Barack Obama
Der Favorit redet nur noch Prosa
Andreas Geldner, veröffentlicht am 24.10.2008
Richmond - Barack Obama, der so viel Leidenschaft entfacht hat, will unmittelbar vor der US-Präsidentschaftswahl nichts mehr anbrennen lassen. Der klare Favorit auf den Wahlsieg setzt auf Vorsicht - und er verbreitet jetzt ein bisschen Langeweile.
Von Andreas Geldner
An der Vaterlandsliebe soll es im Coliseum von Richmond, der ehemaligen Hauptstadt der Südstaaten in Virginia, nicht fehlen. Doch es sind zwei ungewöhnliche Betonungen, die im "Pledge of Allegiance", dem rituellen Treueschwur für die Nation, einen Akzent setzen. "Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika", sagt die Vorrednerin vor mehr als zehntausend Zuschauern in der Stadionhalle. Sie spricht "vereinigt" so deutlich aus, dass jeder das Signal versteht.
Auch die Demokraten zeigen sich patriotisch
Die Republikaner, die Barack Obamas nationale Zuverlässigkeit in Frage stellen, sollen endlich kapieren, dass sie kein Monopol auf Patriotismus haben. "Eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden" - so endet der Schwur. Das Wort "jeden" schmettert die Frau so leidenschaftlich in die Arena, als wolle sie in dieses Wort die ganze Hoffnung auf ein neues Amerika legen.
Wenn sich der Erfolg eines Wahlkampfes daran messen ließe, wie viele Volt in der Atmosphäre einer politischen Arena in der Luft liegen, dann wäre Obama der haushohe Sieger. Wo McCain stille Entschlossenheit und trotziges Aufbäumen versammelt, tobt bei Obama der Saal schon, bevor er aus den Katakomben auftaucht. Hier klampft kein Countrymusiker, hier wird gerappt, was das Zeug hält. Die Cheerleader lassen nicht locker, bis die erste La-Ola-Welle ums Stadionrund schwappt und selbst ältere, weiße Herrschaften sich zu dem fast dreißig Jahre alten Soul-Gassenhauer "Celebration" von Kool & the Gang im Hüftschwung versuchen.
Obamas Auftritte sind oft mit Rockkonzerten verglichen worden. Was die Lautstärke der Zuschauer angeht, als der Kandidat mit einer Stunde Verspätung das Podium erklimmt, stimmt das immer noch. Doch der Demokrat hebt, etwas verhuscht, nur einen Arm zum Gruß. Obama hat gelernt, dem Feuerwerk der Emotionen zu misstrauen. Die Republikaner lauern auf jede Pose, die allzu messianisch wirken könnte.
Obama setzt die Pointen sparsam ein
Sperrig sind heute viele seiner Sätze, gespickt mit Wortungetümen. "Ich werde mit einem Steuerbonus neue Arbeitsplätze fördern", sagt er. "Ich werde die Kapitalertragssteuer für kleine Geschäftsleute abschaffen." Von seinen Steuerplänen für 95 Prozent der Amerikaner und 98 Prozent der kleinen Geschäftsleute redet er und von einem "Moratorium für Zwangsversteigerungen". Die Pointen setzt er nur sparsam, als fürchte er, dass sie ihn als Leichtgewicht erscheinen ließen.
"John McCain ist doch nur für Joe den Vorstandsvorsitzenden", sagt Obama. Der Demokrat hatte in Ohio vor einem inzwischen zum Star der republikanischen Wahlwerbespots gewordenen "Joe dem Klempner" von Verteilungsgerechtigkeit gesprochen. Nun muss er sich gegen den von McCain geschickt zugespitzten Vorwurf wehren, er nehme hart arbeitenden Amerikanern deren Geld weg.
Erst nach einer Dreiviertelstunde bricht sich der berühmteste Slogan der Kampagne Bahn. "Yes, we can! - Ja, wir schaffen es!", ruft die Menge. Obama zeigt kaum eine Regung. Nur bei patriotischen Aufwallungen lässt er das Publikum demonstrativ gewähren. "U-S-A! U-S-A! U-S-A!" skandieren die Menschen, als ihr Kandidat die Opfer der Soldaten im Irak und in Afghanistan beschwört. "Es gibt kein demokratisches und kein republikanisches Amerika. Es gibt kein schwarzes, kein weißes Amerika und kein Amerika der Latinos und der Asiaten. Es gibt kein Amerika der Heteros und der Homosexuellen. Es gibt kein Amerika der Frauen und Männer und keines der Jungen oder der Alten. Es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika!", sagt Obama an einem der wenigen Höhepunkte seiner Rede. Er weiß, dass er nur unter dem Banner der nationalen Einheit siegen kann. "Hoffnung - das bedeutet jetzt nur noch, seine Hypotheken abzuzahlen", schreibt die "New York Times" in einem Vergleich mit dem Obama vom Jahresanfang.
