Tier- und Pflanzenwelt
Klimawandel bedroht die Artenvielfalt
Klaus Zintz, veröffentlicht am 01.10.2008
Stuttgart - Der Klimawandel hinterlässt bereits sichtbare Spuren in der Natur, er bedroht die biologische Artenvielfalt. Immer deutlicher wird, dass Klimaschutz auch Naturschutz bedeutet - und umgekehrt. Wie aber lassen sich die beiden Schutzziele am besten zusammenbringen?
Von Klaus Zintz
Bis zu 30 Prozent der Tier- und Pflanzenarten werden aussterben, wenn sich das Klima weiter erwärmt. Das jedenfalls prophezeit der Weltklimarat IPCC. Dass die Korallen mit wärmerem Wasser und mit dem durch die Klimaerwärmung fallenden pH-Wert - also dem steigenden Säuregrad - der Meere nicht mehr zurechtkommen werden, gilt unter Fachleuten mittlerweile als ziemlich sicher.
Aber welche Arten sind konkret hier in Mitteleuropa davon betroffen? Beate Jessel, die Chefin des Bundesamts für Naturschutz, ist mit der Antwort vorsichtig. Anstatt Tier- und Pflanzennamen zu nennen, weist sie lieber auf besonders bedrohte Lebensräume hin. Dazu gehören zum Beispiel die alpinen Zonen, weil hier Tiere und Pflanzen bei einer Erwärmung nicht mehr nach oben in kältere Regionen ausweichen können. Oder das Wattenmeer, das von einem Anstieg des Meeresspiegels zweifellos beeinträchtigt wäre. Auch kühle Moore und Feuchtgebiete mit ihren typischen Tier- und Pflanzengemeinschaften dürften vom Klimawandel und den damit verbundenen Veränderungen bei den Temperaturen und Niederschlägen betroffen sein.
Keine genaue Prognosen möglich
Jessels vorsichtige Antwort ist berechtigt. Schließlich kann kein Biologe exakt vorhersagen, wie die eine oder andere Art mit der Klimaerwärmung zurechtkommen wird. Dass sich Verschiebungen ergeben werden, ist sicher. Aber solange eine Art ausweichen kann, hat sie prinzipiell gute Überlebenschancen. Schwierig wird es, wenn sich mit der Klimaerwärmung auch die Lebensumstände drastisch zum Nachteil der betreffenden Art verändern.
Ein Beispiel nennt Astrid Klug, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium. Sie weist darauf hin, dass die Ostsee-Kegelrobbe eine etwa zwei Monate andauernde Eisbedeckung braucht, um ihre Jungen zuerst zur Welt und dann sicher durch die ersten Wochen zu bringen. Andererseits wählen die Kegelrobben im westatlantischen Raum unzugängliche Felsküsten als sichere Gebär- und Aufzuchtbiotope - vielleicht könnten das die Ostseerobben mit der Zeit auch "lernen".
Der Klimawandel, das wird aus diesen Beispielen klar, stellt also zweifellos eine Bedrohung der biologischen Vielfalt dar. Andererseits eröffnet ein wärmeres Klima vielen Tier- und Pflanzenarten die Chance, ihr bisheriges Verbreitungsgebiet nach Norden zu erweitern. In Deutschland sind dies beispielsweise bei den Vögeln der Bienenfresser oder bei den Insekten die Gottesanbeterin.
Flächenverbrauch vernichtet Lebensräume
Allerdings dürfte nach wie vor nicht die Klimaerwärmung die größte Bedrohung für die Artenvielfalt darstellen. Noch gefährlicher ist sicherlich der Flächenverbrauch mit der damit verbundenen Zerstörung wichtiger Lebensräume, etwa der tropischen Regenwälder oder der Mangrovengürtel. Auch in der Bundesrepublik gehen nach Jessels Aussagen Jahr für Jahr Naturflächen von der Größe des Bodensees verloren. Eine ressourcenschonende Nutzung der Natur ist oftmals ebenfalls nicht gegeben. So ist zum Beispiel die Fischerei in Weltmeeren "Galaxien von der Nachhaltigkeit entfernt", wie es Jochen Flasbarth formuliert, der Leiter für Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung am Bundesumweltministerium.
Mit der Artenvielfalt, daran besteht kein Zweifel, geht es weltweit rapide bergab. Das bescheidene Ziel auch der Bundesregierung, das Artensterben wenigstens zu bremsen, ist zumindest bis zum Jahr 2010 nicht mehr zu erreichen. Umso wichtiger ist es, den Naturschutz - und damit den Artenschutz - energisch voranzutreiben. Immer deutlicher wird dabei, dass hier neue Wege eingeschlagen werden müssen. So wird, wie es Beate Jessel ausdrückt, "der konservierende Aspekt im Naturschutz zurücktreten müssen". Dazu wird schon der Klimawandel führen: So kann ein ehemals schützenswertes Gebiet seine herausragende Funktion verlieren, wenn es zum Beispiel durch zunehmend längere Trockenperioden massiv beeinträchtigt wird.
