sich deutlich von denen traditioneller Computerspieler, die mehrheitlich männlich und unter 30 Jahre alt sind und die tief in realistische Spielwelten eintauchen wollen", sagt Nikulin. Dabei sei die Grundregel, nach der Casual Games funktionierten, simpel. Sie lautet: je einfacher, desto mehr Spielwert. So bewies etwa Nintendo mit der Wii-Konsole, dass das Spielen von Videogames nicht erst durch leistungsstarke Technik schön wird, sondern dass das Spielen an sich der entscheidende Faktor ist. So wird das Videospiel das, was früher das Gesellschaftsspiel war: Statt Mensch ärgere Dich nicht auf dem Brett, wird auf der Spielkonsole eine Runde Bowling gespielt.
Die beliebtesten Casual Games:
Solitaire: Der Klassiker unter den PC-Kartenspielen ist eines der meistgespielten Computerspiele weltweit.
Glücksrad: Die in Deutschland jahrelang beliebteste Spielshow ist auch auf dem Computer ein anhaltender Erfolg.
Tetris: Es war die Idee des Russen Alexei Paschitnow, die zum Megahit wurde. 1985 setzte der Moskauer Informatiker ein beliebtes Kinderspiel als Computervariante um.
Worms: 1994 kamen die ersten Wurmattacken. Der Spieler führt ein Team von schwer bewaffneten Würmern in den Kampf der Ungeziefer. Man kann gegen den Computer, über das Internet oder gemeinsam vor einem PC spielen.
Moorhuhn: Im Jahr 1999 von Phenomedia als Werbung für den Whisky Johnnie Walker gedacht, wurde das Moorhuhnschießen zum Renner, als man es kostenlos herunterladen konnte. Zeitweise wurde das Spiel in Deutschland sogar als „Bedrohung für Betriebsumsätze“ angesehen, da sich viele Büroangestellte damit die Zeit vertrieben.
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