Let's make Money
Wo das wilde Geld arbeitet
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 30.10.2008
Filmbeschreibung
Der Manager aus Europa ist sehr zufrieden. Entschlossen schreitet er die Industriehalle ab, umschwirrt von anderen Europäern, die vor Ort die Produktion leiten, und ein paar einheimischen Angestellten, die Mittler zwischen Planern und Arbeitern sind. Hier in Indien läuft alles flott, die Räumlichkeiten sind großzügig, die Maschinen neu, die Menschen fleißig, die Umweltschutzauflagen gering und leicht zu umgehen. Gelegentlich zeigt uns die Kamera in Erwin Wagenhofers Dokumentarfilm "Let's make Money" dann Wasserläufe, die wie der größte anzunehmende Unfall auf einer Giftmülldeponie aussehen. Geld nimmt keine Rücksicht, wenn es die Chance sieht, mehr Geld zu werden.
Und doch regt sich auch in diesem Investorenparadies Indien schon wieder Unruhe. Der europäische Manager spricht von Kostendämpfung, vom harten Wettbewerb, und er droht offen mit Schließung der Produktionsanlage hier und Neueröffnung in einem anderen Land, sollten sich die Rahmenbedingungen ändern, also Steuern, Löhne, Grenzwerte. Diese stete Drohung, das nächste Schwellenland könne das aktuelle schon wieder ersetzen, scheint einigermaßen absurd.
Wagenhofer weist irgendwann auch darauf hin: der Planet sei endlich, endloses Wachstum also so unmöglich wie dauernde neue Märkte. Unausgesprochen bleibt eine Vision, die auch hierzulande kaum einer albträumen mag: dass das Vorwärtsdrängen des Geldes in immer billigere Länder dann logischerweise als Kreislauf funktioniert, wenn die vor längerer Zeit aufgegebenen Standorte mittlerweile so ruiniert sind, dass sie sich billiger und williger als ihre Nachnachnachfolger präsentieren müssen.
Vorerst aber erzählt Wagenhofer noch nicht vom Ende des alten Europa und der neueren USA, sondern vom Geldfieber, das den ganzen Globus schüttelt. Zum einen findet er Interviewpartner, die innerhalb des Systems arbeiten, aber nicht glauben, dass dieses System noch viel Zukunft hat. Zum anderen sucht er mit der Kamera nach Bildern, die den Widersinn der Verhältnisse dringlich illustrieren. So findet er zum Beispiel raumgreifende Edelwohnanlagen in Spanien, die eigentlich nicht als Heimat für Menschen, sondern als Heimat für Anlagegelder gedacht sind. Kaum jemand wohnt hier, aber die Gebäude sind verkauft.
Also wird noch ein und noch ein Luxusresort aus einem Boden gestampft, dessen Verwandlung in Naturschutzgebiete große Baukonzerne zu verhindern wissen. Jede Anlage bekommt einen Golfplatz, der so viel Wasser schluckt wie eine Kleinstadt. Diese Anlagen sehen dann weniger wie menschliche Ansiedlungen aus, eher wie kaltschnäuzige Artefakte einer fremden Kultur, entdeckt von einer Raumsonde auf einem fernen Gestirn, wie Hinterlassenschaften einer außerirdischen Lebensform, die man lieber nicht näher kennenlernen möchte.
Wagenhofers vorangegangenen Film "We feed the World" über die Herkunft der Nahrungsmittel im Supermarkt konnte man, wenn man zur Selbstkritik nicht aufgelegt war, noch als Film über das sehen, was uns allen von der Lebensmittelindustrie angetan wird. Bei "Let's make Money", der exakt jene Krise der Finanzmärkte prophezeit, die kurz vor seinem Kinostart ausgebrochen ist, fällt solche Selbstentschuldung nicht so leicht.
Wagenhofer zeigt, was freies Geld auf der Suche nach einer profitablen Vermehrungsmöglichkeit alles anrichtet. Aber er macht auch klar, dass dieser reißende Geldstrom zwei Zuflüsse hat. Da sind die Mittel der wirklich Reichen, die im Zeichen des Liberalismus nicht mehr durch Steuern und Löhne abgeschöpft werden. Und da ist das Geld der Kleinanleger, das in die verschiedensten Angebote der Banken fließt und von den Geldinstituten umgehend dem globalen Zockermarkt zugeführt wird.
Zu den grusligsten Bildern in "Let's make Money" gehören die Ansichten von der Kanalinsel Jersey. Ein ehemals ärmlicher Agrarwinkel hat sich zum Finanzdienstleistungszentrum gemausert. Aber jedes Mal, wenn die lokalen Dignitäten von den "services" reden, die sie so parat halten, lügen sie ein wenig. Es geht nämlich nicht um aktive Dienstleistung, es geht ums Wegschauen, Dummstellen, Dulden. Hier wird Geld steuerfrei gemacht, hier werden Firmenkonstrukte eingenebelt, hier werden Zugriffsmöglichkeiten anderer Länder torpediert: durch ein paar Gesetzesbuchstaben. Das Geld ist nicht einmal wirklich hier, es wird kurz mal elektronisch geparkt und mit dem Stempel einer hier eingetragenen Firma versehen, um es so unangreifbar zu machen.
