Kampf gegen einen Journalisten

DFB-Präsident Theo Zwanziger und der Demagogenstreit

Tobias Schall, veröffentlicht am 17.11.2008
Foto: dpa

Stuttgart - Theo Zwanziger ist von einem Journalisten im Zusammenhang des Streits mit dem Kartellamt als "Demagoge" bezeichnet worden. Vor Gericht ist Zwanziger mit einer Unterlassungsklage zweimal gescheitert, nun hat der DFB die PR-Maschinerie angeworfen - und verschweigt dabei die Urteile.


  Von Tobias Schall

 
Beitrag Nummer vier ist es gewesen. Darin der vierte Satz des Kommentars zu einem Beitrag auf der Internetseite www.direkter-freistoss.de, einer Art Fußballfeuilleton im Netz. In dem Text geht es um die Entscheidung des Kartellamts, das sein Veto eingelegt hat zu einem Vermarktungsmodell der Deutschen Fußball-Liga und damit den mächtigen Fußball gegen sich aufgebracht hat - mit dem Cheflobbyisten Theo Zwanziger an der Spitze. "Das Kartellamt gefährdet die internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Fußballs", wird der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Text zitiert. Der Aufschrei des aufrechten Kämpfers für seine Interessen, gegen das Kartellamt.

Kommentar Nummer vier ist der Grund für einen einmaligen Vorgang im deutschen Fußball, dem Kampf des mächtigen Verbandes gegen einen einzelnen kritischen Journalisten. Es geht um einen Satz, genau genommen um ein Wort, welches der StZ-Autor Jens Weinreich in Bezug auf Zwanziger und dessen populistische Äußerung verwendet hat. "Er ist ein unglaublicher Demagoge." Demagoge, er, Theo Zwanziger.

Zwanziger tobte vor Wut

Ausgerechnet er, der gegen Rechtsradikalismus und Homophobie in den Stadien kämpft wie keiner seiner Vorgänger, ausgerechnet er, der die Schattenseiten des Fußballs so offen anspricht wie kein Fußballanführer vor ihm, ausgerechnet er also, der Gutmensch aus Altendiez, sollte sich einen Demagogen nennen lassen? Er, der am 25. November in Berlin mit dem Preis "Gegen Vergessen - Für Demokratie" 2008 ausgezeichnet wird. Die Vereinigung würdigt Zwanzigers Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rechtsextremismus sowie seine Auseinandersetzung mit der Geschichte des DFB im Nationalsozialismus.

Nun offenbart er aber selbst ein merkwürdiges Verständnis von Demokratie und Meinungsfreiheit. Der DFB-Präsident tobte vor Wut und hat sich einem juristischen Kleinkrieg verschrieben, in dem es um die Deutungshoheit des Begriffes geht. Er fühlt sich in die rechte Ecke gedrängt, auf eine Stufe gestellt mit all den Verbrechern der Geschichte. Zwanziger sagt, dass er Kritik einstecken könne, aber dass der Begriff Demagoge laut Duden mit Volksverhetzer gleichzusetzen sei. Der Ausspruch sei eine Persönlichkeitsverletzung, so sein Anwalt.

Ist er nicht, zumindest sehen das die Gerichte so. Zweimal ist der mächtige Funktionär mit Unterlassungsklagen gescheitert. Sowohl das Landgericht als auch das Kammergericht Berlin wiesen seinen Antrag auf eine einstweilige Verfügung zurück. Sie wollten der Argumentation nicht folgen und stärkten vielmehr die Meinungsfreiheit des Journalisten. "Da es Sinn jeder zur Meinungsbildung beitragenden öffentlichen Äußerung ist, Aufmerksamkeit zu erregen, sind angesichts der heutigen Reizüberflutung einprägsame, auch starke Formulierungen hinzunehmen. Das gilt auch für Äußerungen, die in scharfer und abwertender Kritik bestehen, mit übersteigerter Polemik vorgetragen werden oder in ironischer Weise formuliert sind. Der Kritiker darf seine Meinung grundsätzlich auch dann äußern, wenn sie andere für falsch' oder für ungerecht' halten", heißt es in der Urteilsbegründung des Berliner Gerichts. Und weiter: "Dass Diktatoren demagogisch agieren mögen, führt jedenfalls nicht dazu, dass derjenige, den man einen Demagogen nennt, mit einem Diktator gleichzusetzen wäre."

PR statt dritte Klage

Damit ist der Fall geklärt. Eigentlich. Doch Theo Zwanziger gibt nicht auf. Auf eine angedachte dritte Klage, diesmal in Koblenz, wo er selbst Richter und Regierungspräsident war, hat er verzichtet und stattdessen am Freitagabend die PR-Maschinerie anwerfen lassen. Das Fußballimperium schlägt zurück. Mit fragwürdigen Methoden. "DFB missbilligt Diffamierung von Dr. Theo Zwanziger" ist die Pressemitteilung überschrieben. Mit keinem Wort sind in der Mitteilung Nummer 180 zum Beispiel die beiden Niederlagen vor Gericht erwähnt. Ganz so, als hätte es die Urteilssprüche nicht gegeben, setzt der DFB seine Argumentation fort und zitiert seinen Generalsekretär Wolfgang Niersbach mit den Worten: "Die Grenzen der Meinungsfreiheit wurden hier eindeutig überschritten."

Dass die Mail auch an führende Sportpolitiker und Funktionäre ging, mit dem Hinweis, man dürfe den Inhalt "natürlich argumentativ auch" verwerten, verleiht dem Vorgang zusätzliche Brisanz. Es ist ein geradezu dreister Versuch, wieder die von Zwanziger so oft erwähnte "Kommunikationsherrschaft" zu erlangen. Es ist ein Schreiben aus der DFB-Welt, offensichtlich einem Paralleluniversum außerhalb des Rechtsraums. Jens Weinreich hat den Vorgang einschließlich aller Schriftsätze auf seiner Homepage (www.jensweinreich.de) dokumentiert - und in der Mitteilung gleich 18 Unwahrheiten aufgelistet. Er spricht von einer "Diffamierungskampagne" gegen ihn. Das DFB-Schreiben ist unter www.dfb.de zu finden.

Der renommierte freie Journalist ist einer der schärfsten Kritiker der Funktionärskaste und hat sich damit im deutschen Sport viele Feinde gemacht. Er solle mundtot gemacht werden, hätten ihm mehrere Funktionäre hinter vorgehaltener Hand mitgeteilt, so sagt Jens Weinreich. Der Wächterpreisträger prüft seinerseits, juristische Schritte gegen die Mitteilung einzuleiten.
 

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