Umgekehrt bietet der Klimawandel auch für den Naturschutz ganz neue Argumentationshilfen. So sind alte Wälder, Moore und Feuchtgebiete nicht nur wertvolle Lebensräume für selten gewordene Tier- und Pflanzenarten, sie stellen auch wichtige Speicherflächen für das Klimagas Kohlendioxid dar. Und angepasste Bewirtschaftungsformen in der Landwirtschaft lassen nicht nur mehr Raum für Arten, sondern halten auch mehr CO2 im Boden zurück. Die in der Wirtschaft so oft beschworenen Synergieeffekte greifen also auch beim Klima- und Naturschutz.
Was sind intakte Ökosysteme wert?
Inzwischen haben die Natur- und Biodiversitätsschützer auch entdeckt, dass sich mit dem ökonomischen Wert einer intakten Natur hervorragend argumentieren lässt. So gilt es nun die Kosten auszurechnen, die entstehen, wenn man nicht handelt, das Artensterben also nicht aufhält. Diese Strategie war auch beim Klimaschutz ein voller Erfolg, wie die berühmt gewordene Analyse des britischen Wirtschaftsexperten Nicholas Stern zeigt. Der Verlust an Ökosystemen und Biodiversität, so die Botschaft, kommt die Welt weitaus teurer zu stehen als die Maßnahmen zu deren Erhalt.
Um diese These zu belegen, wird in Brüssel derzeit eine umfangreiche Studie nach dem Muster des Stern-Berichts erstellt: the Economics of Ecosystems and Biodiversity, kurz TEEB. Darin wird beispielsweise der Wert von intakten Ökosystemen für den Tourismus berechnet oder die Kosten, die gespart werden, wenn Trinkwasser natürlicherweise aus Waldquellen gewonnen werden kann und nicht teuer aufbereitet werden muss. Mittlerweile liegen die ersten Ergebnisse vor. Für den Zeitraum von 2000 bis 2010 rechnen die Experten mit einem biodiversitätsbedingten Wohlfahrtsverlust von insgesamt 545 Milliarden Euro. Und die Aussichten sind trübe: Der globale Verlust an Biodiversität wird bis 2050 massiv zunehmen.
Von Klaus Zintz
Bis zu 30 Prozent der Tier- und Pflanzenarten werden aussterben, wenn sich das Klima weiter erwärmt. Das jedenfalls prophezeit der Weltklimarat IPCC. Dass die Korallen mit wärmerem Wasser und mit dem durch die Klimaerwärmung fallenden pH-Wert - also dem steigenden Säuregrad - der Meere nicht mehr zurechtkommen werden, gilt unter Fachleuten mittlerweile als ziemlich sicher.
Aber welche Arten sind konkret hier in Mitteleuropa davon betroffen? Beate Jessel, die Chefin des Bundesamts für Naturschutz, ist mit der Antwort vorsichtig. Anstatt Tier- und Pflanzennamen zu nennen, weist sie lieber auf besonders bedrohte Lebensräume hin. Dazu gehören zum Beispiel die alpinen Zonen, weil hier Tiere und Pflanzen bei einer Erwärmung nicht mehr nach oben in kältere Regionen ausweichen können. Oder das Wattenmeer, das von einem Anstieg des Meeresspiegels zweifellos beeinträchtigt wäre. Auch kühle Moore und Feuchtgebiete mit ihren typischen Tier- und Pflanzengemeinschaften dürften vom Klimawandel und den damit verbundenen Veränderungen bei den Temperaturen und Niederschlägen betroffen sein.
Keine genaue Prognosen möglich
Jessels vorsichtige Antwort ist berechtigt. Schließlich kann kein Biologe exakt vorhersagen, wie die eine oder andere Art mit der Klimaerwärmung zurechtkommen wird. Dass sich Verschiebungen ergeben werden, ist sicher. Aber solange eine Art ausweichen kann, hat sie prinzipiell gute Überlebenschancen. Schwierig wird es, wenn sich mit der Klimaerwärmung auch die Lebensumstände drastisch zum Nachteil der betreffenden Art verändern.