Der Finanzzauberakt findet in einer seltsamen Welt statt, so schräg wie jene, die Harry Potter hinter den Fassaden der Normalität findet. Ein ehemaliges Fischer-und-Bauern-Kaff besteht immer noch aus denselben Häusern wie früher. Nicht einmal Neubauten von Glaspalästen lohnen hier. Aber wo mal der Fleischer, der Tabakladen und der Schneider saßen, residieren jetzt die Filialen von Großbanken in mickrigen Räumen. Zum Verzaubern des Geldes in Steuerfreiheit braucht es aber nicht mehr. Denn gleich zieht dieses Geld wieder los und schaut, wo es als Golfplatz Wasser ziehen kann.
Und doch regt sich auch in diesem Investorenparadies Indien schon wieder Unruhe. Der europäische Manager spricht von Kostendämpfung, vom harten Wettbewerb, und er droht offen mit Schließung der Produktionsanlage hier und Neueröffnung in einem anderen Land, sollten sich die Rahmenbedingungen ändern, also Steuern, Löhne, Grenzwerte. Diese stete Drohung, das nächste Schwellenland könne das aktuelle schon wieder ersetzen, scheint einigermaßen absurd.
Wagenhofer weist irgendwann auch darauf hin: der Planet sei endlich, endloses Wachstum also so unmöglich wie dauernde neue Märkte. Unausgesprochen bleibt eine Vision, die auch hierzulande kaum einer albträumen mag: dass das Vorwärtsdrängen des Geldes in immer billigere Länder dann logischerweise als Kreislauf funktioniert, wenn die vor längerer Zeit aufgegebenen Standorte mittlerweile so ruiniert sind, dass sie sich billiger und williger als ihre Nachnachnachfolger präsentieren müssen.
Vorerst aber erzählt Wagenhofer noch nicht vom Ende des alten Europa und der neueren USA, sondern vom Geldfieber, das den ganzen Globus schüttelt. Zum einen findet er Interviewpartner, die innerhalb des Systems arbeiten, aber nicht glauben, dass dieses System noch viel Zukunft hat. Zum anderen sucht er mit der Kamera nach Bildern, die den Widersinn der Verhältnisse dringlich illustrieren. So findet er zum Beispiel raumgreifende Edelwohnanlagen in Spanien, die eigentlich nicht als Heimat für Menschen, sondern als Heimat für Anlagegelder gedacht sind. Kaum jemand wohnt hier, aber die Gebäude sind verkauft.
Also wird noch ein und noch ein Luxusresort aus einem Boden gestampft, dessen Verwandlung in Naturschutzgebiete große Baukonzerne zu verhindern wissen. Jede Anlage bekommt einen Golfplatz, der so viel Wasser schluckt wie eine Kleinstadt. Diese Anlagen sehen dann weniger wie menschliche Ansiedlungen aus, eher wie kaltschnäuzige Artefakte einer fremden Kultur, entdeckt von einer Raumsonde auf einem fernen Gestirn, wie Hinterlassenschaften einer außerirdischen Lebensform, die man lieber nicht näher kennenlernen möchte.
Wagenhofers vorangegangenen Film "We feed the World" über die Herkunft der Nahrungsmittel im Supermarkt konnte man, wenn man zur Selbstkritik nicht aufgelegt war, noch als Film über das sehen, was uns allen von der Lebensmittelindustrie angetan wird. Bei "Let's make Money", der exakt jene Krise der Finanzmärkte prophezeit, die kurz vor seinem Kinostart ausgebrochen ist, fällt solche Selbstentschuldung nicht so leicht.
Wagenhofer zeigt, was freies Geld auf der Suche nach einer profitablen Vermehrungsmöglichkeit alles anrichtet. Aber er macht auch klar, dass dieser reißende Geldstrom zwei Zuflüsse hat. Da sind die Mittel der wirklich Reichen, die im Zeichen des Liberalismus nicht mehr durch Steuern und Löhne abgeschöpft werden. Und da ist das Geld der Kleinanleger, das in die verschiedensten Angebote der Banken fließt und von den Geldinstituten umgehend dem globalen Zockermarkt zugeführt wird.
Zu den grusligsten Bildern in "Let's make Money" gehören die Ansichten von der Kanalinsel Jersey. Ein ehemals ärmlicher Agrarwinkel hat sich zum Finanzdienstleistungszentrum gemausert. Aber jedes Mal, wenn die lokalen Dignitäten von den "services" reden, die sie so parat halten, lügen sie ein wenig. Es geht nämlich nicht um aktive Dienstleistung, es geht ums Wegschauen, Dummstellen, Dulden. Hier wird Geld steuerfrei gemacht, hier werden Firmenkonstrukte eingenebelt, hier werden Zugriffsmöglichkeiten anderer Länder torpediert: durch ein paar Gesetzesbuchstaben. Das Geld ist nicht einmal wirklich hier, es wird kurz mal elektronisch geparkt und mit dem Stempel einer hier eingetragenen Firma versehen, um es so unangreifbar zu machen.
Der Finanzzauberakt findet in einer seltsamen Welt statt, so schräg wie jene, die Harry Potter hinter den Fassaden der Normalität findet. Ein ehemaliges Fischer-und-Bauern-Kaff besteht immer noch aus denselben Häusern wie früher. Nicht einmal Neubauten von Glaspalästen lohnen hier. Aber wo mal der Fleischer, der Tabakladen und der Schneider saßen, residieren jetzt die Filialen von Großbanken in mickrigen Räumen. Zum Verzaubern des Geldes in Steuerfreiheit braucht es aber nicht mehr. Denn gleich zieht dieses Geld wieder los und schaut, wo es als Golfplatz Wasser ziehen kann.
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