Nacht der Kultur
Sogar auf dem Friedhof spielt Musik
Christine Keck, veröffentlicht am 19.10.2008
Stuttgart - Beschwingter Jazz auf dem Heslacher Friedhof, Theater im Bus oder eine Tanzperfomance in der Villa der Humanisten. An ungewöhnlichen Orten hat die Stuttgartnacht am Samstag 14.000 Besuchern eine Kultur für alle Geschmäcker präsentiert.
Von Christine Keck
Bilder von Cityfotograf Markus anzeigen
Es ist wie ein Fünfgangmenu, dessen einzelne Überraschungen an verschiedenen Orten eingenommen werden müssen. Bei der Stuttgartnacht können die Besucher nicht gemütlich im Theatersessel versinken, nein, sie bleiben immer auf Achse, setzen sich zwischendurch in einen der Sonderbusse und haben die Wahl zwischen mehr als 70 Veranstaltungsorten in der Stadt. Eine schwierige Entscheidung, weil man weiß, dass man immer vieles verpasst.
Kein Platz für Trauer
Als Appetithäppchen ist der Heslacher Friedhof kein schlechter Start. Dort beleuchten weiße Laternen die Gräber, riecht es hinterm Eingangstor nach Glühwein und die Ankommenden werden charmant begrüßt: "Wollen Sie mal Probe liegen?" In der bis auf den letzten Stuhl gefüllten Aussegnungshalle herrscht sogar Partylaune, wippen die Schuhe mit. Der angekündigte Südstaaten-Beerdigungssound lässt keinen Platz für Trauer. Vor den feierlichen Blumengestecken und extra aufgestellten Büschen bringen die New Orleans Celebrators Schwung in die Halle. Das unermüdliche Banjo macht Lust zum Tanzen, das Sousafon holt die Übermütigen wieder auf den Boden. "Wir spielen auf Beerdigungen, aber natürlich nicht nur", macht Klarinettist Manfred Bauerle Werbung. Etwas Moll am Grab, dann ein Marsch und später ginge mit Dixieland die Post ab, erzählt der Freizeitmusiker, der früher als Architekt sein Geld verdient hat.
Die persönliche Planung bei der Stuttgartnacht muss stimmen, sonst steht man ständig vor verschlossenen Türen. "Einlass nur zu Programmbeginn", so heißt es etwa in der Leonhardskirche, in der Domsingschule oder am Bus auf dem Schlossplatz, den die Theatergruppe Lokstoff bespielt. Auch im Humanistischen Zentrum an der Mörikestraße finden im Stundentakt Tanzvorführungen statt. Schon das Haus an sich ist den Besuch wert, durchs Marmorentree geht es hinein ins luxuriöse Innere der denkmalgeschützten Villa, die 1911 von dem jüdischen Bankier Rudolf Kaulla erbaut worden ist.
Die freireligiöse Gemeinde der Humanisten hat ihr Domizil für die Kulturnacht einem Geschwistertrio überlassen. Am Pinsel und Bleistift: Horst-Markus Steinmeyer. Seine Acrylbilder zeigen Stuttgarter Ansichten, aber auch kontrastreiche Stillleben. Am Saxofon: Frank-Jochen Steinmeyer - im Duett mit dem Komponisten und Pianisten Helmar Breig. Die sanften Jazzklänge schwingen übers Intarsienparkett, treffen auf gut gelaunte Besucher, die sich an Lachs- und Rauchfleischcanapés stärken.
Bewegung wird mit simplen Lauten verbunden
An der kleinen Lampe: Ann-Barbara Steinmeyer. Die Rhythmikerin spielt mit Licht, lässt es tanzen, tasten, aufleuchten und macht es zu Beginn ihrer Performance erst mal ganz aus. Die Zuschauer warten im Dunkeln, hören das Parkett knarzen. Was aussieht wie glimmende Kohle, ist eine Campinglampe, zwischen ihren Fingern versteckt: ein rotes Schimmern. Die Künstlerin verbindet Bewegung mit simplen Lauten, verstärkt diese mit der Querflöte und lässt ihren eigenen Schatten über die Decke gleiten. Bis schließlich wieder das Licht ausgeht.
Draußen wandern viele durch die Nacht: vom Rathaus zum Schauspielhaus, vom Fernsehturm zur Kaffeerösterei Hochland. In den Reinsburghallen im Westen haben die Künstler Anna und Mario Ohno ihr Wohnatelier geöffnet. Und all jene, die noch keine müden Beine haben, machen mit bei der Schnelleinführung in den Tango. Zum Abschluss ist ein Tässchen Gewürztee im Heslacher Theater am Faden genau das richtige. Im Garten flackern Kerzen, drinnen im Fachwerkhaus zupft Ingo Anhenn eine Surbahar. Indische Meditationsklänge so kurz vor Mitternacht sind gefährlich. So manchem fallen mitten im Konzert die Augen zu.
