Ein Quantum Trost

Die Welt als schießendes Dorf

Rupert Koppold, veröffentlicht am 06.11.2008
Filmbeschreibung
Ein See in Oberitalien, eine enge, kurvige Straße am Steilufer, dröhnende, schwarze PS-Protze, die in schwerem Verkehr hintereinander herjagen, unablässiges Geknatter automatischer Waffen. Ansatzlos wird man ins Geschehen katapultiert, die Musik rührt heftig rum und peitscht die Action auf, die Kamera schnellt ins Getümmel wie eine Kobra, die Schnitte zischen wie zackige Florettattacken. Schrammendes Blech, Karambolagen, Abstürze. Und mittendrin immer wieder die konzentrierte Miene von James Bond, des Jägers und des Gejagten zugleich.

Diese Sequenz ist bis zum Bildrand vollgedopt und auf Rekorde aus, sie will sich nicht nur präsentieren als die bisher schnellste Bond-Eröffnung, sondern auch als die furioseste Autohatz der Kinogeschichte. Aber sie verliert dabei jede Bodenhaftung, vernichtet durch ihre extreme Geschwindigkeit den eigenen Raum, lässt dem Zuschauer also keine Chance zur Orientierung - und damit auch keine Chance mehr, die Gefahr einzuschätzen und um den Helden zu bangen.

Und es ist auch danach kaum Zeit zum Atemholen. Wenn Bond aus dieser Sequenz heraus- und in Siena einfährt, einen Schurken aus dem Kofferraum holt ("Zeit, auszusteigen!") und diesen ein bisschen foltern will, geht's gleich wieder los mit einer neuen Hatz. Diesmal zu Fuß durch labyrinthische Gänge, dachdurchbrechend in eine Kirche, akrobatisch herumhangelnd und -stürzend an einem Gerüst. Dies alles wieder in wahnsinnigem Tempo und dazu noch parallel geschnitten mit Szenen vom Palio, Sienas berühmtem Pferderennen, das dramaturgisch allerdings nicht eingebunden wird und nur bloßes Dekor bleibt.

Klappe auf und: Action!

Mag sein, dass der mit Werken wie "Monster's Ball" (2001) oder "Drachenläufer" (2007) bekannt gewordene Regisseur Marc Forster für dieses James-Bond-Abenteuer angeheuert wurde, um noch einen Schritt mehr in Richtung Charakterdrama zu wagen, als dies schon Martin Campbells Vorgängerfilm "Casino Royale" getan hatte. Tatsächlich aber sieht "Ein Quantum Trost" nun so aus, als wären dem deutsch-schweizerischen Regisseur all jene Szenen lästig gewesen, die er zwischen die Actionteile schieben musste, als habe er sich dabei gefühlt wie ein Adrenalinjunkie, der in seinem Tatendrang durch erklärungheischendes Nachfragen gebremst wird.

"Ein Quantum Trost" baut einfach auf seinem Vorgänger auf, setzt diesen beim Sehen voraus und schreibt dessen Geschichte fort. James Bond ist nun auch in eigener Mission als Rächer seiner ermordeten Geliebten unterwegs. Als Hauptfeind gerät dabei bald der französische Geschäftsmann Dominic Greene (Mathieu Amalric) ins Visier, der sich die bolivianischen Wasservorräte sichern will und seine mörderischen Manipulationen hinter einer Ökofassade tarnt. Doch, doch, dieser Film, für den Paul Haggis ("Crash") das Drehbuch schrieb, hätte der 007-Formel einen Schuss von aktuellem und aufklärerischem Politthriller hinzufügen können. Aber wie lustlos-nachlässig Forster das alles inszeniert! Wie dürftig ihm etwa die optische Präsentation jener unterirdischen Speicher gerät, in denen Monsieur Greene das Wasser staut und eine Dürre auslöst!

