Ionen

Elektrische Ladung für das Wohlbefinden

Rainer Klüting , veröffentlicht am 11.02.2008
Foto: Hersteller

Stuttgart - Die Ionen sind los. Sie pflegen das Haar, die Wäsche, die Raumluft oder allgemein das Wohlbefinden. Manchmal klingt es wundersam, was sie bewirken sollen. Ein Versuch, hinter Produktbeschreibungen und Werbeversprechen zu schauen.


  Von Rainer Klüting

 
Wo kommen sie nur auf einmal alle her, die Ionen? Bis vor einiger Zeit kannte kaum jemand außer Naturwissenschaftlern und Technikern das Wort, das bei den alten Griechen nichts anderes als "das Gehende" hieß. Jetzt schwimmen Ionen auf einmal in der Badewanne, strömen aus dem Haartrockner und werkeln in der Waschmaschine. Wer sich auf die Suche nach Produkten macht, die angeblich Ionen zum Wohle des Käufers einsetzen, hat schnell eine ansehnliche Liste zusammen. Und die Wirkungen, die da versprochen werden, sind durchaus unterschiedlicher Art.

Ionen sind nichts anderes als elektrisch geladene Atome oder Moleküle. Ein Atom ist gewöhnlich elektrisch neutral; es hat einen Kern aus einer unterschiedlichen Zahl positiv geladener Protonen, der von der gleichen Anzahl negativ geladener Elektronen umgeben ist. Doch manchmal kommt einem Atom - oder Molekül - ein Elektron abhanden; dann fehlt eine negative Ladung, und das Restatom ist positiv geladen. Umgekehrt kann das Atom ein zusätzliches Elektron einfangen, dann wird es negativ.

Moleküle der Luft kann man zum Beispiel künstlich ionisieren, indem man sie einer hohen elektrischen Spannung aussetzt. Blitze tun das, es gibt aber auch Geräte, die einen Ionisierer enthalten. Stoffe, die sich in Wasser auflösen, werden dort in der Regel ionisiert. Auf jeder Sprudelflasche findet sich eine Liste der Spurenelemente, jedes mit einem Plus- oder Minuszeichen versehen; dabei handelt es sich um nichts anderes als die Ionen gelöster Inhaltsstoffe.

Ionen sind allgegenwärtig, aber da sie elektrisch geladen sind, sind sie auch ständig auf der Suche nach einem Partner, der sie neutralisiert. So ist in aller Regel das Ion eines Luftmoleküls, das auf ein Staubteilchen oder eine beliebige feste Fläche trifft, kein Ion mehr. Es wird zu einem normalen, neutralen Luftmolekül. Man sollte daher nicht zu viel davon erwarten, dass Ionen über weite Strecken wandern. Doch ein paar Fähigkeiten haben sie tatsächlich.


Ionisch gepflegtes Haar

Ein Haartrockner vertreibt Feuchtigkeit aus nassem Haar. Doch dabei kann es sich statisch aufladen und liegt dann nicht, wie gewünscht. Ionenhaartrockner sollen, so die Hersteller, nicht nur Wärme auf das Haar blasen, sondern auch einen Strom negativer Ionen. Erzeugt werden diese von einem Hochspannungsgenerator im Gerät. So sollen sie das Haar neutralisieren. Die Ionentechnologie soll "eine geschmeidige, glänzende Haarpracht" bewirken.

Die Idee, elektrostatisch aufgeladenes Haar zu neutralisieren, ist nicht abwegig - und sie funktioniert sogar bei guten Geräten, wenn auch mit Einschränkungen. Das hat vor etwa einem Jahr das Prüf- und Forschungsinstitut Pirmasens im Auftrag des Südwestrundfunks herausgefunden. Allerdings kamen die Ionen nur am Haar an, wenn der Fön ohne Düse verwendet wurde. Diese schien die Ionen zu neutralisieren. Zumindest ein bekannter Markenhersteller verspricht, dieses Problem gelöst zu haben.

