Hamlet, reloaded

Demut, dein Name ist Schmidt!

Roland Müller, veröffentlicht am 26.10.2008
Foto: AP

Stuttgart - Fünfter Aufzug, erste Szene: Hamlet mit den Totengräbern auf dem Kirchhof. Unter Theaterfreunden ist die Leichenfledderei, die da lustig, lustig betrieben wird, schon längst ein Welthit. Seit vierhundert Jahren steht sie ganz oben in den Bühnencharts - und diese Position muss das heitere und, seitens der Totengräber, auch angeheiterte Spiel mit fleischlosen Knochen und nimmersatten Würmern auch nach diesem Wochenende nicht räumen. Im Gegenteil: Hamlet, von Kopf bis Fuß auf Gothic eingestellt, rabenschwarzes Gefieder, rabenschwarzes Gemüt, greift sich jetzt am offenen Grab einen Schädel! Der Schädel gehört Yorick - na ja, bei Shakespeare gehörte er einst Yorick, dem Spaßmacher des Königs, hier aber, in Stuttgart, gehört er einem anderen Kollegen. Der Kopf, den Hamlet versonnen streichelt, ist der Kopf von Harald Schmidt, der kasperlehaft aus der Unterbühne lugt. Aber Yorick sollte sich über seinen republikanischen Nachfolger jetzt nicht beklagen. Schmidt ist, immerhin, der beste Spaßmacher der Nation.


  Von Roland Müller

 
Es ist ja so: Totgesagte scherzen länger. Und Schmidt war totgesagt, aber hallo, totgesagt in den großen Feuilletons, die den Kabarettisten schon auf der Intensivstation dahinsiechen sahen, ausgemergelt vom jahrelangen Dienst an der Unterhaltungsfront. Aber da irrten die Herren Kritiker! Der Entertainer war robuster, als sie vor ihren Laptops glaubten. Er verließ das Totenbett und erholte sich schnell, sogar im Fernsehen, wo es mit seiner Late-Night-Show seit einiger Zeit ja auch wieder aufwärts geht - erst recht aber sammelte er neue Kräfte im Theater, wo er seit einem Jahr in Stuttgart unglaubliche Erfolge feiert. "Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen" ist nach wie vor ein Renner, auch bei Gastspielen in der Republik. Und "Der Prinz von Dänemark", der dem Schauspielhaus nun einen Medienhype sondergleichen beschert hat, wird wohl bald zum Renner werden - nicht nur, aber auch wegen Dirty Harry.

In dem "Hamlet-Musical", so der Untertitel der quicken Neunzigminutenshow, ist das neue Ensemblemitglied nämlich der Mann für den Extrawitz. Zum Beispiel auf dem erwähnten Kirchhof, wo das Weichei Hamlet jetzt in einen Monolog verfällt: "Ach, armer Yorick!", seufzt er angesichts des auf tot geschminkten, aber noch immer bebrillten Schmidtkopfs, "wo sind nun deine Schwänke, deine Sprünge, deine Lieder, deine Blitze von Lustigkeit?" Und Schmidts Yorick grinst sich dabei einen, weil er just in diesem Augenblick sieht, wie die Lustigkeitsblitze von ehedem auch jetzt die Stimmung im Saal wieder aufhellen - Blitze, die aus dem Kurzschluss zwischen Fernsehen und Theater entstehen, aber dann doch eher selten durch diese sehr freie Tragödienbearbeitung zucken. Denn, aufgemerkt, dem Entertainer wird hier, Extrawitze hin, Extrawitze her, ja keine Extrawurst gebraten. Demut, dein Name ist Schmidt, würde Shakespeare sagen...

Unter der Regie von Christian Brey ist der Star nur ein Gleicher unter Gleichen. Nahtlos fügt er sich mit seinen drei, vier Rollen ins Ensemble ein, das sich hochanimiert durch die Nummernrevue tanzt und singt und deklamiert. Sobald sich der eiserne Vorhang, auf dem - Achtung, Leitmotiv! - ein Totenkopf leuchtet, gehoben hat, senkt sich im Gegenzug eine riesige Glühbirnenreklame auf die Bühne. "Der Prinz von Dänemark" funkelt nun als Schriftzug rummelplatzgrell und reihenhaushoch ins Schauspielhaus, umwabert von Kunstnebel. Die Bühne ist angerichtet für Benjamin Grüter, der als guter Hamlet das zartbittere "Girl" von den Beatles intoniert, das wiederum von Martin Leutgeb als Claudius, dem bösem Stiefvater, luziferisch mit "Sympathy for the Devil" von den Stones ausgekontert wird. Folglich sind die Fronten schnell klar in diesem ganz besonderen Regietheater - und ebenso klar ist auch die Richtung, in die der Inszenierungshase dann weiterhoppeln wird. Befeuert von U2 und Janis Joplin, Madonna und Frank Sinatra, den Sex Pistols, Udo Jürgens und anderen Krachern grast er zuletzt in einer "Rocky Horror Hamlet Show", deren handwerkliche Perfektion über jeden Zweifel erhaben ist.

