Willkommen bei den Sch'tis

Hier ist man noch Mensch

Rupert Koppold, veröffentlicht am 30.10.2008
Filmbeschreibung
Ach, das schöne Südfrankreich - diese Sonne, dieses Licht, dieses Klima! Und nun möchte die schöne, aber leicht depressive Julie (Zoé Félix), dass sich ihr Mann beruflich noch verbessert, dass dieser Postbeamte Philippe Abrams (Kad Merad) endlich seine Beförderung erwirkt und dann sie und er und die kleine Tochter von der Provence ans Meer ziehen können. Aber es klappt nicht, ein Behinderter wird Philippe vorgezogen, und so deklariert er sich bei seinem nächsten Antrag selber als gehunfähig, klappt dann hektisch, als der Personalchef anreist, einen Rollstuhl auf, setzt sich vor dem Gespräch hinein, lügt wie gedruckt, kriegt schließlich die Zusage für die Stelle - und springt jetzt freudig erregt auf und bedankt sich.

Eine knallig überdrehte Slapsticknummer hat der Regisseur Danny Boon da inszeniert, eine Hommage auch an jene französischen Klamotten der sechziger und siebziger Jahre, in denen der Komiker Louis de Funès ("Die Abenteuer des Rabbi Jacob") cholerisch herumzappelte. Aber wenn Philippe nun strafversetzt wird in den Norden, dreht Boon seinen Film, freilich ohne den Slapstick ganz aufzugeben, doch wieder zurück von der Klamotte in die Komödie. So sehr "Willkommen bei den Sch'tis" auch die Eigenheiten seines Personals zuspitzt, so sehr sich die Charaktere manchmal in Richtung Karikatur bewegen: sie sind mehr als nur Witzfiguren.

Ab an die Nordfront!

Nachdem Philippe von seiner Frau ("Das Schlimmste im Norden ist die Kälte!") in einen Anorak gesteckt und wie zum Fronteinsatz verabschiedet wurde, nachdem er unterwegs von einem Polizisten wegen zu langsamen Fahrens gestoppt und, als er sein Ziel genannt hat, mitleidig weitergewinkt wurde, sagt irgendwann bei Nacht und Wolkenbruch der Navigator: "Sie haben Ihr Ziel erreicht." Philippe ist in Bergues angekommen, eine trübe, kühle, nasse, menschenleere Backsteintristesse, die jenem Schreckbild entspricht, das sich nicht nur Südfrankreich von der Region Nord-Pas-de-Calais ausmalt. Und dann taucht doch noch jemand auf, und Philippe ist so überrascht, dass er ihn gleich auf die Kühlerhaube nimmt. Ein kompakter Kerl ist das, der sich nach dem Unfall - und überhaupt nicht von diesem geschockt - als Philippes Angestellter Antoine (gespielt von Danny Boon selbst) vorstellt.

Allerdings versteht Philippe diesen Antoine nicht sofort, er ist nämlich ein Sch'ti und spricht den ebenso genannten regionalen Dialekt. Und hier stößt der Zuschauer auf ein Problem des Films, das dieser nie ganz los wird, das sich allerdings im Lauf der Zeit abschwächt. Denn während Philippe in der synchronisierten Fassung Hochdeutsch spricht, wird das nordfranzösische Idiom in einen Kunstdialekt übertragen, in dem jedes "s", jedes "ch" und jedes "z" in ein breites "sch" umgewandelt wird. Wer sich noch an die Fernsehmoderatorin Vivi Bach ("Unschere Schuschauer") erinnert, der denke sich noch einen Schuss Rudi Carrell und ein bisschen Schwyzerdeutsch dazu, dann weiß er ungefähr, wie sich so ein Sch'ti anhört.