Wer sich über elektrostatisch aufgeladenes Haar ärgert, kann es aber auch mit einem sehr einfachen Verfahren versuchen: ein wenig Feuchtigkeit, mit der Hand aufgetragen, neutralisiert die Aufladung ebenfalls.


Vital durch Ionen

Ein Bad in der Wanne mit angenehmen Badezusätzen kann erfrischend und entspannend sein. Aber was das Ionische an einem Vital-Ionen-Bad ist, verrät der Hersteller, der dieses Produkt im Internet anbietet, nicht direkt. Die Produktbeschreibung führt nur indirekt auf die Spur. Der Badezusatz enthalte nämlich, so heißt es dort, nicht nur ätherische Öle, sondern sei auch "besonders reich an Mineralien und Spurenelementen". Und Mineralien sind ja, wie schon gesagt, als Ionen im Wasser. So gesehen, sind auch die Stuttgarter Mineralbäder allesamt Vital-Ionen-Bäder. Aber ohne ätherische Öle.


Ionen für die Zähne

Zahnbürsten können ziemlich teuer sein, vor allem, wenn sie Ionic-Zahnbürste heißen. Diese Bürste ist mit einer im Griff verborgenen Batterie ausgestattet, die elektrische Ladung an die Borsten bringen soll. Zähne, so sagt der Hersteller, seien nämlich normalerweise negativ elektrisch geladen. Die Plaque, die beim Zähneputzen entfernt werden soll, sei dagegen positiv. Also zögen Plaque und Zahn einander an. Lade man nun vorübergehend die Zähne positiv auf, stoße das die Plaque ab. Das elektrostatische Umladen der Zähne erledige die Bürste mit Hilfe von Ionen. Eine "übliche mechanische Reinigung" wird allerdings zusätzlich empfohlen.

Der Streit um die Wirkung dieser Bürste währt schon lange. Drei medizinische Studien fanden sich, in denen Mediziner Patienten ionisch bürsten ließen, und zum Vergleich mit ionischer Bürste, aber ohne Batterie. Die erste Studie stammt immerhin schon von 1996. Doch sind sich die Studien absolut nicht einig, ob die Bürste schlechter wird, wenn die Batterie leer ist. Benjamin Briseño, Professor für Zahnerhaltungskunde an der Universität Mainz, kann sich nicht vorstellen, was die elektrostatische Ladung bewirken soll. Denn Plaque, sagt er, sei eine sehr komplexe Kombination aus Partikeln und Bakterien. Von einer positiven Ladung weiß er nichts. Aber das sorgfältige Bürsten empfiehlt auch der Zahnexperte.


Magisch waschen

Vor einer modernen Waschmaschine in Verbindung mit modernen Waschmitteln kapituliert fast jeder Schmutz. Aber der Hersteller des Bluemagicball, eines, wie der Name sagt, kleinen blauen Balls, meldet Zweifel an, dass Wäsche und Maschine stets hygienisch sauber seien. Mit dem Ball in der Maschine verspricht er, das sicherzustellen. Möglicherweise, so ist in der Beschreibung angedeutet, könne der Käufer sogar eine Temperaturstufe kühler waschen und damit Energie sparen. Getragene Wäsche bleibe länger geruchsfrei.

Die Magier, die all dies bewirken sollen, sind Silberionen. Genau 62,5 Billiarden Ionen dieses Metalls würden pro Waschgang freigesetzt. Mit ihnen bleibe die Wäsche bis zu zehn Tage im Schrank "imprägniert". Anschließend böten sie "zwei Tage Sicherheit für natürlich und angenehm duftende Kleider". Zwei Tage sind zwar nicht lang. Wer allerdings zum Schwitzen neigt, ist darüber vielleicht schon froh.

Thilo Biedermann, Professor an der Tübinger Universitätshautklinik, bestätigt zunächst: Silberpartikel können tatsächlich Bakterien auf der Haut bekämpfen. In verschiedenen Studien habe sich bei Patienten, die ein Problem mit der Besiedlung ihrer Haut mit Bakterien hätten, eine klare Wirkung gezeigt. Die Hohensteiner Institute, in denen Textilforschung betrieben wird, haben dem Hersteller in einem Auftragsgutachten die antibakterielle Wirksamkeit der silberhaltigen Fasern im Inneren des Balls bestätigt.