Das Auge von Bregenz

Ein paar Schauwerte muss der Film - mit 106 Minuten nicht von ungefähr der kürzeste "Bond" überhaupt! - natürlich bieten, aber lange aufhalten will er sich mit ihnen nicht. Wie sein eigener Trailer hetzt er von Action zu Action, ein Zeitrafferfilm, bei dem der Glamour und die "Übergröße" der jeweiligen Handlungsorte, die von den früheren 007-Filmen so betont und gefeiert wurden, schnell verloren gehen. Haiti wird zum Hintergrund für eine Bootsjagd degradiert, die bolivianische Wüste dient als Unterleger für eine Flugzeughatz, eine "Tosca"-Aufführung auf der Bregenzer Seebühne schaut mit großem Auge auf ein Showdown mit Killern und bespielt es musikalisch.

Die große, weite Welt, durch die uns der Bond der früheren Jahre so stolz geführt hat, sie ist hier geschrumpft zum globalen Dorf. Weil die Reisen des Helden meist nicht mal mehr angedeutet werden, weil er umstandslos von einem Kontinent zum nächsten versetzt wird, wirkt die Welt hier so, als wäre alles in ihr nur einen Klick entfernt. Und die Londoner MI6-Zentrale, mit der Bond oft per Handy verbunden ist, wobei er von seiner Chefin M (Judi Dench) gerüffelt wird, hat sich von allem spezifisch Britischem gelöst, sie ist zu einem kühlgrauen, gesichtslosen Raum mit gläsernen Wänden geworden, auf denen Computer Daten projizieren oder elektronisch Verbindungslinien aufzeigen.

Unter Forsters Regie ist der Held wohl zum ersten Mal in Gefahr, verwechselbar zu werden. Die Bond-Identität sieht hier über weite Strecken kaum anders als die Bourne-Identität aus, also eben so wie einer der neueren, von Tempo und Action besessenen Thriller, in denen die Figuren wie im Computerspiel herumhetzen. Einer aber widersetzt sich noch der Auflösung der physischen Welt: Daniel Craig. Schon in "Casino Royale", seinem ersten Auftritt als Bond, hat der Schauspieler der Figur des Agenten 007 eine Härte und Körperlichkeit beigebracht, diesem Film also buchstäblich Fleisch gegeben. Aber was Craig damals im Einklang mit der Regie tat, muss er nun gegen diese tun.

Von zwei kleinen Szenen abgesehen - einmal hält Bond einen sterbenden Freund (Giancarlo Giannini) in Pietà-Manier in den Armen, ein andermal tröstet er seine Mitstreiterin Camille (Olga Kurylenko) - macht Forster seinem Helden die Räume eng und verkürzt ihm extrem die Zeit. Und dennoch gelingt es Craig immer wieder, sich freizuspielen und seinen Bond erneut als Hommage an den charismatischen Hollywood-star Steve McQueen anzulegen. Wenn Craig über Brüstungen flankt und auf Balkone springt, wenn er im Vorübergehen ein Champagnerglas vom Tablett nimmt oder einen Verfolger vom Motorrad wirft, dann geschieht das mit derselben Eleganz der Ökonomie, die zu McQueens Markenzeichen wurde.

Die beiden Frauen Camille und Mrs. Fields (Gemma Atherton), die Bonds Weg und in einem Fall auch sein Bett kreuzen, gehen dagegen auf in ihrer Funktion als schönes visuelles Beiwerk, sie werden, anders als die von Eva Green gespielte Vesper Lynd in "Casino Royale", keine ebenbürtigen Partnerinnen des Helden. Auch das Trauma, unter dem Camille leidet und von dem sie sich im flammenden Finale durch einen Racheakt befreien will, hat der Film ihr zwar sichtbar auf den Rücken gebrannt, richtig spürbar wird es dennoch nicht. Es bleibt also dabei: Was "Ein Quantum Trost" an Qualität zu bieten hat, ist fast ausschließlich Daniel Craig zu verdanken. Nein, auch er kann die große, weite Bond-Welt nicht retten, aber immerhin die Hälfte dieses Films.
 
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