"Ich kann nicht der Vater für dein Kind sein"
Die Weißen stellen in Richmond eigentlich 40 Prozent der Bevölkerung. In der Halle sind sie drastisch unterrepräsentiert. Das ist nicht gut für die Fernsehbilder. Obama weiß, dass er beim schwarzen Publikum, das leicht in Ekstase zu bringen wäre, vorsichtig taktieren muss. "Wir alle müssen uns ändern. Wenn Erziehung gelingen soll, dann müssen Eltern die Fernseher aussschalten. Ich kann nicht der Vater für dein Kind sein - du musst der Vater für dein Kind sein!", sagt er.
Das sind kaum verklausulierte Sätze, welche die Erwartungen an einen schwarzen Präsidenten dämpfen sollen. Auch die Regie hat vorgesorgt: Sowohl der Treueschwur auf die Nation als auch die Nationalhymne werden von Weißen intoniert. Nur der schwarze Pastor, der das Eingangsgebet sprach, kann es sich nicht verkneifen, nach den guten Wünschen für die USA um einen Extrasegen für "Bruder Barack" zu bitten.
Die Hoffnungen im Publikum sind groß. Die 81-jährige Mollie Walter sitzt in der ersten Reihe und ist auf Obama so stolz, als wäre er ihr eigener Sohn. Sie erinnert sich, dass sie in den fünfziger Jahren in Richmond nicht ins Kino durfte, sie weiß, wie es für junge Schwarze immer irgendwo in ein Kellerloch ging, wenn sie ausgehen wollten: "Ich glaube er schafft es, ich bin optimistisch." Diesmal sieht sie sich auf der Siegerseite.
Die Demokraten sind nervös
Die Umfragen sehen gut aus, auch in Virginia. Wenn es nach der aktuellen Landkarte der für die Präsidentschaftswahl entscheidenden Wahlmännerstimmen aus den Bundesstaaten ginge, könnte der Republikaner McCain seine Wahlkampagne einstellen. Selbst wenn er Obama alle zurzeit wackligen Staaten abknöpfen könnte, würde es für ihn noch nicht reichen. Doch immer wieder machen andere, knappe Zahlen die Demokraten nervös. Nur um ein mageres Prozent sieht eine neue Umfrage der Nachrichtenagentur AP Obama im ganzen Land vorn. Das ist ein Ausreißer, aber der Wert wird viel zitiert.
McCains populistische Strategie, Obama als Sozialisten und Steuerverschwender zu brandmarken, scheint bei Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau zu verfangen. Zu allem Überfluss gelten auch manche vermeintliche Bastionen wie Pennsylvania trotz guter Umfragewerte nicht als hundertprozentig sicher. Doch wenn Pennsylvania noch wackeln könnte, wie kann dann das in Obamas Strategie unverzichtbare, bisher erzrepublikanische Virginia für ihn sicher sein?
Ein schneller Sieg ist Obama schon nach seinem Triumph bei der ersten Vorwahl der Demokraten in Iowa prophezeit worden. Der Weg zur Nominierung war dann viel quälender als gedacht. Doch in der Halle glauben sie, dass nur noch Gewalt ihren Helden stoppen könnte. "Sie haben doch schon einmal versucht, ihn umzubringen", sagt die 65-jährige Schwarze Theresa Caines. "Obama hat keine Angst, also habe ich auch keine Angst", sagt der 64-jährige Rhythm-and-Blues-Musiker John Pegram. "Ich bete ständig, dass Gott ihn beschützt." Kann Obama noch etwas zustoßen? Mit dieser Frage quält sich auch die 50-jährige Weiße Margaret Reynolds. "Bringt ihn um! Das haben sie doch schon auf Wahlversammlungen der Republikaner gerufen. Das jagt mir einen ganz schönen Schrecken ein."
Könnte ihr Amerika anders sein, als sie sich es hier erträumen? Gibt es da draußen eine trotzige, schweigende Mehrheit, die von keiner Umfrage erfasst wird und die im obamafreundlichen Chor der Medien untergeht? Barack Obama winkt am Ende nur kurz und macht für das Bad in der Menge nur einen ganz engen Bogen um das Podium. Er muss weiter. "Wir können nicht nachlassen!", hat er den Menschen zugerufen. "Ihr müsst jeden Tag bis zur Wahl kämpfen. Wir haben doch schon erlebt, was passieren kann." Kaum sind die Sätze gesprochen, hat die Menge sie mit einem donnernden "Yeah!" schon wieder restlos übertönt.
