Oscar-Preisträgerin Caroline Link
"Ich möchte das Licht am Ende des Tunnels zeigen"
Fragen von Rupert Koppold, veröffentlicht am 11.11.2008
Stuttgart - Die Regisseurin Caroline Link hat für "Nirgendwo in Afrika" 2001 einen Oscar erhalten. Jetzt stellt sie ein mit Karoline Herfurth und Josef Bierbichler besetztes Familiendrama vor. Rupert Koppold hat mit Caroline Link gesprochen.
Frau Link, Ihr Film erzählt, wie eine Familie mit dem Tod eines Sohnes umgeht. Dabei spielt auch Kunst eine Rolle. Könnte man sagen: Kunst als Therapie?
Ja, ich denke schon. Jede Figur in dieser Geschichte drückt sich irgendwie künstlerisch aus. Als ich den Roman von Scott Campbell gelesen habe, hat mich das erst irritiert, dann fand ich es ganz schön. Auf die Spitze getrieben wird alles natürlich durch das Porträt, das der Maler Max von der Tochter Lilli und dem toten Sohn Alexander erstellt. Er versucht zu sehen, nicht zu bewerten, er will die Figuren in einer gewissen Konstellation anordnen. Das richtige Bild von einer Situation oder von Menschen zu machen, hat etwas mit Familienaufstellung zu tun. Ich glaube schon, dass die Kunst in schwierigen Lebensphasen helfen, dass sie auch Heilung bedeuten kann.
In einer Tanzszene geht Lilli aus sich heraus, es wirkt wie körperliches Abarbeiten von etwas Bedrückendem. Haben Sie den Song dazu, Peter Gabriels "Signal to Noise", selber ausgesucht?
Ja. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, versuche ich immer, mich ein wenig in Trancezustände zu versetzen. Ich bin zu der Zeit oft lange Strecken im Auto gefahren und habe immer diesen Peter-Gabriel-Song gehört und dabei so stark diesen Film empfunden, wie ich ihn mir vorstellte: verzweifelt, aber auch hoffnungsvoll. Dann habe ich diese Sequenz vor mir gesehen, wie alles auf den Höhepunkt zutreibt, nachdem sich die Menschen die ganze Zeit so zurückgehalten haben. Dieses Lied musste es sein. Die Produzenten aber haben erst mal mit den Ohren geschlackert, Peter Gabriel ist nämlich sehr teuer.
Ihr Film wirkt alles andere als vage, trotzdem lassen Sie der Figur des toten Alexander ein Geheimnis. Warum wollten Sie ihn und seinen Suizid nicht genauer erklären?
Ach, das hätte ich irgendwie so als "Fernsehen" empfunden. Ich selber habe beim Lesen des Romans gebangt, dass am Ende eine Erklärung für den Suizid aus dem Hut gezaubert wird, Kindesmisshandlung oder andere schlimme Erlebnisse. Ich habe gehofft, dass das nicht kommt, ich finde das zu einfach. Als ich mich dann mit dem Thema Suizid von Jugendlichen beschäftigt habe, haben mir Psychologen und Psychiater gesagt, es sei nie nur eine Sache, die Kinder so verzweifelt werden lässt. Es gibt da den Ausdruck "shifting sands" in der Psychiatrie, wenn Kinder also auf Treibsand aufwachsen, Verhältnisse unberechenbar und instabil sind. Sie fühlen sich nicht geerdet, wissen nicht, wer sie sind, was sie zu erwarten haben vom Leben. Das hat mir besser gefallen als Erklärung: dass es jede Familie treffen kann, dass man kein Idiot sein muss, um in eine Situation zu geraten, wo einem die Kinder entgleiten können, dass es für Suizid keinen konkreten Auslöser, keinen Schicksalsschlag braucht.
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Als Max Fotos von Alexander anschaut, sagt er: "Der grinst mir zu viel." So als ob ihm klar ist, dass Alexander den anderen was vorspielt. Ist es für einen Außenstehenden leichter, so etwas zu erkennen?