Philippe jedoch weiß zunächst nicht, ob Antoine etwa einen Bus meint oder einen Busch. Das Überraschende aber ist: nach einigen Missverständnissen beginnt er, der neue Leiter des Postamts, sich in diesem Kaff wohlzufühlen. Sein trauriger Dackelblick hellt sich auf, so skeptisch, so mürrisch, ja, so angepisst er zunächst war, er genießt es auf einmal, mit Antoine und den drei anderen Angestellten mittags an der Frittenbude zu essen, abends was trinken zu gehen und sich die Fein-, nein, besser: die Grobheiten des Sch'ti-Dialekts beibringen zu lassen. Dass man Sätze mit einem laut gebrüllten "Häh!" abschließt, probiert er gern und ausgiebig aus. An den Wochenenden aber fährt Philippe zur Familie, wird von Julie bedauert und gepäppelt, so dass die Ehe gerade wegen der zeitweiligen Trennung wieder floriert.

Er habe "das schlechte Bild" vom Norden korrigieren wollen, sagt Danny Boon, der selber dort aufgewachsen ist. "Die Franzosen haben eine sehr negative Sicht auf diese Gegend und denken immer nur an Armut, Verzweiflung und Arbeitslosigkeit." Ein paar dieser Klischees, die ja nicht nur Vorurteile sind, nimmt der Film auch auf, wertet sie aber um und treibt sie ins Harmlos-Komische. Wenn etwa Antoine betrunken vom Postausfahren zurückkehrt, radelt Philippe - in einer an Jacques Tatis "Schützenfest" erinnernden Briefträgernummer - am nächsten Tag mit und will ihm zeigen, dass man nicht jedes Schnapstrinkangebot eines Postempfängers annehmen muss. Am Ende der Runde fahren natürlich beide singend und kichernd und in Schlangenlinien übers Pflaster. Und einmal, als Julie ihren Philippe vor Ort besucht, führen sich die Sch'tis ihm zuliebe so arm, derb, versifft und versoffen auf, dass sie jedes Klischee übertreffen.

Aber "Willkommen bei den Sch'tis" spielt ja sowieso nicht im realen Nord-Pas-de-Calais, auch wenn der Film dort gedreht wurde, sondern in einer ins quasi Utopische geschobenen Region. Erzählt wird nicht davon, wie es wirklich ist, sondern davon, wie es sein sollte. Das heißt natürlich auch, dass jener Schrecken der Provinz, den andere Filme beschwören und zelebrieren, hier keinen Platz hat. Statt Rückständigkeit sieht Danny Boon kraftvoll-bodenständiges Verharren, statt Enge Heimeligkeit, statt Sozialkontrolle freundschaftliche Wärme. Und das Schöne daran ist: man möchte ihm für die Dauer von 106 Minuten gerne glauben.

Störrisch gegen die Moderne

Dass sich zwanzig Millionen Franzosen im Kino dieses Bergues vorführen ließen, hat wohl auch damit zu tun, dass das Städtchen ein wenig an das Dorf von Asterix erinnert. So wie dieses vom fortschrittlichen Römischen Reich umgebene und bedrohte Dorf störrisch auf seiner Eigenständigkeit beharrt, so scheint sich auch Bergues gegen eine moderne Welt behaupten zu wollen, in welcher der Mensch unendlich flexibel sein soll und das Alte nichts mehr gilt. In Bergues nämlich - und der Film schildert das so ironisch wie warmherzig - läuft das Leben noch ruhiger, hat es noch Zusammenhang, sind die Leute noch verankert, vertraut man noch auf Tradition, stellt man einen Heiratsantrag per Glockenspiel vom Turm herunter.

"Willkommen bei den Sch'tis" ist auch so etwas wie eine Anti-Neoliberalismus- und Anti-Globalisierungs-Komödie. In Bergues sind Philippe, Antoine und die anderen noch Mensch und dürfen es sein. Und in dieser Provinz, wie Danny Boon sie sich wünscht, ist es auch kein Problem, dass Philippe ein wenig anders aussieht: nicht nur wie einer aus Südfrankreich, sondern wie einer aus Nordafrika. Dass der in Algerien geborene Kad Merad die Hauptrolle spielt, das ist vielleicht die schönste Idee dieses Films, der auch bei uns ein Erfolg werden könnte.
 
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