Burn after Reading

Der Bürger, das Geld und die CIA

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 02.10.2008
Filmbeschreibung
Wir wollen das Beste für unser Land. Unser Land will das Beste für uns. Das sind zwei Glaubenssätze der Patrioten, erst recht in Zeiten, in denen sich eine Gesellschaft wie die USA grundsätzlich infrage gestellt und auch in jedem Moment an jedem Ort hinterrücks bedroht fühlt. "Burn after Reading - wer verbrennt sich hier die Finger", die neue Komödie der Brüder Joel und Ethan Coen, untersucht die guten Absichten von Land und Leuten in Zeiten des Krieges gegen den Terror und misst nebenbei den Grad der Sicherheit, den die Kooperation von Staat und Bürger schafft. Heraus kommt eine wild groteske Farce über einen arroganten, intriganten, mit sich selbst beschäftigten Sicherheitsapparat, korrupte, verantwortungslose Funktionseliten und abgreiferfreudige, selbstsüchtige und skurril naive Bürger.

Linda (Frances McDormand) und Chad (Brad Pitt), zwei Angestellte eines Fitnessstudios, finden eines Tages eine CD, die einer der vielen Muskelformungswilligen verloren haben muss. Auf dem Silberling befinden sich aber weder Madonna noch der "Rocky"- Soundtrack, sondern Zahlenkolonnen und Datenhaufen. Chad ist nicht blöde, er sieht nur so aus und benimmt sich manchmal so. Er begreift schnell, was er da auf dem Schirm hat, "ganz geheime Scheiße", wie er sensible Daten des ihn und seine Mitmenschen vorgeblich schützenden Geheimdienstes einprägsam nennt. Rasch wollen er und Linda das Beste des Landes: Geld.

Aber wie erpresst man einen Geheimdienst? Wie findet man ihn überhaupt? Hinter dieser verwegenen kriminellen Aktion steckt in "Burn after Reading" keine ruchlose kriminelle Energie und schon gar kein staatsfeindlicher Grundsatztrotz, sondern eine extrem private, eher gefühlte als durchformulierte, nichtsdestotrotz grundsätzliche Enttäuschung des kleinen Mannes, respektive der kleinen Frau. Linda braucht eine Schönheitsoperation. Sie hält das für dringend nötig, um einen Mann zu finden, aber auch, um auf Dauer im Geschäft zu bleiben. Schönheit ist also nicht unbedingt ein aus ihr selbst aufsteigender Wunsch, sondern eine drängende Forderung der Gesellschaft um sie her. Ihre Krankenversicherung aber, ihre Solidargemeinschaft, weigert sich zu zahlen. Und ihr Gehalt lässt keinen Sparplan zu. Linda entscheidet also energisch, dass man ihr etwas schuldet und sie sich das holen darf.

Chad, von Brad Pitt mit großer Selbstironie gespielt, ist ein körperbetonter Typ. Er lässt sich mitreißen von der Freude der Verausgabung, er rennt und radelt und hüpft und grätscht, er ist ein freundlicher Stresshormonjunkie. Lindas Mission der Selbstbereicherung ist für ihn ein Hürdenlauf mehr. Er begreift den Ernst des Unterfangens auch dann nicht, als sie erst einen CIA-Agenten und dann die russische Botschaft kontaktieren. Chad will nicht wahrhaben, dass irgendetwas auf der Welt mehr sein könnte als ein Umkleidekabinenscherz.

Dieser Kleine-Leute-Naivität stellen die Coens eine nachhaltige Liederlichkeit der Höherrangigen gegenüber, der Eingeweihten, derer, die schon mal an einem Faden zupfen oder die Fäden wenigstens sehen dürfen. John Malkovich spielt einen CIA-Analysten, der sich für einen begnadeten Balkanexperten hält, aber die Karrierewirkung des eigenen Alkoholismus unterschätzt. Ruck, zuck wird er aus seinem Job gekippt und dann von seiner kaltschnäuzig verbiesterten Frau (Tilda Swinton in einer wunderbaren Variante ihrer Eisköniginnennummer) im Scheidungskrieg gerupft.

George Clooney gibt in "Burn after Reading" einen ehemaligen Personenschützer, der nun hochbezahlten Innendienst schiebt, aber in einer Mischung aus seliger Faulheit und kribbelndem Donjuanismus vor allem Schürzen jagt. Und J. K. Simmons (der Zeitungszar aus den "Spider-Man"-Filmen) liefert das wunderbare Porträt eines genervten CIA-Chefs, der mit dem Rechtsstaat so umgeht wie ein sehr nervöser Mann mit einem gut zerrupfbaren Papiertaschentüchlein, dies allerdings in mörderischer Ruhe.

Erzählt wird diese Geheimdienst- und Wertekollapsposse von den Coens mit starken Kontrasten zwischen fröhlicher Albernheit und drastischer Härte. Letztlich ist die Gefahr für die Individuen so groß wie in ihrem vorigen, sehr düsteren und nihilistischen Film "No Country for old Men". Aber wir befinden uns nun in einer Welt, in der die einen aus Zynismus, die anderen aus Beschränktheit nicht einsehen können, dass aus ihrem Handeln Leid erwachsen wird.

So verwandeln sich denn Mord und Totschlag in Rückmeldungen der Wirklichkeit, die wir als Zuschauer beinahe mit Schadenfreude, ein wenig aber doch auch mit Bestürzung zur Kenntnis nehmen. Minutiös aufgebaut, superb ausgeleuchtet, spannend fotografiert, stellt "Burn after Reading" seine schwer karikierten Figuren in ganz und gar glaubhafte Büros, Wohnungen und Läden. So müssen wir uns also fragen, wie nahe dran an der Wirklichkeit diese schrägen Figuren vielleicht doch sein könnten.
 
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