Ich glaube schon, dass man manchmal sehr viel spürt, wenn man von außen auf eine Konstellation schaut. Das geht mir manchmal mit Beziehungen so, das geht mir mit Familien so. Manchmal, wenn man zu Besuch in ein Haus kommt und im Wohnzimmer steht, spürt man schon sehr viel an Atmosphäre und an Stimmungen in diesem Haus oder in dieser Familie, an Beklemmungen, an Zwängen. Manchmal ist es wahrscheinlich eine Fehleinschätzung. Man muss natürlich genauer hinschauen. Dieser Maler hat gelernt, genau hinzugucken, das ist sein Beruf, er hat einen ganz vorurteilsfreien Blick auf diese Familie. Das ist auch das, was Lilli so gut gefällt, dass er nichts bewertet, weder ihre Sprüche und ihre ruppige Art am Anfang, noch später ihre Zusammenbrüche. Dass er fast wie ein Felsen in diese Familie reingeworfen wird und da drinliegt, und um ihn herum tobt das Meer, all diese Gefühle, und er guckt einfach, er ist einfach nur da.
Josef Bierbichler wirkt als Max sehr zurückhaltend, gleichzeitig sehr kraftvoll. Muss man den bremsen beim Spielen?
Das werde ich so oft gefragt, und ich muss sagen: der ist ja kein Idiot. Bisher hat er eben in Filmen mitgespielt, wo dieses Burschikose und Berserkerhafte Programm war. Wenn er dann so eine Rolle übernimmt - und er muss natürlich erst mal überzeugt werden -, bietet er einem nicht völlig abwegige Dinge an. Er war von Anfang an auch davon überzeugt, dass Max ein in sich ruhender, souveräner, zurückgenommener Charakter ist. Ich musste nicht ständig sagen: Um Gottes willen, bitte leiser! Natürlich ist es nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen mit Herrn Bierbichler. Aber man musste ihm keine Marotten austreiben, die hat er nicht gehabt.
Es geht im Film darum, dass man sich ein Bild von einer Person macht oder machen lässt. Macht man sich dabei Bilder von jemandem, wie man ihn selber haben will?
Genau. Das ist eigentlich das Thema. Was die Mutter gerne sehen würde auf dieser Leinwand, und das, was wirklich ist. Es gibt ja diesen schönen Satz, der mich immer wieder begleitet hat, er stammt von Bert Hellinger, der die Familienaufstellung mit erfunden hat. Er sagt: Anerkennen, was ist. Das fällt uns allen ja immer am schwersten und tut auch am meisten weh. Aber so, wie es ist, ist es nun mal. Es nützt nichts, sich etwas zurechtzubiegen. Der Maler weiß das, weil die Menschen ihm auch fremd sind. Die Mutter hätte gern ein Bild, das eine heile Welt beschreibt, die es nie gab. Der Maler konfrontiert sie damit, dass er das anders sieht.
Machen Sie oft Bilder von Ihrer Tochter?
Ich fotografiere viel, und sie ist auch schon genervt, wenn ich sage: "Lach mal!" Lachen auf Kommando, da ist Pauline wie ihr Papa, das nervt sie und das ist auch gut so. Ich habe aber auch verstanden, dass die besseren Fotos etwa von einer Reise die sind, die auch das zeigen, was vielleicht nicht so toll war. Man hat dann eine viel persönlichere Erinnerung an so einen Urlaub, als wenn man sich nur gegenseitig vor dem Sonnenuntergang mit Strahlerlächeln fotografiert.
Ihre Tochter war damals krank, als Sie für "Nirgendwo in Afrika" den Oscar erhielten. Sie haben den Preis deshalb nicht abgeholt.
Ja, ich höre dafür viel Lob. Es geht mir langsam auf die Nerven. Aber es war schon ein Erwartungsdruck da. Im Nachhinein waren sich alle einig, dass mein Zuhausebleiben so toll war, ich hatte schon das Gefühl, ich kriege den Mutterorden verliehen. Dabei war meine Tochter ernsthaft krank. Die war ja noch ein Baby. Da hat mich jeder genervt, der fand, dass man trotzdem zu so einer Oscarverleihung geht. Ich hatte ja schon vorher eine erlebt, "Jenseits der Stille" war auch nominiert, und das war lustig. Aber es bedeutet mir nichts, mit Angelina Jolie im selben Raum zu sitzen. Das ist mir wurscht.