Von Andreas Geldner
An der Vaterlandsliebe soll es im Coliseum von Richmond, der ehemaligen Hauptstadt der Südstaaten in Virginia, nicht fehlen. Doch es sind zwei ungewöhnliche Betonungen, die im "Pledge of Allegiance", dem rituellen Treueschwur für die Nation, einen Akzent setzen. "Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika", sagt die Vorrednerin vor mehr als zehntausend Zuschauern in der Stadionhalle. Sie spricht "vereinigt" so deutlich aus, dass jeder das Signal versteht.
Auch die Demokraten zeigen sich patriotisch
Die Republikaner, die Barack Obamas nationale Zuverlässigkeit in Frage stellen, sollen endlich kapieren, dass sie kein Monopol auf Patriotismus haben. "Eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden" - so endet der Schwur. Das Wort "jeden" schmettert die Frau so leidenschaftlich in die Arena, als wolle sie in dieses Wort die ganze Hoffnung auf ein neues Amerika legen.
Wenn sich der Erfolg eines Wahlkampfes daran messen ließe, wie viele Volt in der Atmosphäre einer politischen Arena in der Luft liegen, dann wäre Obama der haushohe Sieger. Wo McCain stille Entschlossenheit und trotziges Aufbäumen versammelt, tobt bei Obama der Saal schon, bevor er aus den Katakomben auftaucht. Hier klampft kein Countrymusiker, hier wird gerappt, was das Zeug hält. Die Cheerleader lassen nicht locker, bis die erste La-Ola-Welle ums Stadionrund schwappt und selbst ältere, weiße Herrschaften sich zu dem fast dreißig Jahre alten Soul-Gassenhauer "Celebration" von Kool & the Gang im Hüftschwung versuchen.
Obamas Auftritte sind oft mit Rockkonzerten verglichen worden. Was die Lautstärke der Zuschauer angeht, als der Kandidat mit einer Stunde Verspätung das Podium erklimmt, stimmt das immer noch. Doch der Demokrat hebt, etwas verhuscht, nur einen Arm zum Gruß. Obama hat gelernt, dem Feuerwerk der Emotionen zu misstrauen. Die Republikaner lauern auf jede Pose, die allzu messianisch wirken könnte.
Obama setzt die Pointen sparsam ein
Sperrig sind heute viele seiner Sätze, gespickt mit Wortungetümen. "Ich werde mit einem Steuerbonus neue Arbeitsplätze fördern", sagt er. "Ich werde die Kapitalertragssteuer für kleine Geschäftsleute abschaffen." Von seinen Steuerplänen für 95 Prozent der Amerikaner und 98 Prozent der kleinen Geschäftsleute redet er und von einem "Moratorium für Zwangsversteigerungen". Die Pointen setzt er nur sparsam, als fürchte er, dass sie ihn als Leichtgewicht erscheinen ließen.
"John McCain ist doch nur für Joe den Vorstandsvorsitzenden", sagt Obama. Der Demokrat hatte in Ohio vor einem inzwischen zum Star der republikanischen Wahlwerbespots gewordenen "Joe dem Klempner" von Verteilungsgerechtigkeit gesprochen. Nun muss er sich gegen den von McCain geschickt zugespitzten Vorwurf wehren, er nehme hart arbeitenden Amerikanern deren Geld weg.
Erst nach einer Dreiviertelstunde bricht sich der berühmteste Slogan der Kampagne Bahn. "Yes, we can! - Ja, wir schaffen es!", ruft die Menge. Obama zeigt kaum eine Regung. Nur bei patriotischen Aufwallungen lässt er das Publikum demonstrativ gewähren. "U-S-A! U-S-A! U-S-A!" skandieren die Menschen, als ihr Kandidat die Opfer der Soldaten im Irak und in Afghanistan beschwört. "Es gibt kein demokratisches und kein republikanisches Amerika. Es gibt kein schwarzes, kein weißes Amerika und kein Amerika der Latinos und der Asiaten. Es gibt kein Amerika der Heteros und der Homosexuellen. Es gibt kein Amerika der Frauen und Männer und keines der Jungen oder der Alten. Es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika!", sagt Obama an einem der wenigen Höhepunkte seiner Rede. Er weiß, dass er nur unter dem Banner der nationalen Einheit siegen kann. "Hoffnung - das bedeutet jetzt nur noch, seine Hypotheken abzuzahlen", schreibt die "New York Times" in einem Vergleich mit dem Obama vom Jahresanfang.
