Wegen Personalmangels

Grundlagenvorlesung fällt aus

Inge Jacobs, veröffentlicht am 05.11.2008
Archivfoto: Kraufmann

Stuttgart - An der Uni Stuttgart hat ein Professor die Grundlagenvorlesung in Thermodynamik abgesagt, weil ihm das zugesagte Personal fehlt. 800 Studierende sind betroffen. Einen Engpass gibt es auch in Elektrotechnik. Dort wird die Lehre mit Studiengebühren finanziert.


  Von Inge Jacobs

 
Oliver Müller (Name geändert) ist verärgert. Am Dienstagmorgen wollte der Maschinenbaustudent im dritten Semester die Grundlagenvorlesung in Thermodynamik hören. Doch der Professor habe erklärt, er halte keine Vorlesung mehr, solange er nicht drei wissenschaftliche Mitarbeiter zur Unterstützung bekomme, die ihm die Unileitung zugesagt habe. Den 800 betroffenen Studenten aus den Fachrichtungen Maschinenbau, Technologiemanagement und Umweltschutztechnik habe der Professor geraten, sich mit ihrem Anliegen an den Unirektor und an den Wissenschaftsminister zu wenden.

Ohne Vorlesung kein Vordiplom

Das haben diese getan. Gerade Thermodynamik sei ein wichtiges Fach, versichert Oliver Müller: "Man braucht die Vorlesung, um das Vordiplom zu bestehen; dass sie ausfällt, können wir uns nicht leisten." Die Uni sei eben eine Forschungs- und keine Lehruni.

Die Fachschaftsmitglieder im Maschinenbau sehen diese Entwicklung schon länger, fühlen sich aber hilflos: "Wir haben wenig Einfluss darauf", sagt Martin Weber (Name geändert). "Wir fangen an, aus Studiengebühren das zu bezahlen, was die Uni nicht mehr zahlt." In etlichen Bereichen gebe es zu wenig Stellen. Das fange mit Tutorien an, die früher vom Land finanziert wurden. Und seit diesem Semester werde erstmals auch eine Grundlagenvorlesung mit Hilfe von Studiengebühren finanziert: die Einführungsveranstaltung in die Elektrotechnik für mehr als 900 Studierende verschiedener Fachrichtungen. Da die Fakultät nicht mehr bereit gewesen sei, die zweite Mitarbeiterstelle zu finanzieren, werde diese über zentrale Mittel aus Studiengebühren finanziert. Dabei sei dies gar nicht vorgesehen, kritisiert Weber.

"Früher hat man uns gesagt, die Studiengebühren sollen dazu eingesetzt werden, die Lehre zu verbessern. Und jetzt müssen wir dafür sorgen, sie aufrechtzuerhalten", stellt Martin Weber fest. Er bedaure, dass einige hoch qualifizierte Professoren die Uni Stuttgart verlassen hätten, weil diese ihnen in den Bleibeverhandlungen zu wenig habe bieten können. Auch ein Mitglied der Fachschaftsvertreterversammlung (Faveve) berichtet, dass oft über eine bessere Ausstattung gestritten werde: "Häufig sagen die Professoren: Wir würden gern alles besser machen, aber die Studenten haben uns nicht mehr Geld gegeben." Doch vielen Studierenden sei es egal, wie ihre Studiengebühren eingesetzt werden. "Der Leidensdruck ist noch nicht groß genug", meint das Faveve-Mitglied.

Die Zusage kam schon

Doch im Fall der ausgefallenen Thermodynamikvorlesung haben die Vorwürfe auch Rektor Wolfram Ressel erreicht. Dieser spricht von einem "riesigen Missverständnis". Nächsten Dienstag werde die Vorlesung weitergeführt. Bereits vor zehn Tagen habe jener Professor, der die Veranstaltung nach der Wegberufung des Vorgängers interimsweise übernommen habe, eine Zusage für alle seine Forderungen bekommen, darunter auch drei Mitarbeiter, versichert Ressel.

Im Falle der Elektrotechnikvorlesung könne man keineswegs von einer zu knappen Ausstattung reden, erklärt Ressel. Das zuständige Institut habe fünf bis sechs Mitarbeiter zur Verfügung - "eine wirklich gute Ausstattung". Die müsse man eben auf die Lehrveranstaltungen verteilen. Im Übrigen gebe es einen Dauerstreit mit den Studierenden darüber, was zur Grundausstattung gehöre und was aus Studiengebühren finanziert werde. "Studiengebühren sind nicht zur Verbesserung der Lehre da, sondern um sie zu erhalten", so Ressel. Wolfgang Schlicht, der Prorektor für Lehre, versicherte aber: "Die Grundlast wird derzeit nicht aus Studiengebühren finanziert." Insgesamt sieht Ressel die Uni derzeit noch gut ausgestattet. Der Rektor räumte aber ein, gegenüber einzelnen Unis, etwa der TU München, könne die Uni Stuttgart bei Bleibeverhandlungen nicht punkten.
 
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