Wenn man den Oscar gewinnt, fühlt man da die Pflicht, auch mal in Hollywood zu arbeiten? Sie haben es auch ausprobiert.
Ja, ich dachte, das ist der Moment, in dem man versuchen könnte, Karriere in Amerika zu machen. Aber es ist keine ideale Kombination, einen Oscar und ein Baby gleichzeitig zu bekommen. Wobei es viele Probleme gab, die es auch ohne Baby gegeben hätte, Schauspielerverhandlungen etwa, dass da so viele mitquatschen, Agenten, Produzenten, Geldgeber. Dieses indirekte Verhandeln liegt mir nicht. Ich bin ein direkter Mensch, für "Im Winter ein Jahr" habe ich die Schauspieler einfach angerufen und gefragt, kann ich euch das Buch geben, wollt ihr das machen? Als ich mit Nicole Kidman oder Naomi Watts zu tun hatte, wusste ich nie, was die wirklich meinen, weil es immer gefiltert wurde durch zehn andere Leute. Es hat dann mit keiner geklappt, weil die eine nicht wollte, dass die andere dabei ist.
Sie haben vier Filme in zwölf Jahren gedreht. Stimmt der Eindruck, dass Sie nicht ganz in der Filmerei aufgehen?
Nee, ich mache gerne Filme. Aber nur solche, die was mit mir zu tun haben. Mein Mann Dominik Graf hat sich mit Filmgeschichte beschäftigt, er kommt über das Kino zum Kino, ich über Menschen, über meine Neugier. Dass ich Filme mache, war extrem unwahrscheinlich, ich stamme aus einer Familie, in der keiner Künstler ist.
Wie geht das eigentlich mit der Arbeit, wenn der Mann auch Regisseur ist?
Der Dominik ist mein wichtigster Ratgeber. Er und ich sind ja sehr unterschiedlich, aber er kann sich gut in meine Welt hineinversetzen. Ich halte ihm jede Drehbuchfassung unter die Nase, wir sprechen ganz viel über jeden Schritt der Filmherstellung. Umgekehrt ist es nicht so. Mit seinen eigenen Sachen ist der Dominik sehr zurückhaltend.
Sie haben mal im FAZ-Fragebogen als Lieblingsbeschäftigung angegeben: "Schlafen und essen", und hinzugesetzt: "leider". Warum eigentlich dieses "leider"?
Na ja, mit dem Essen haben wir Frauen oft Probleme, und wer dann nicht so Idealmaße hat... Außerdem bin ich immer müde, weil ich wegen meiner Tochter zu wenig schlafe. Aber meine Mutter und Dominik sagen, du warst auch schon vorher müde. Ja, ich brauche zehn Stunden Schlaf, die kriege ich ja nie, deshalb bin ich immer müde.
Ist es Ihnen wichtig, dass man nicht ganz niedergedrückt aus dem Kinosaal kommt?
Man erreicht die Leute ja nicht, wenn man sie allzu gnadenlos aus dem Film entlässt. Ich möchte das Licht am Ende des Tunnels zeigen, dass die Menschen mit einem gewissen Optimismus auf schwierige Zeiten sehen, nicht den Glauben daran verlieren, dass es aus jeder bedrückenden, traurigen, traumatischen Situation auch einen Ausweg gibt.
Zur Person: Caroline Link
Die Drehbuchautorin und Regisseurin Caroline Link wurde 1964 in Bad Nauheim geboren. Schon während ihres Studiums an der Münchner Filmhochschule arbeitete sie als Regieassistentin und schrieb Drehbücher für die Krimiserie "Der Fahnder". Nach dem Studienabschluss drehte sie Dokumentar- und Werbefilme, 1992 den Kinderfilm "Kalle der Träumer". International bekannt wurde Link 1996 mit dem Gehörlosendrama "Jenseits der Stille", das für den Oscar nominiert wurde. 1999 folgte die Erich-Kästner-Verfilmung "Pünktchen und Anton", zwei Jahre später die Emigrationsgeschichte "Nirgendwo in Afrika" nach einem Roman von Stefanie Zweig, für die die Regisseurin den Oscar erhielt. Caroline Link ist Kuratoriumsmitglied des Vereins "Children for a better World". Sie wohnt mit ihrem Lebensgefährten, dem Regisseur Dominik Graf, und der 2002 geborenen Tochter Pauline in München.