Alles stimmt. Die Tragödie rockt und swingt und schmust. Zur Livemusik von Fort'n'Brass lässt Leutgeb sein Becken nicht nur wie Mick Jagger kreisen, er lässt auch seine Beine ganz irr den Moonwalk von Michael Jackson üben. Lilly Marie Tschörtner wiederum treibt's sängerisch mit Madonna, wenn sie als Ophelia auf ihrem Toilettentisch sitzt und "Like a Virgin" ihre Gefühle raushaut und machtvoll "Papa don't preach" fordert. Und nachdem sie dem Wahnsinn verfallen ist, überzeugt Ophelia Tschörtner auch noch mit virtuoser Beinarbeit. Die vierköpfige Band im Graben schaltet um auf schweißtreibenden Funk - und Ophelia röhrt "Nutbush City limits" und stöckelt wie Tina Turner dem Teich zu, in dem sie sich ertränken wird. Leutgeb und Tschörtner, ja, sie sind die besten Parodisten in diesem bunten, lauten und schrillen Faschingsprinzenstück, obwohl auch alle anderen Spieler ihren Verulkungsjob glänzend erledigen, Schmidt inklusive. Tolle Rampensäue sind sie schließlich alle.

Am Handwerk liegt's also nicht, wenn wir - trotz allem - bei der Revue nicht immer so mitschunkeln wollen, wie es sich das Herr Schmidt im Vorfeld gewünscht hat. Woran dann? Tja, wahrscheinlich an Schmidt selbst! Als Fan der Elvis-Show hätte man sich keineswegs daran gestört, wenn er auch die Hamlet-Chose mit intelligenter Geistesgegenwart aufgemischt und neben Heidenreich und Ackermann auch noch andere Zeitgenossen in die glitzernde Shakespearedisco geschmuggelt hätte. Aber, wie gesagt, Schmidt übt sich in Demut, weshalb dann weniger Kabarett als vielmehr Klamotte & Klamauk zu sehen ist, volles Pro-Sieben-Programm. Als Rausschmeißer donnert uns die Truppe übrigens noch Katja Ebsteins "Wunder gibt es immer wieder" entgegen, worin es von eben diesen Wundern zuversichtlich heißt: "Heute oder morgen können sie geschehn/wenn sie dir begegnen, dann musst du sie auch sehn."

Keine Frage: die Mehrheit des Publikums wird dieses Theaterwunder glasklar vor Augen und Ohren haben und sich wie Bolle amüsieren. Der Rest ist Kritikergenörgel über ein luxuriöses Nichts.

Weitere Aufführungen im Stuttgarter Schauspielhaus am 2., 7., 8. und 30. November.
 

Apple

Steve Jobs stellt iPad 2 selbst vor

Würde er auftreten oder nicht? „18.57 Uhr, Steve Jobs ist bisher nicht zu sehen“, lautet die Nachricht auf Applenews.de.mehr

Vor dem Spiel gegen Schalke

Cacau bricht Training ab

Können die Spieler des VfB Stuttgart nach dem zweiten Auswärtssieg gegen Eintracht Frankfurt (2:0) auch Schalke 04 bezwingen? mehr
Anzeigen

Anzeige

Stuttgart 21
Alle Infos zum Bahnprojekt
Stuttgart 21 finden Sie hier »


Nachrichten-Ticker
19:42 Zwei Tote bei Flugzeugabsturz in Cölbe »
19:14 Inselfähren kämpfen sich durch Eis zum Festland »
18:50 Erster Jahrestag des Mubarak-Sturzes verläuft friedlich »
18:07 Westerwelle lehnt Vorleistungen an Griechenland ab »
17:51 Flugzeug stürzt auf Golfplatz - Polizei befürchtet Tote »
1  2  3  4  5  6  7    weiter
Aktuelle Videos
Anzeige

Ausgewählte Adressen

Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
Veranstaltungen

11.02. | Bis Ende des Jahres im Haus des Waldes

Märchenwald

Märchen, Mythen und Geschichten mehr
Finden Sie
Heute können Sie aus 458 Veranstaltungsterminen auswählen
StZ ePaper
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Abonnement-Prämien
Werben Sie einen Freund als Abonnent der Stuttgarter Zeitung. Für jede Empfehlung erhalten Sie eine Prämie aus unserem Shop.


 
nach oben