Lornas Schweigen
Und im Wald redet sie doch
Ruprecht Skasa-Weiß, veröffentlicht am 09.10.2008
Filmbeschreibung
Dies ist ein wundervoller Film, fesselnd, intensiv gespielt, thematisch wünschenswert gegenwartsnah - aber wenn ich aufs Ende sehe, klag ich wehe, wehe ... Dieser Schluss ergreift mich nicht; ich finde ihn belämmernd. Man kennt ja die belgischen Brüder Dardenne, sie sind bekannt für kleine, verstörende, unruhvoll mit der Handkamera verfolgte Jungleutedramen, mehrfach palmengekrönt in Cannes - und nun?
"Lornas Schweigen" erzählt in lapidaren Sequenzen, wie die junge Albanerin Lorna sich - gemeinsam mit ihrem Freund - in Belgien eine Zukunft aufzubauen gedenkt. Sie hat einen Junkie geheiratet, zum Schein natürlich und um dem Burschen zu helfen, jetzt soll er ihr's zurückzahlen, damit sie ungehindert gewissen Geschäften mit einer Russengang nachgehen kann. Ein "Taxifahrer" steht als Mittelsmann parat. Der macht ihr Druck und warnt sie zugleich, weil Scheidungsbegehren das Misstrauen der Behörden wecken. Um das Verfahren zu beschleunigen, fordert sie den Junkie auf, ihr ins Gesicht zu schlagen - Gewalttaten machen Trennungsbegehren glaubhaft. Aber der in Entzugsqualen wimmernde Junkie hat weder die Kraft noch das Herz, sie zusammenzuschlagen. Da macht sie es selber: knallt den Kopf gegen die Wand, steht da, keuchend vor Schmerz, blutend, aber zufrieden. Ihr Lebensplan hat wieder eine Zukunft, der geliebte Freund darf hoffen. Mit dem Geld der Russen werden sie sich ein Lokal anschaffen. Klingt wie ein Krimi fürs kleinere Fernsehformat.
Und das ist es dann beinah auch. Erst dachte man schon, hier die perfekte Anwärterin für einen Agententhriller zu sehen, so taff, kühl, zielgerichtet macht sich die Dame (sehr apart, entdeckenswert: Arta Dobroshi) an ihr perfides Geschäft. Spätestens mit dem Hirnschlag wird aber erkennbar, dass in der Dame viel Leidensbereitschaft steckt. Als der Junkie die Nerven verliert, beruhigt sie ihn, indem sie sich nackt vor ihn hinstellt. Effekt: die zwei schlafen sogar miteinander. Und in der Klinik erfährt sie, dass sie geschwängert sei, was weder gut für die Scheidung ist noch für den Russendeal. Frau mit Kind? Kommt für die Gangster nicht in Frage.
Lorna will das Kind behalten, sogar dem Junkie läuft sie wieder nach. Doch die Lage scheint derart bedrohlich, dass sie das Russengeld zurückzahlt. Wenig später ist der Junkie tot, verreckt an einer Überdosis Heroin - und in der Klinik muss sie hören, dass sie kein Kind kriegen wird, was dem Taxifahrer, mithin auch den Russen, nicht entgeht. Sie aber glaubt an das Kind und ahnt, dass die Kerle sich ihrer entledigen wollen. Als einer sie abholt vom Krankenhaus, schützt sie ein Bedürfnis vor - der Stein, den sie mitbringt vom Pinkeln, stürzt auf den Russenschädel, sie selber stürzt in den Wald.
Und dort verirrt sich der Film dann definitiv. "Wir laufen besser", brabbelt sie vor sich hin und hetzt weiter. Eine Hütte aufbrechend, Reisig sammelnd, sagt sie Wir-Sätze folgender Art: "Wir müssen uns ein Feuer machen." Und zur Erklärung: "Ich lass dich nicht sterben. Ich ließ deinen Vater sterben." Ihr Glaube an das Kind lebt weiter, aber mein Glaube an den Film ist da gestorben. Die Dardennes scheinen auf einen Holzweg geraten zu sein, vorgezeichnet von Jean-Pierres Buch - dagegen kommt auch der klare Schnitt, die ruhige Kamera, Lucs bewährt sensible, mit Naturlicht arbeitende Regie nicht an. Aber kurios: just fürs Drehbuch gab's beim Festival in Cannes eine Palme. Eine Art Trostpreis?