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Frau Link, Ihr Film erzählt, wie eine Familie mit dem Tod eines Sohnes umgeht. Dabei spielt auch Kunst eine Rolle. Könnte man sagen: Kunst als Therapie?
Ja, ich denke schon. Jede Figur in dieser Geschichte drückt sich irgendwie künstlerisch aus. Als ich den Roman von Scott Campbell gelesen habe, hat mich das erst irritiert, dann fand ich es ganz schön. Auf die Spitze getrieben wird alles natürlich durch das Porträt, das der Maler Max von der Tochter Lilli und dem toten Sohn Alexander erstellt. Er versucht zu sehen, nicht zu bewerten, er will die Figuren in einer gewissen Konstellation anordnen. Das richtige Bild von einer Situation oder von Menschen zu machen, hat etwas mit Familienaufstellung zu tun. Ich glaube schon, dass die Kunst in schwierigen Lebensphasen helfen, dass sie auch Heilung bedeuten kann.
In einer Tanzszene geht Lilli aus sich heraus, es wirkt wie körperliches Abarbeiten von etwas Bedrückendem. Haben Sie den Song dazu, Peter Gabriels "Signal to Noise", selber ausgesucht?
Ja. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, versuche ich immer, mich ein wenig in Trancezustände zu versetzen. Ich bin zu der Zeit oft lange Strecken im Auto gefahren und habe immer diesen Peter-Gabriel-Song gehört und dabei so stark diesen Film empfunden, wie ich ihn mir vorstellte: verzweifelt, aber auch hoffnungsvoll. Dann habe ich diese Sequenz vor mir gesehen, wie alles auf den Höhepunkt zutreibt, nachdem sich die Menschen die ganze Zeit so zurückgehalten haben. Dieses Lied musste es sein. Die Produzenten aber haben erst mal mit den Ohren geschlackert, Peter Gabriel ist nämlich sehr teuer.
Ihr Film wirkt alles andere als vage, trotzdem lassen Sie der Figur des toten Alexander ein Geheimnis. Warum wollten Sie ihn und seinen Suizid nicht genauer erklären?
Ach, das hätte ich irgendwie so als "Fernsehen" empfunden. Ich selber habe beim Lesen des Romans gebangt, dass am Ende eine Erklärung für den Suizid aus dem Hut gezaubert wird, Kindesmisshandlung oder andere schlimme Erlebnisse. Ich habe gehofft, dass das nicht kommt, ich finde das zu einfach. Als ich mich dann mit dem Thema Suizid von Jugendlichen beschäftigt habe, haben mir Psychologen und Psychiater gesagt, es sei nie nur eine Sache, die Kinder so verzweifelt werden lässt. Es gibt da den Ausdruck "shifting sands" in der Psychiatrie, wenn Kinder also auf Treibsand aufwachsen, Verhältnisse unberechenbar und instabil sind. Sie fühlen sich nicht geerdet, wissen nicht, wer sie sind, was sie zu erwarten haben vom Leben. Das hat mir besser gefallen als Erklärung: dass es jede Familie treffen kann, dass man kein Idiot sein muss, um in eine Situation zu geraten, wo einem die Kinder entgleiten können, dass es für Suizid keinen konkreten Auslöser, keinen Schicksalsschlag braucht.
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Als Max Fotos von Alexander anschaut, sagt er: "Der grinst mir zu viel." So als ob ihm klar ist, dass Alexander den anderen was vorspielt. Ist es für einen Außenstehenden leichter, so etwas zu erkennen?
