Anonyma - Eine Frau in Berlin
Gesucht: Wolf unter Bären
Ruprecht Skasa-Weiß, veröffentlicht am 23.10.2008
Filmbeschreibung
Vergangenheitsbegehung, dazu lädt das deutsche Hochglanzkino ein, seitdem die Zeit des Bewältigens vorbei ist. Vom "Untergang" bis zum "Baader Meinhof Komplex", von "Sophie Scholl" bis zu "Aimée & Jaguar": Filme mit historischem Kolorit sind im Schwang. Jetzt bittet Max Färberböck, der "Aimée"-Regisseur, zum Vergangenheitsbegängnis der besondren Art: "Anonyma - Eine Frau in Berlin" handelt von den Massenvergewaltigungen, die russische Soldaten im April 45 an deutschen Frauen verübten. Nina Hoss mimt die Frau, die das Leid am Leib erfuhr - und die es wenden wollte, auf dass es keines für sie sei.
Berlin zertrümmert, die Stadt gelbgrau befreit in Schutt und Asche - kaum ist das russische Kinderlied piepsfein verklungen, lässt uns die Kamera in Häuserkrater starren, und aus dem Off spricht eine Frau: "Wer hätte das gedacht?" Die Stimme gehört Nina Hoss, und dass sie sofort im Voice-over eingesetzt würde, hatten wir uns gedacht. Ohne Voice-over läuft im Kino nichts mehr.
Färberböck inszeniert, wie es bei Schicksalsstoffen Mode ist, wuchtfilmgemäß pastos, breiig, figurenreich-furios in der Kamerataumelei. Schnitt, sehen wir ihre Finger vor der Schreibmaschine, Schnitt, markiert sie, strahlend mit Dutt, das Champagnerglas in der Hand, die Attraktion einer Nazi-Endzeitgesellschaft, wumm, bricht das Inferno los mit Dolby-Getöse, Weißblende und einem im Nebel brüllenden Offizier - Färberböck macht auf Kriegsfilm, mit Szenen, die er sich aus dem "Untergang" hätte besorgen können, dessen platte Oben-unten-Dramaturgie er variiert zur Drinnen-draußen-Konfrontation.
Draußen, da tobt der russische Bär, tanzen und marodieren die Rotarmisten, drinnen kauern verstörte Frauen, Freiwild der Sieger. Blakendes Licht, Scheinwerferreflexe. "Frau, komm!" Eine Karre mit verschrumpelten Kartoffeln holpert ins Bild. "Seid lieb! Dann kriegt ihr was zu fressen!" Der Film müht sich, die Russen als seelenvolle Tapse zu zeigen, ungeschlacht bäurisch, mit viehischen Typen in ihren Reihen, aber insgesamt gutmütig freundlich. Damit manövriert sich die Dramaturgie in die erste Klemme.
Denn es kam zu etwa 130 000 Vergewaltigungen damals, allein in Berlin. Massenhaft: Männer (russische) entmenschen übersprungartig, vertieren in riesigen Rudeln, treiben Notzucht im Kollektiv, es ist ein Phänomen, mit welchem allenfalls besonders illusionslose Anthropologen rechnen. Entsetzlich. Und, man mache sich nichts vor: das Volk, das in Kriegswirren nicht plündernd, marodierend, vergewaltigend seine Übermacht auslebt, muss erst noch erfunden werden.
Doch die Kollektivpsychologie interessiert Färberböck kaum. Was interessiert ihn dann? Die Leerstelle, die sein Film aufweist, kaschiert er durch ein anderes Interesse, das an den Tätern wie an den 130 000 Opfern fallbezogen vorbeisieht. Scheinbar handelt er folgerichtig, denn er "verfilmt" ein Buch, die Diarien einer regimetreuen intellektuellen Nationalsozialistin, deren Notate, erstmals publiziert in Enzensbergers Anderer Bibliothek, nun als Taschenbuch vorrätig sind, wohlfeil, aber von geringer Mustergültigkeit. Die Frau entschied sich fürs Zuvorkommen. Sie suchte sich ihren Vergewaltiger aus, bevor der nur daran dachte, sich ihr ungebührlich zu nähern - vorauseilend. Im Tagebuch, Eintrag 1. Mai 45, heißt die Stelle: "Als ich aufstand, Schwindel, Brechreiz ... Sagte dann laut: Verdammt! und fasste einen Entschluss. Ganz klar: Hier muss ein Wolf her, der mir die Wölfe vom Leibe hält. Offizier, so hoch es geht, Kommandant, General, was ich kriegen kann. Wozu habe ich meinen Grips und mein bisschen Kenntnis der Feindsprache? Fühlte mich körperlich wieder besser, nun, da ich etwas tat, plante und wollte, nicht mehr nur stumme Beute war."