Von Christine Keck

Es ist wie ein Fünfgangmenu, dessen einzelne Überraschungen an verschiedenen Orten eingenommen werden müssen. Bei der Stuttgartnacht können die Besucher nicht gemütlich im Theatersessel versinken, nein, sie bleiben immer auf Achse, setzen sich zwischendurch in einen der Sonderbusse und haben die Wahl zwischen mehr als 70 Veranstaltungsorten in der Stadt. Eine schwierige Entscheidung, weil man weiß, dass man immer vieles verpasst.
Kein Platz für Trauer
Als Appetithäppchen ist der Heslacher Friedhof kein schlechter Start. Dort beleuchten weiße Laternen die Gräber, riecht es hinterm Eingangstor nach Glühwein und die Ankommenden werden charmant begrüßt: "Wollen Sie mal Probe liegen?" In der bis auf den letzten Stuhl gefüllten Aussegnungshalle herrscht sogar Partylaune, wippen die Schuhe mit. Der angekündigte Südstaaten-Beerdigungssound lässt keinen Platz für Trauer. Vor den feierlichen Blumengestecken und extra aufgestellten Büschen bringen die New Orleans Celebrators Schwung in die Halle. Das unermüdliche Banjo macht Lust zum Tanzen, das Sousafon holt die Übermütigen wieder auf den Boden. "Wir spielen auf Beerdigungen, aber natürlich nicht nur", macht Klarinettist Manfred Bauerle Werbung. Etwas Moll am Grab, dann ein Marsch und später ginge mit Dixieland die Post ab, erzählt der Freizeitmusiker, der früher als Architekt sein Geld verdient hat.
Die persönliche Planung bei der Stuttgartnacht muss stimmen, sonst steht man ständig vor verschlossenen Türen. "Einlass nur zu Programmbeginn", so heißt es etwa in der Leonhardskirche, in der Domsingschule oder am Bus auf dem Schlossplatz, den die Theatergruppe Lokstoff bespielt. Auch im Humanistischen Zentrum an der Mörikestraße finden im Stundentakt Tanzvorführungen statt. Schon das Haus an sich ist den Besuch wert, durchs Marmorentree geht es hinein ins luxuriöse Innere der denkmalgeschützten Villa, die 1911 von dem jüdischen Bankier Rudolf Kaulla erbaut worden ist.
Die freireligiöse Gemeinde der Humanisten hat ihr Domizil für die Kulturnacht einem Geschwistertrio überlassen. Am Pinsel und Bleistift: Horst-Markus Steinmeyer. Seine Acrylbilder zeigen Stuttgarter Ansichten, aber auch kontrastreiche Stillleben. Am Saxofon: Frank-Jochen Steinmeyer - im Duett mit dem Komponisten und Pianisten Helmar Breig. Die sanften Jazzklänge schwingen übers Intarsienparkett, treffen auf gut gelaunte Besucher, die sich an Lachs- und Rauchfleischcanapés stärken.
Bewegung wird mit simplen Lauten verbunden
An der kleinen Lampe: Ann-Barbara Steinmeyer. Die Rhythmikerin spielt mit Licht, lässt es tanzen, tasten, aufleuchten und macht es zu Beginn ihrer Performance erst mal ganz aus. Die Zuschauer warten im Dunkeln, hören das Parkett knarzen. Was aussieht wie glimmende Kohle, ist eine Campinglampe, zwischen ihren Fingern versteckt: ein rotes Schimmern. Die Künstlerin verbindet Bewegung mit simplen Lauten, verstärkt diese mit der Querflöte und lässt ihren eigenen Schatten über die Decke gleiten. Bis schließlich wieder das Licht ausgeht.
Draußen wandern viele durch die Nacht: vom Rathaus zum Schauspielhaus, vom Fernsehturm zur Kaffeerösterei Hochland. In den Reinsburghallen im Westen haben die Künstler Anna und Mario Ohno ihr Wohnatelier geöffnet. Und all jene, die noch keine müden Beine haben, machen mit bei der Schnelleinführung in den Tango. Zum Abschluss ist ein Tässchen Gewürztee im Heslacher Theater am Faden genau das richtige. Im Garten flackern Kerzen, drinnen im Fachwerkhaus zupft Ingo Anhenn eine Surbahar. Indische Meditationsklänge so kurz vor Mitternacht sind gefährlich. So manchem fallen mitten im Konzert die Augen zu.
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