Stuttgart - 300 Stuttgarter haben die US-Wahlen im Hof des Deutsch-Amerikanischen Zentrums (DAZ) am Charlottenplatz auf Großbildleinwand verfolgt. Die Sympathien gehörten von Beginn an dem Mann, der der 44. Präsident der Vereinigten Staaten wird.
Von Thomas Thieme
Um kurz nach ein Uhr blickt Sebastian Heck gespannt in Richtung Leinwand. Vor wenigen Augenblicken hat das Rennen der beiden so unterschiedlichen Kandidaten endlich begonnen. Die ersten Wahllokale an der amerikanischen Ostküste haben gerade geschlossen. Nachdem einige kleinere Staaten ausgezählt sind, führt John McCain mit 16 zu drei Wahlmänner-Stimmen gegen Barack Obama.
Dessen Name steht in großen Buchstaben auf dem Anstecker, der an der Jacke des Filmstudenten aus Esslingen heftet. „Das hat noch nichts zu sagen, spannend wird es erst gegen halb drei, dann ist Florida dran“, sagt Elise Kammerer, die mit Sebastian zum Zelt im Innenhof des Deutsch-Amerikanischen Zentrums am Charlottenplatz gekommen ist. Von ihrem Politik-Professor hat die 20-jährige angehende Kommunikationswissenschaftlerin den Tipp mit der Wahlparty bekommen. Einen persönlichen Bezug zu dem Land, in dem in dieser Nacht die Weichen für die kommenden vier Jahre gestellt werden, hat sie durch ihre beiden USA-Aufenthalte in Texas und Chicago.
Bier, Hot Dogs und Kaffee
Die 300 überwiegend jungen Gäste sind zum größten Teil deutsche Studenten. Viele tragen weiße Hüte mit blau-weiß-roten Streifen und Obama-Anstecker. Sie stärken sich mit Hot Dogs, Pommes Frites und Bier. Wer trotz aller Anspannung von der Müdigkeit überwältigt wird, putscht sich mit heißem Kaffee wieder auf. Um zwei Uhr brandet Jubel auf. Obama hat in acht von zehn weiteren ausgezählten Staaten die Nase vorn und führt nun mit 77 zu 34 Stimmen.
Fetemei Tewolde nickt zufrieden. „Es wäre ein Desaster, würde John McCain diese Wahl gewinnen“, ist der Gaststudent überzeugt. Erst seit vier Wochen ist der 25-jährige Mann aus Addis Abeba in Deutschland. Zur Wahlparty sei er direkt von einer anderen Feier gekommen. Mit schwerer Zunge bringt der Äthiopier seine Hoffnung zum Ausdruck, dass ein Präsident Obama nicht nur den USA gut tun würde.
Doch dem charismatischen Demokraten fehlen zu diesem Zeitpunkt noch fast 200 Stimmen. Erst wer mit 270 Stimmen die Mehrheit der insgesamt 538 Wahlmänner auf sich vereinigt, wird aus dieser langen Wahlnacht als Sieger hervorgehen. Mit den Worten „den Rest schauen wir uns zu Hause im Fernsehen an“ verabschieden sich Elise und Sebastian. Als Obama um drei Uhr seinen nächsten Teilerfolg verzeichnet und den Vorsprung auf 174 zu 49 Stimmen ausbaut, sind die beiden bereits aus dem Zelt, in dem erneut kräftig gejubelt und applaudiert wird. Der Triumph des Demokraten wird immer wahrscheinlicher. Eine Stunde später durchbricht er die 200-Stimmen-Marke, während sein Kontrahent bei 95 Stimmen stagniert. Die Experten von CNN haben kaum noch Zweifel, dass Obama der erste afroamerikanische Präsident der Vereinigten Staaten wird.
Thomas Thieme
05.11.2008 - aktualisiert: 05.11.2008 08:49 Uhr