Bakterien auf der Haut bringen nicht nur den Schweiß zum Riechen, sie können auch bei Patienten mit Neurodermitis die Folgen dieser Hautkrankheit verschlimmern. Biedermann sagt deshalb: "Ich kann mir Patienten vorstellen, denen ich sagen würde: Probieren sie den Ball aus." Im gleichen Atemzug warnt der Hautarzt aber vor dem Gebrauch im Alltag. Jeder Mensch hat Bakterien auf der Haut. "Ich glaube, dass wir die normale Flora brauchen." Kleidung auf Dauer mit einer Art Desinfektionsmittel zu versehen, stimmt den Allergologen bedenklich. Und Verbraucherschützer weisen darauf hin, dass Waschen die Wäsche im Normalfall ausreichend reinigt.


Ionennebel

Das Gesicht in warm-feuchtem Nebel zu baden, kann angenehm sein. Der Ionensteamer erzeugt solch einen Nebel, in dem man sich zehn Minuten entspannen soll. Nebel ist feuchte Luft mit feinen Wassertröpfchen. Diese Tröpfchen kondensieren aus wassergesättigter Luft normalerweise an winzigen Staubpartikeln in der Luft. Man spricht von Kondensationskeimen. Der Ionensteamer verwendet laut Hersteller negative Ionen als Kondensationskeime. Dadurch würden die Nebeltröpfchen besonders klein, 400 Nanometer im Durchmesser statt normalerweise 8000 Nanometer. Sie könnten tief in die Haut eindringen und diese besonders effizient von Verschmutzungen und Make-up-Resten reinigen. Ralf Merkert, Dermatologie am Klinikum Stuttgart hat Zweifel: "Theoretisch wären Effekte denkbar, allerdings glaube ich, dass die feinen Wasserdampfteilchen schon an der Lipidschicht der Haut abprallen." Er vermutet, dass sich die Wirkung des Ionendampfs nicht von der normalen Dampfs unterscheidet. Ähnlich denkt Klaus-Dieter Beheng, Meteorologe und Wolkenspezialist an der Universität Karlsruhe: Nebeltröpfchen seien in der Natur eher kleiner als 8000 Nanometer. 500 Nanometer seien durchaus normal, auch ohne Ionen.


Ionisierte Luft

Ionisatoren sollen die abgestandene Luft mit negativen Ionen auffrischen und Staub und Zigarettenrauch aus der Luft auffangen und zu Boden sinken lassen. Die Anbieter versprechen frische, gesunde Luft auch bei geschlossenen Fenstern. In der Tat werden in der Industrie Ionisatoren verwendet, um Luft von Staub zu reinigen und statische Aufladungen zu entfernen. Eine Gefahr solcher Geräte: sie können Ozon erzeugen. Das schadet den Atemwegen. Der Nutzen dieser Geräte in Wohnräumen ist deshalb umstritten.


Ionen am Arm

"In vielen trendigen Farben und Designs" bietet ein Hersteller seine Ionenarmbänder an. Das mag Grund genug sein, sich damit zu schmücken. Hinzu soll aber ein Wohlfühleffekt durch negative Ionen kommen. Die negativen sind es, so erfährt der Interessent, "die uns dabei helfen, uns wohlzufühlen". Das kann die Wissenschaft allerdings weder bestätigen noch bestreiten, und sie weiß auch nicht, was es bedeuten soll, dass das Titan in den Silikonbänden "die bioelektrischen Ströme durch Ionisierung" reguliert. Turmalin ist auch noch beteiligt, der Stein, der von alters her dafür bekannt ist, dass er auf mechanischen Druck und bei Hitze eine elektrische Spannung erzeugt. Hier dient er als Minus-Ionen-Quelle. Ein Armband zum Wohlfühlen für Menschen von ionischer Natur. Wohl bekomm's!
 

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