Ein Beispiel nennt Astrid Klug, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium. Sie weist darauf hin, dass die Ostsee-Kegelrobbe eine etwa zwei Monate andauernde Eisbedeckung braucht, um ihre Jungen zuerst zur Welt und dann sicher durch die ersten Wochen zu bringen. Andererseits wählen die Kegelrobben im westatlantischen Raum unzugängliche Felsküsten als sichere Gebär- und Aufzuchtbiotope - vielleicht könnten das die Ostseerobben mit der Zeit auch "lernen".
Der Klimawandel, das wird aus diesen Beispielen klar, stellt also zweifellos eine Bedrohung der biologischen Vielfalt dar. Andererseits eröffnet ein wärmeres Klima vielen Tier- und Pflanzenarten die Chance, ihr bisheriges Verbreitungsgebiet nach Norden zu erweitern. In Deutschland sind dies beispielsweise bei den Vögeln der Bienenfresser oder bei den Insekten die Gottesanbeterin.
Flächenverbrauch vernichtet Lebensräume
Allerdings dürfte nach wie vor nicht die Klimaerwärmung die größte Bedrohung für die Artenvielfalt darstellen. Noch gefährlicher ist sicherlich der Flächenverbrauch mit der damit verbundenen Zerstörung wichtiger Lebensräume, etwa der tropischen Regenwälder oder der Mangrovengürtel. Auch in der Bundesrepublik gehen nach Jessels Aussagen Jahr für Jahr Naturflächen von der Größe des Bodensees verloren. Eine ressourcenschonende Nutzung der Natur ist oftmals ebenfalls nicht gegeben. So ist zum Beispiel die Fischerei in Weltmeeren "Galaxien von der Nachhaltigkeit entfernt", wie es Jochen Flasbarth formuliert, der Leiter für Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung am Bundesumweltministerium.
Mit der Artenvielfalt, daran besteht kein Zweifel, geht es weltweit rapide bergab. Das bescheidene Ziel auch der Bundesregierung, das Artensterben wenigstens zu bremsen, ist zumindest bis zum Jahr 2010 nicht mehr zu erreichen. Umso wichtiger ist es, den Naturschutz - und damit den Artenschutz - energisch voranzutreiben. Immer deutlicher wird dabei, dass hier neue Wege eingeschlagen werden müssen. So wird, wie es Beate Jessel ausdrückt, "der konservierende Aspekt im Naturschutz zurücktreten müssen". Dazu wird schon der Klimawandel führen: So kann ein ehemals schützenswertes Gebiet seine herausragende Funktion verlieren, wenn es zum Beispiel durch zunehmend längere Trockenperioden massiv beeinträchtigt wird.
Umgekehrt bietet der Klimawandel auch für den Naturschutz ganz neue Argumentationshilfen. So sind alte Wälder, Moore und Feuchtgebiete nicht nur wertvolle Lebensräume für selten gewordene Tier- und Pflanzenarten, sie stellen auch wichtige Speicherflächen für das Klimagas Kohlendioxid dar. Und angepasste Bewirtschaftungsformen in der Landwirtschaft lassen nicht nur mehr Raum für Arten, sondern halten auch mehr CO2 im Boden zurück. Die in der Wirtschaft so oft beschworenen Synergieeffekte greifen also auch beim Klima- und Naturschutz.
Was sind intakte Ökosysteme wert?
Inzwischen haben die Natur- und Biodiversitätsschützer auch entdeckt, dass sich mit dem ökonomischen Wert einer intakten Natur hervorragend argumentieren lässt. So gilt es nun die Kosten auszurechnen, die entstehen, wenn man nicht handelt, das Artensterben also nicht aufhält. Diese Strategie war auch beim Klimaschutz ein voller Erfolg, wie die berühmt gewordene Analyse des britischen Wirtschaftsexperten Nicholas Stern zeigt. Der Verlust an Ökosystemen und Biodiversität, so die Botschaft, kommt die Welt weitaus teurer zu stehen als die Maßnahmen zu deren Erhalt.
Um diese These zu belegen, wird in Brüssel derzeit eine umfangreiche Studie nach dem Muster des Stern-Berichts erstellt: the Economics of Ecosystems and Biodiversity, kurz TEEB. Darin wird beispielsweise der Wert von intakten Ökosystemen für den Tourismus berechnet oder die Kosten, die gespart werden, wenn Trinkwasser natürlicherweise aus Waldquellen gewonnen werden kann und nicht teuer aufbereitet werden muss. Mittlerweile liegen die ersten Ergebnisse vor. Für den Zeitraum von 2000 bis 2010 rechnen die Experten mit einem biodiversitätsbedingten Wohlfahrtsverlust von insgesamt 545 Milliarden Euro. Und die Aussichten sind trübe: Der globale Verlust an Biodiversität wird bis 2050 massiv zunehmen.
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