Was sie kriegen kann: so redet eine Nazijournalistin, die selbst im Untergang gelernt hat, sich ihre Ziele herrenmenschlich zu "nehmen". Nina Hoss, die diese kalt entschlossene Überlebensstrategin darstellen soll, nennt die Rolle mutig und eindrucksvoll, bei aller Zwiespältigkeit. Andere Interpreten formulieren gar: "Um ihre Würde zu bewahren, sucht sich Anonyma einen Offizier, der sie schützt." Und die restlichen der Frauen? Die hätten sich dann feig missbrauchen lassen, würdelos obendrein? Hier manövriert der Film sich in die zweite Klemme.
Anonyma taugt nicht zur Heldin. "Die meisten meiner Landsleute sind nicht von großem Geschick, wenn es gilt, die eigene Haut zu retten", räsoniert sie. Du musst dich vorbeugend als Sexobjekt offerieren, Lebensuntüchtige schaffen das nicht - kann das die Botschaft sein? Natürlich nicht. Der Film ist aussageleer. Und Nina Hoss? Durchschreitet ihn wie ein verhärmtes blondes Gretchen, stolz-elegant im langen Mantel, apart, doch ohne Charakterkontur, ohne den Schnodderton des Originals. Die Dreharbeit muss peinvoll gewesen sein. Im Rückblick, befragt, wo die Rolle sie ratlos machte, gab sie zu: "Ratlos war ich eigentlich permanent."
Zuletzt bleibt auch das Publikum ratlos. Dass sie ihren "Wolf" lieben lernt (Jewgenij Sidikhin), dass beide kitschig Händchen halten, dass sie träumerisch fantasiert: "Vielleicht sehen wir uns wieder, irgendwann" - das macht nicht ratlos, es macht platt. Platter mag nur noch Anonymas Lebensgefährte gewesen sein, dem sie das Tagebuch aufklärerisch zugedacht hatte. Der Mann (August Diehl) reagierte verständnislos, nannte vergewaltigte Frauen "schamlos wie Hündchen", meinte in Wahrheit den Ausplauderungsakt. Verdrängen, verschweigen war angezeigt. Das Schweigeabkommen der Frauen trug bei, das Fortbestehen der Gesellschaft zu sichern. Färberböcks Film? Scheint weniger hilfreich.
Berlin zertrümmert, die Stadt gelbgrau befreit in Schutt und Asche - kaum ist das russische Kinderlied piepsfein verklungen, lässt uns die Kamera in Häuserkrater starren, und aus dem Off spricht eine Frau: "Wer hätte das gedacht?" Die Stimme gehört Nina Hoss, und dass sie sofort im Voice-over eingesetzt würde, hatten wir uns gedacht. Ohne Voice-over läuft im Kino nichts mehr.
Färberböck inszeniert, wie es bei Schicksalsstoffen Mode ist, wuchtfilmgemäß pastos, breiig, figurenreich-furios in der Kamerataumelei. Schnitt, sehen wir ihre Finger vor der Schreibmaschine, Schnitt, markiert sie, strahlend mit Dutt, das Champagnerglas in der Hand, die Attraktion einer Nazi-Endzeitgesellschaft, wumm, bricht das Inferno los mit Dolby-Getöse, Weißblende und einem im Nebel brüllenden Offizier - Färberböck macht auf Kriegsfilm, mit Szenen, die er sich aus dem "Untergang" hätte besorgen können, dessen platte Oben-unten-Dramaturgie er variiert zur Drinnen-draußen-Konfrontation.
Draußen, da tobt der russische Bär, tanzen und marodieren die Rotarmisten, drinnen kauern verstörte Frauen, Freiwild der Sieger. Blakendes Licht, Scheinwerferreflexe. "Frau, komm!" Eine Karre mit verschrumpelten Kartoffeln holpert ins Bild. "Seid lieb! Dann kriegt ihr was zu fressen!" Der Film müht sich, die Russen als seelenvolle Tapse zu zeigen, ungeschlacht bäurisch, mit viehischen Typen in ihren Reihen, aber insgesamt gutmütig freundlich. Damit manövriert sich die Dramaturgie in die erste Klemme.
