Hellboy - Die goldene Armee

Der Migrant von ganz woanders

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 16.10.2008
Filmbeschreibung
Er ist das ultimative Migrantenkind, ein Zuwanderer, der sich in der neuen Umgebung zwar anpassen möchte, aber schon durch Hautfarbe und Physiognomie nicht verleugnen kann, dass er von anderswo kommt. Hellboy kommt sogar von ziemlich anderswo, direkt aus der Hölle nämlich. Dieser derbe rote Klotz, der auf dem wuchtigen Schädel die Stümpfe abgefeilter Hörner trägt (ein Tribut an die neue diesseitige Leitkultur), ist einst bei einem okkulten Experiment der Nazis in unsere Welt gelangt. In den Comics von Mike Mignola und im Kino, wo er vor vier Jahren schon einmal auftrat, arbeitet Hellboy als Agent einer Behörde für paranormale Erkundung und Abwehr. Will heißen, er jagt Monster und Dämonen, was theoretisch ein Job mit hohem Medienprofil sein könnte. Dummerweise besteht die US-Regierung auf absoluter Geheimhaltung.

Auch in "Hellboy 2 - Die goldene Armee", den wieder der spanische Regisseur Guillermo del Toro für Hollywood inszeniert hat, nagt der Zwang zum Versteckspiel an Hellboy. Diesem Teufel ist eine Lust an der lauten Selbstdarstellung eigen, die mehr ist als Eitelkeit. Hellboy will draußen herumpolterm, fotografiert, beklatscht, um Autogramme gebeten werden, weil er dann weiß, dass er angekommen und aufgenommen ist. Im geheimen Hauptquartier seiner Truppe leben lauter Sonderlinge wie er. Sein engster Freund ist ein Fischmensch, der aussieht wie der Rachegott aus dem Fiebertraum eines Aquarianers, der den Tank schon lang nicht mehr geputzt hat. Sein Vorgesetzter, Johann Krauss, ist ein Ektoplasma, eine Nebelwolke aus anderen Sphären also, die nur aus Gründen der Akzeptanzerhöhung in einem gehfähigen, an einen Taucheranzug erinnernden Kessel zur Arbeit erscheint. Hellboys Freundin Liz (Selma Blair) dagegen ist nicht weiter auffällig, bis ihr Gemüt in Wallung gerät. Dann geht sie in Flammen auf.

Unser enthörnter Held, den wie im ersten Film Ron Perlman spielt, kommt mehr oder weniger gut klar mit diesen Außenseitern, er verkraftet eine Weile auch das Weggesperrtsein in einer Bunkeranlage voll bizarrer Labore. Aber ab und an will er raus aus dieser Parallelgesellschaft, will er ein Teufel sein wie keiner vor ihm, will er als ganz normaler knallroter Dreizentner-Höllenauswurf oben ein Bierchen trinken und Schlagzeilen liefern. Guillermo del Toro erzählt in "Hellboy 2" von den Problemen einer Welt, deren Bürger Heimat nicht mehr als selbstverständliches Erbe, sondern als unerreichbares Arbeitsziel erleben. Das ist der schönste Zug dieser ungewöhnlichen Comicverfilmung.

Eine andere Differenz zur Umgebung verbindet Hellboy mit manch menschlichem Actionhelden. Er ist ein Proletarier in einer Welt der smarten Kopfarbeiter, ein Relikt der güterfesten Industriewelt in einer Sphäre ungreifbarer Informationsflüsse, ein offener Raubauz in einer Arena endloser Maskenspiele. Diese Fremdheit wird in "Hellboy 2" nicht einfach als Kolorit einer Figur eingesetzt, die dann vor allem Krawall und Witze liefern soll. Sie wird zum zentralen Problem erklärt. Hellboy und seine Gefährten bekommen es mit Nuada (Luke Goss) zu tun, einem im Hader abgedankten Elfenprinzen, der den diffizilen Frieden zauberischer Geschöpfe mit den Menschen nicht akzeptieren kann, der ihn als fortwährende Rückdrängung bis an den Rand der Ausrottung erlebt.

Auf mehreren Ebenen gibt der Regisseur del Toro diesem Argument recht. Er zeigt die Zauberwesen mit Liebe und Hingabe als räudigen Rest einstiger Weltmächte. Dabei stellt er nicht einfach ein paar Fantasieentwürfe vor uns hin. Die Kreaturen jenseits unserer Alltagswahrnehmung in "Hellboy 2" haben Ähnlichkeit mit den Wesen in dem sehr viel ernsteren Del-Toro-Film "Pans Labyrinth". Sie changieren zwischen Volkskunst und Kommerzhorror, frühem Seriencomic und surrealem Kunstgemälde, Religion, Aberglaube und Tagtraum.

Wie der Comicautor Neil Gaiman in seiner "Sandman"-Reihe scheinen Mignola und del Toro, die sich den Film gemeinsam ausgedacht haben, ein Multiversum zu suggerieren, in dem alles lebendig ist, was sich Menschen je ausgedacht haben. Oder, anders herum gesagt, in dem all das seinen Ursprung hat, was die Menschen in ihren Fabeln, Filmen, Märchen, Mythen und Romanen als Ahnung eines anderen Lebens jenseits der eigenen Regeln bruchstückhaft zu beschreiben versuchten. Del Toro lässt diese andere Welt nicht nur aus dem Computer entstehen, sein Film verschmilzt wirkungsvoll virtuelle Bilder und reale Masken, Bauten und Tricksereien. Das verleiht den Fantasiewesen große Präsenz und Glaubhaftigkeit.

Er gehöre nicht zu den Menschen, er gehöre auf die andere Seite - auf die Seite der Rebellen gegen die taglichtblassen Herrscher der Erde. Dieser Vorwurf von Nuada trifft Hellboy im Kern seiner Existenz. Womit wir bei der Schwäche dieses vergnüglichen Themen- und Bilderbogens wären. Er weist uns auf den großen Konflikt von Hellboy hin, aber er entwickelt ihn noch nicht. Er lässt den roten Teufel die Provokation spüren und noch einmal wegstecken, macht aber klar, wie schwer das fällt. Mit anderen Worten, "Hellboy 2" wirkt wie ein sehr langer Trailer für "Hellboy 3", in dem wir dann hoffentlich eine Geschichte vom inneren Zerrissenwerden erzählt bekommen.
 
Mehr StZ Filmkritiken

Alle Artikel anzeigen
Anzeigen

Was möchten Sie unternehmen?
Wann möchten Sie etwas unternehmen?
vorheriger Monat
Monat
kommender Monat
Heute Morgen Akt. Woche
MODIMIDOFRSASO
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
Aktuelle Videos


Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Trailer oder Video auf filmstarts.de