Ich glaube schon, dass man manchmal sehr viel spürt, wenn man von außen auf eine Konstellation schaut. Das geht mir manchmal mit Beziehungen so, das geht mir mit Familien so. Manchmal, wenn man zu Besuch in ein Haus kommt und im Wohnzimmer steht, spürt man schon sehr viel an Atmosphäre und an Stimmungen in diesem Haus oder in dieser Familie, an Beklemmungen, an Zwängen. Manchmal ist es wahrscheinlich eine Fehleinschätzung. Man muss natürlich genauer hinschauen. Dieser Maler hat gelernt, genau hinzugucken, das ist sein Beruf, er hat einen ganz vorurteilsfreien Blick auf diese Familie. Das ist auch das, was Lilli so gut gefällt, dass er nichts bewertet, weder ihre Sprüche und ihre ruppige Art am Anfang, noch später ihre Zusammenbrüche. Dass er fast wie ein Felsen in diese Familie reingeworfen wird und da drinliegt, und um ihn herum tobt das Meer, all diese Gefühle, und er guckt einfach, er ist einfach nur da.
Josef Bierbichler wirkt als Max sehr zurückhaltend, gleichzeitig sehr kraftvoll. Muss man den bremsen beim Spielen?
Das werde ich so oft gefragt, und ich muss sagen: der ist ja kein Idiot. Bisher hat er eben in Filmen mitgespielt, wo dieses Burschikose und Berserkerhafte Programm war. Wenn er dann so eine Rolle übernimmt - und er muss natürlich erst mal überzeugt werden -, bietet er einem nicht völlig abwegige Dinge an. Er war von Anfang an auch davon überzeugt, dass Max ein in sich ruhender, souveräner, zurückgenommener Charakter ist. Ich musste nicht ständig sagen: Um Gottes willen, bitte leiser! Natürlich ist es nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen mit Herrn Bierbichler. Aber man musste ihm keine Marotten austreiben, die hat er nicht gehabt.
Es geht im Film darum, dass man sich ein Bild von einer Person macht oder machen lässt. Macht man sich dabei Bilder von jemandem, wie man ihn selber haben will?
Genau. Das ist eigentlich das Thema. Was die Mutter gerne sehen würde auf dieser Leinwand, und das, was wirklich ist. Es gibt ja diesen schönen Satz, der mich immer wieder begleitet hat, er stammt von Bert Hellinger, der die Familienaufstellung mit erfunden hat. Er sagt: Anerkennen, was ist. Das fällt uns allen ja immer am schwersten und tut auch am meisten weh. Aber so, wie es ist, ist es nun mal. Es nützt nichts, sich etwas zurechtzubiegen. Der Maler weiß das, weil die Menschen ihm auch fremd sind. Die Mutter hätte gern ein Bild, das eine heile Welt beschreibt, die es nie gab. Der Maler konfrontiert sie damit, dass er das anders sieht.
Machen Sie oft Bilder von Ihrer Tochter?
Ich fotografiere viel, und sie ist auch schon genervt, wenn ich sage: "Lach mal!" Lachen auf Kommando, da ist Pauline wie ihr Papa, das nervt sie und das ist auch gut so. Ich habe aber auch verstanden, dass die besseren Fotos etwa von einer Reise die sind, die auch das zeigen, was vielleicht nicht so toll war. Man hat dann eine viel persönlichere Erinnerung an so einen Urlaub, als wenn man sich nur gegenseitig vor dem Sonnenuntergang mit Strahlerlächeln fotografiert.
Ihre Tochter war damals krank, als Sie für "Nirgendwo in Afrika" den Oscar erhielten. Sie haben den Preis deshalb nicht abgeholt.
Ja, ich höre dafür viel Lob. Es geht mir langsam auf die Nerven. Aber es war schon ein Erwartungsdruck da. Im Nachhinein waren sich alle einig, dass mein Zuhausebleiben so toll war, ich hatte schon das Gefühl, ich kriege den Mutterorden verliehen. Dabei war meine Tochter ernsthaft krank. Die war ja noch ein Baby. Da hat mich jeder genervt, der fand, dass man trotzdem zu so einer Oscarverleihung geht. Ich hatte ja schon vorher eine erlebt, "Jenseits der Stille" war auch nominiert, und das war lustig. Aber es bedeutet mir nichts, mit Angelina Jolie im selben Raum zu sitzen. Das ist mir wurscht.
Wenn man den Oscar gewinnt, fühlt man da die Pflicht, auch mal in Hollywood zu arbeiten? Sie haben es auch ausprobiert.