Denn es kam zu etwa 130 000 Vergewaltigungen damals, allein in Berlin. Massenhaft: Männer (russische) entmenschen übersprungartig, vertieren in riesigen Rudeln, treiben Notzucht im Kollektiv, es ist ein Phänomen, mit welchem allenfalls besonders illusionslose Anthropologen rechnen. Entsetzlich. Und, man mache sich nichts vor: das Volk, das in Kriegswirren nicht plündernd, marodierend, vergewaltigend seine Übermacht auslebt, muss erst noch erfunden werden.
Doch die Kollektivpsychologie interessiert Färberböck kaum. Was interessiert ihn dann? Die Leerstelle, die sein Film aufweist, kaschiert er durch ein anderes Interesse, das an den Tätern wie an den 130 000 Opfern fallbezogen vorbeisieht. Scheinbar handelt er folgerichtig, denn er "verfilmt" ein Buch, die Diarien einer regimetreuen intellektuellen Nationalsozialistin, deren Notate, erstmals publiziert in Enzensbergers Anderer Bibliothek, nun als Taschenbuch vorrätig sind, wohlfeil, aber von geringer Mustergültigkeit. Die Frau entschied sich fürs Zuvorkommen. Sie suchte sich ihren Vergewaltiger aus, bevor der nur daran dachte, sich ihr ungebührlich zu nähern - vorauseilend. Im Tagebuch, Eintrag 1. Mai 45, heißt die Stelle: "Als ich aufstand, Schwindel, Brechreiz ... Sagte dann laut: Verdammt! und fasste einen Entschluss. Ganz klar: Hier muss ein Wolf her, der mir die Wölfe vom Leibe hält. Offizier, so hoch es geht, Kommandant, General, was ich kriegen kann. Wozu habe ich meinen Grips und mein bisschen Kenntnis der Feindsprache? Fühlte mich körperlich wieder besser, nun, da ich etwas tat, plante und wollte, nicht mehr nur stumme Beute war."
Was sie kriegen kann: so redet eine Nazijournalistin, die selbst im Untergang gelernt hat, sich ihre Ziele herrenmenschlich zu "nehmen". Nina Hoss, die diese kalt entschlossene Überlebensstrategin darstellen soll, nennt die Rolle mutig und eindrucksvoll, bei aller Zwiespältigkeit. Andere Interpreten formulieren gar: "Um ihre Würde zu bewahren, sucht sich Anonyma einen Offizier, der sie schützt." Und die restlichen der Frauen? Die hätten sich dann feig missbrauchen lassen, würdelos obendrein? Hier manövriert der Film sich in die zweite Klemme.
Anonyma taugt nicht zur Heldin. "Die meisten meiner Landsleute sind nicht von großem Geschick, wenn es gilt, die eigene Haut zu retten", räsoniert sie. Du musst dich vorbeugend als Sexobjekt offerieren, Lebensuntüchtige schaffen das nicht - kann das die Botschaft sein? Natürlich nicht. Der Film ist aussageleer. Und Nina Hoss? Durchschreitet ihn wie ein verhärmtes blondes Gretchen, stolz-elegant im langen Mantel, apart, doch ohne Charakterkontur, ohne den Schnodderton des Originals. Die Dreharbeit muss peinvoll gewesen sein. Im Rückblick, befragt, wo die Rolle sie ratlos machte, gab sie zu: "Ratlos war ich eigentlich permanent."
Zuletzt bleibt auch das Publikum ratlos. Dass sie ihren "Wolf" lieben lernt (Jewgenij Sidikhin), dass beide kitschig Händchen halten, dass sie träumerisch fantasiert: "Vielleicht sehen wir uns wieder, irgendwann" - das macht nicht ratlos, es macht platt. Platter mag nur noch Anonymas Lebensgefährte gewesen sein, dem sie das Tagebuch aufklärerisch zugedacht hatte. Der Mann (August Diehl) reagierte verständnislos, nannte vergewaltigte Frauen "schamlos wie Hündchen", meinte in Wahrheit den Ausplauderungsakt. Verdrängen, verschweigen war angezeigt. Das Schweigeabkommen der Frauen trug bei, das Fortbestehen der Gesellschaft zu sichern. Färberböcks Film? Scheint weniger hilfreich.
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