"Aida"

Träumer im goldenen Getriebe der Machtpolitik

Annette Eckerle, veröffentlicht am 27.10.2008
Foto: dpa

Stuttgart - Verdis "Aida" ist genaugenommen ein Traumstück, ein träumerisches Stück. Der Komponist Giuseppe Verdi und sein Librettist Antonio Ghislanzoni lieferten mit dieser Oper eine rückwärtsgewandte Utopie, ließen sie doch Glanz und Gloria des alten Ägypten wieder aufleben.


  Von Annette Eckerle

 
So bedienten die beiden mit "Aida" die damals grassierende Sehnsucht nach Exotischem. Zudem mag Verdi indes noch ein wenig den Tagen des Risorgimento in Italien nachgeträumt haben. Seine Kommentare über die Preußen im Krieg der Jahre 1870/71 lassen das jedenfalls vermuten. Er konnte wohl nicht anders, als seinen Protagonisten in diesem schillernden Opus eine unglaubliche Bürde aufzuerlegen, indem er die Kunst des intimen italienischen Melodrammas mit dem Pomp der französischen Grand Opéra verschmolz. So vermochte wohl nur er zu zeigen, wie Menschen, ihre Gefühle und Träume gesellschaftlich-politischen Interessen zum Opfer fallen. Damit hat Verdi musikalisch die enorme Fallhöhe des Stücks bestimmt, jenseits eines eher schwachen Librettos. Man mag sich darüber streiten, wie viel ägyptisches Dekorum es nun braucht, um "Aida" so wirkungs- wie sinnvoll auf die Bühne zu bringen.

Helden in unterkühlten Räumen

Für die erste Neuinszenierung der "Aida" nach 29 Jahren an der Staatsoper Stuttgart hat sich der 36-jährige Regisseur Karsten Wiegand an einer Fassung versucht, in der das Dekorum radikal reduziert ist, in der kein Platz für Cinemascope-Panoramen ist, in der sich die Protagonisten deshalb unbedingt darstellerisch entäußern müssen, wollen sie nicht zur Staffage des komplex verwobenen Orchester- und Chorsatzes werden, worin sie ja ihre eigenen Befindlichkeiten so genau vermessen wiederfinden.

Karsten Wiegand will sie deshalb in ihren widerstreitenden Gefühlen ausgesetzt zeigen, absichtsvoll in Räume von nahezu hermetischer Geschlossenheit gepresst. Die Innentemperatur dieser Räume will der Regisseur nicht auf Siedetemperatur bringen. Diese Räume sollen kalt glänzen, starr sein, schwarze Abgründe. Nur das Trio Aida, Radamès und Amneris, das soll sich erst Schrammen und dann den Tod holen, rennt es doch gegen die Regeln eines totalitär und kriegerisch organisierten Staates an, der sich mit Hilfe des Klerus legitimiert.

Die Ouvertüre dirigiert der Stuttgarter Generalmusikdirektor Manfred Honeck in poetischer Verdichtung, lässt die Zuhörer wissen, dass er willens ist, die enormen stilistischen Spannkräfte, die hier am Wirken sind, voll auszukosten. Während noch die letzten zartweiß schimmernden Töne verklingen, wird der Blick auf einen golden schimmernden Saal freigegeben (Bühne: Bärbl Hohmann). Der Blick fällt auf eine statuarische Ansammlung von Herren in Anzügen und Militäruniformen. Oben an der Tür stehen im Gegenlicht Radamès (Hector Sandoval) und Ramphis (Liang Li, mit profundem Bass). Es beginnt ein nahezu surreal anmutender (Alb-)Traumreigen.

Golden schimmerndes Halbdunkel

Radamès, aufgestachelt von der Aussicht auf militärische Ehren und gesellschaftliche Position, scheint nicht im Mindesten zu ahnen, welche Gefahr von jenen statuarisch aufgereihten Herren im golden schimmernden Halbdunkel ausgeht. Er wird zwischen ihnen ganz traumverloren naiv seine Romanze singen, wird hier auf die ganz in Gold gehüllte Amneris (Marina Prudenskaja) treffen und auch auf Aida im schnöden Satinschürzenkleid (Kostüme: Anna Eiermann). In diesem düster-goldenen Raum wird schließlich die Nachricht vom Einmarsch der Äthiopier in Ägypten eintreffen.

Wie Radamès jenseits dieses Raums seine Initiation zum Feldherrn erfährt, sieht das Publikum auf einem Video. Die Priesterinnen- ganz in Weiß, eine von ihnen barbusig - rufen singend die Götter an. So viel Ägyptenkitsch erlaubt sich Wiegand dann doch und läuft Gefahr, falsche Assoziationen zu wecken, an islamistisch bewegte "Gotteskrieger". Zurückgekehrt in den goldenen Raum der Macht, ins gesellschaftliche Zentrum, wird Radamès in eine starr stehende, starr geradeaus blickende Phalanx aus klerikalen Anzugträgern und Militärs eingereiht.

Héctor Sandoval spielt und singt das mit eiserner Entschlossenheit und zarter Naivität im Ton. Anzugträger und Militärs des Staatsopernchors rasen grandios bedrohlich mit ihren "Guerra"-Rufen. Amneris reißt dem Träumer Radamès, der noch gar nicht dort angekommen scheint, wo ihn die Gesellschaft haben will, einen Arm nach oben.

Kriegsvideos und Cheerleaderfummel

Jubel im goldenen Raum, der Vorhang fällt. Die perfide Befragung der Aida durch Amneris nach ihren Gefühlen findet vor dem lilafarbenen Vorhang statt, als wäre hier eine seltsam albtraumhafte Szenerie gerade mal eben auf die Bühne gepurzelt. Auf den Satinröcken der Chordamen sind schemenhaft Kriegsvideos erkennbar - eine hübsche Spielerei, die der furios gespielten Auseinandersetzung von Amneris und Aida kaum mehr an Tiefe verleiht. Die Feier gleich darauf für den siegreichen Heimkehrer Radamès findet im goldenen Raum der Macht statt.

Zum Triumphmarsch wird sich das grotesk im Stil der fünfziger Jahre überzeichnete Volk feierlich in Zeitlupe bewegen, als wäre auch das alles ein Traum. In diesem Traum werden von der feinen Gesellschaft die Gefangenen beklaut und das Sklavinnenballett in giftgrünen Cheerleaderfummeln und Goldpuscheln an den Händen verhöhnt. Die Nilszene in einem Gewirr aus dunkel glitzerndem Lametta gerät dann leider reichlich flach.

Der schnöde Rest über den Untergang des Radamès, nur noch im Schwarz des Theaterraums verortet, hat Größe in seiner unbedingten Schlichtheit. Marina Prudenskaja verleiht der verzweifelten Erkenntnis der Amneris ungeheure Eindringlichkeit. Hector Sandoval lässt für Radamès' Weltenabschied das Metall in seiner Stimme klirren und dann weich glänzen. Maria José Siri findet für Aidas "Lebe wohl" lyrische Farben von größter Finesse. Man jubelte diesen Sängern zu, einem schier erschütternd präsenten und klanglich überragenden Staatsopernchor und einem Manfred Honeck, der mit dieser Verdi-Lesart sein Orchester genauso wie sein Publikum bis ins Mark aufgewühlt hat.

Weitere Vorstellungen am 29. Oktober, 2., 8. und 12. November; 21. und 26. Dezember 2008 sowie am 5. 9. und 17. Januar 2009
 

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