Ja, ich dachte, das ist der Moment, in dem man versuchen könnte, Karriere in Amerika zu machen. Aber es ist keine ideale Kombination, einen Oscar und ein Baby gleichzeitig zu bekommen. Wobei es viele Probleme gab, die es auch ohne Baby gegeben hätte, Schauspielerverhandlungen etwa, dass da so viele mitquatschen, Agenten, Produzenten, Geldgeber. Dieses indirekte Verhandeln liegt mir nicht. Ich bin ein direkter Mensch, für "Im Winter ein Jahr" habe ich die Schauspieler einfach angerufen und gefragt, kann ich euch das Buch geben, wollt ihr das machen? Als ich mit Nicole Kidman oder Naomi Watts zu tun hatte, wusste ich nie, was die wirklich meinen, weil es immer gefiltert wurde durch zehn andere Leute. Es hat dann mit keiner geklappt, weil die eine nicht wollte, dass die andere dabei ist.
Sie haben vier Filme in zwölf Jahren gedreht. Stimmt der Eindruck, dass Sie nicht ganz in der Filmerei aufgehen?
Nee, ich mache gerne Filme. Aber nur solche, die was mit mir zu tun haben. Mein Mann Dominik Graf hat sich mit Filmgeschichte beschäftigt, er kommt über das Kino zum Kino, ich über Menschen, über meine Neugier. Dass ich Filme mache, war extrem unwahrscheinlich, ich stamme aus einer Familie, in der keiner Künstler ist.
Wie geht das eigentlich mit der Arbeit, wenn der Mann auch Regisseur ist?
Der Dominik ist mein wichtigster Ratgeber. Er und ich sind ja sehr unterschiedlich, aber er kann sich gut in meine Welt hineinversetzen. Ich halte ihm jede Drehbuchfassung unter die Nase, wir sprechen ganz viel über jeden Schritt der Filmherstellung. Umgekehrt ist es nicht so. Mit seinen eigenen Sachen ist der Dominik sehr zurückhaltend.
Sie haben mal im FAZ-Fragebogen als Lieblingsbeschäftigung angegeben: "Schlafen und essen", und hinzugesetzt: "leider". Warum eigentlich dieses "leider"?
Na ja, mit dem Essen haben wir Frauen oft Probleme, und wer dann nicht so Idealmaße hat... Außerdem bin ich immer müde, weil ich wegen meiner Tochter zu wenig schlafe. Aber meine Mutter und Dominik sagen, du warst auch schon vorher müde. Ja, ich brauche zehn Stunden Schlaf, die kriege ich ja nie, deshalb bin ich immer müde.
Ist es Ihnen wichtig, dass man nicht ganz niedergedrückt aus dem Kinosaal kommt?
Man erreicht die Leute ja nicht, wenn man sie allzu gnadenlos aus dem Film entlässt. Ich möchte das Licht am Ende des Tunnels zeigen, dass die Menschen mit einem gewissen Optimismus auf schwierige Zeiten sehen, nicht den Glauben daran verlieren, dass es aus jeder bedrückenden, traurigen, traumatischen Situation auch einen Ausweg gibt.
Zur Person: Caroline Link
Die Drehbuchautorin und Regisseurin Caroline Link wurde 1964 in Bad Nauheim geboren. Schon während ihres Studiums an der Münchner Filmhochschule arbeitete sie als Regieassistentin und schrieb Drehbücher für die Krimiserie "Der Fahnder". Nach dem Studienabschluss drehte sie Dokumentar- und Werbefilme, 1992 den Kinderfilm "Kalle der Träumer". International bekannt wurde Link 1996 mit dem Gehörlosendrama "Jenseits der Stille", das für den Oscar nominiert wurde. 1999 folgte die Erich-Kästner-Verfilmung "Pünktchen und Anton", zwei Jahre später die Emigrationsgeschichte "Nirgendwo in Afrika" nach einem Roman von Stefanie Zweig, für die die Regisseurin den Oscar erhielt. Caroline Link ist Kuratoriumsmitglied des Vereins "Children for a better World". Sie wohnt mit ihrem Lebensgefährten, dem Regisseur Dominik Graf, und der 2002 geborenen Tochter Pauline in München.
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