"Ich kann nicht der Vater für dein Kind sein"
Die Weißen stellen in Richmond eigentlich 40 Prozent der Bevölkerung. In der Halle sind sie drastisch unterrepräsentiert. Das ist nicht gut für die Fernsehbilder. Obama weiß, dass er beim schwarzen Publikum, das leicht in Ekstase zu bringen wäre, vorsichtig taktieren muss. "Wir alle müssen uns ändern. Wenn Erziehung gelingen soll, dann müssen Eltern die Fernseher aussschalten. Ich kann nicht der Vater für dein Kind sein - du musst der Vater für dein Kind sein!", sagt er.
Das sind kaum verklausulierte Sätze, welche die Erwartungen an einen schwarzen Präsidenten dämpfen sollen. Auch die Regie hat vorgesorgt: Sowohl der Treueschwur auf die Nation als auch die Nationalhymne werden von Weißen intoniert. Nur der schwarze Pastor, der das Eingangsgebet sprach, kann es sich nicht verkneifen, nach den guten Wünschen für die USA um einen Extrasegen für "Bruder Barack" zu bitten.
Die Hoffnungen im Publikum sind groß. Die 81-jährige Mollie Walter sitzt in der ersten Reihe und ist auf Obama so stolz, als wäre er ihr eigener Sohn. Sie erinnert sich, dass sie in den fünfziger Jahren in Richmond nicht ins Kino durfte, sie weiß, wie es für junge Schwarze immer irgendwo in ein Kellerloch ging, wenn sie ausgehen wollten: "Ich glaube er schafft es, ich bin optimistisch." Diesmal sieht sie sich auf der Siegerseite.
Die Demokraten sind nervös
Die Umfragen sehen gut aus, auch in Virginia. Wenn es nach der aktuellen Landkarte der für die Präsidentschaftswahl entscheidenden Wahlmännerstimmen aus den Bundesstaaten ginge, könnte der Republikaner McCain seine Wahlkampagne einstellen. Selbst wenn er Obama alle zurzeit wackligen Staaten abknöpfen könnte, würde es für ihn noch nicht reichen. Doch immer wieder machen andere, knappe Zahlen die Demokraten nervös. Nur um ein mageres Prozent sieht eine neue Umfrage der Nachrichtenagentur AP Obama im ganzen Land vorn. Das ist ein Ausreißer, aber der Wert wird viel zitiert.
McCains populistische Strategie, Obama als Sozialisten und Steuerverschwender zu brandmarken, scheint bei Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau zu verfangen. Zu allem Überfluss gelten auch manche vermeintliche Bastionen wie Pennsylvania trotz guter Umfragewerte nicht als hundertprozentig sicher. Doch wenn Pennsylvania noch wackeln könnte, wie kann dann das in Obamas Strategie unverzichtbare, bisher erzrepublikanische Virginia für ihn sicher sein?
Ein schneller Sieg ist Obama schon nach seinem Triumph bei der ersten Vorwahl der Demokraten in Iowa prophezeit worden. Der Weg zur Nominierung war dann viel quälender als gedacht. Doch in der Halle glauben sie, dass nur noch Gewalt ihren Helden stoppen könnte. "Sie haben doch schon einmal versucht, ihn umzubringen", sagt die 65-jährige Schwarze Theresa Caines. "Obama hat keine Angst, also habe ich auch keine Angst", sagt der 64-jährige Rhythm-and-Blues-Musiker John Pegram. "Ich bete ständig, dass Gott ihn beschützt." Kann Obama noch etwas zustoßen? Mit dieser Frage quält sich auch die 50-jährige Weiße Margaret Reynolds. "Bringt ihn um! Das haben sie doch schon auf Wahlversammlungen der Republikaner gerufen. Das jagt mir einen ganz schönen Schrecken ein."
Könnte ihr Amerika anders sein, als sie sich es hier erträumen? Gibt es da draußen eine trotzige, schweigende Mehrheit, die von keiner Umfrage erfasst wird und die im obamafreundlichen Chor der Medien untergeht? Barack Obama winkt am Ende nur kurz und macht für das Bad in der Menge nur einen ganz engen Bogen um das Podium. Er muss weiter. "Wir können nicht nachlassen!", hat er den Menschen zugerufen. "Ihr müsst jeden Tag bis zur Wahl kämpfen. Wir haben doch schon erlebt, was passieren kann." Kaum sind die Sätze gesprochen, hat die Menge sie mit einem donnernden "Yeah!" schon wieder restlos übertönt.
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