"Lornas Schweigen" erzählt in lapidaren Sequenzen, wie die junge Albanerin Lorna sich - gemeinsam mit ihrem Freund - in Belgien eine Zukunft aufzubauen gedenkt. Sie hat einen Junkie geheiratet, zum Schein natürlich und um dem Burschen zu helfen, jetzt soll er ihr's zurückzahlen, damit sie ungehindert gewissen Geschäften mit einer Russengang nachgehen kann. Ein "Taxifahrer" steht als Mittelsmann parat. Der macht ihr Druck und warnt sie zugleich, weil Scheidungsbegehren das Misstrauen der Behörden wecken. Um das Verfahren zu beschleunigen, fordert sie den Junkie auf, ihr ins Gesicht zu schlagen - Gewalttaten machen Trennungsbegehren glaubhaft. Aber der in Entzugsqualen wimmernde Junkie hat weder die Kraft noch das Herz, sie zusammenzuschlagen. Da macht sie es selber: knallt den Kopf gegen die Wand, steht da, keuchend vor Schmerz, blutend, aber zufrieden. Ihr Lebensplan hat wieder eine Zukunft, der geliebte Freund darf hoffen. Mit dem Geld der Russen werden sie sich ein Lokal anschaffen. Klingt wie ein Krimi fürs kleinere Fernsehformat.
Und das ist es dann beinah auch. Erst dachte man schon, hier die perfekte Anwärterin für einen Agententhriller zu sehen, so taff, kühl, zielgerichtet macht sich die Dame (sehr apart, entdeckenswert: Arta Dobroshi) an ihr perfides Geschäft. Spätestens mit dem Hirnschlag wird aber erkennbar, dass in der Dame viel Leidensbereitschaft steckt. Als der Junkie die Nerven verliert, beruhigt sie ihn, indem sie sich nackt vor ihn hinstellt. Effekt: die zwei schlafen sogar miteinander. Und in der Klinik erfährt sie, dass sie geschwängert sei, was weder gut für die Scheidung ist noch für den Russendeal. Frau mit Kind? Kommt für die Gangster nicht in Frage.
Lorna will das Kind behalten, sogar dem Junkie läuft sie wieder nach. Doch die Lage scheint derart bedrohlich, dass sie das Russengeld zurückzahlt. Wenig später ist der Junkie tot, verreckt an einer Überdosis Heroin - und in der Klinik muss sie hören, dass sie kein Kind kriegen wird, was dem Taxifahrer, mithin auch den Russen, nicht entgeht. Sie aber glaubt an das Kind und ahnt, dass die Kerle sich ihrer entledigen wollen. Als einer sie abholt vom Krankenhaus, schützt sie ein Bedürfnis vor - der Stein, den sie mitbringt vom Pinkeln, stürzt auf den Russenschädel, sie selber stürzt in den Wald.
Und dort verirrt sich der Film dann definitiv. "Wir laufen besser", brabbelt sie vor sich hin und hetzt weiter. Eine Hütte aufbrechend, Reisig sammelnd, sagt sie Wir-Sätze folgender Art: "Wir müssen uns ein Feuer machen." Und zur Erklärung: "Ich lass dich nicht sterben. Ich ließ deinen Vater sterben." Ihr Glaube an das Kind lebt weiter, aber mein Glaube an den Film ist da gestorben. Die Dardennes scheinen auf einen Holzweg geraten zu sein, vorgezeichnet von Jean-Pierres Buch - dagegen kommt auch der klare Schnitt, die ruhige Kamera, Lucs bewährt sensible, mit Naturlicht arbeitende Regie nicht an. Aber kurios: just fürs Drehbuch gab's beim Festival in Cannes eine Palme. Eine Art Trostpreis?
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