Leitartikel

Veh geht, das Problem bleibt

Peter Stolterfoht, veröffentlicht am 23.11.2008

Es müssen lediglich zwei Kriterien erfüllt werden, damit eine Entlassung in der Fußball-Bundesliga als gerechtfertigt gilt: Mannschaft schlecht, Trainer ratlos. Und weil der VfB Stuttgart und sein Coach diese Vorgaben nun schon seit Wochen geradezu übererfüllen, ist es nur eine logische Konsequenz, dass sich der Verein von Armin Veh getrennt hat.


  Von Peter Stolterfoht

 
Zumal nach der 1:4-Niederlage am Samstag beim VfL Wolfsburg auch keinerlei Aussicht mehr auf Besserung bestand: Tabellenplatz elf, Tendenz stetig sinkend.Mit dem geschassten Trainer ist der VfB gleichzeitig aber nicht auf einen Schlag all seine Probleme los. Denn Armin Veh hinterlässt eine ideenlos spielende und unmotiviert auftretende Mannschaft, bestehend aus völlig verunsicherten Neuzugängen, satten Meisterspielern des Jahres 2007 und Fußball-Legionären, denen es ziemlich egal ist, welcher Verein ihnen ihr Monatsgehalt überweist. Angesichts dieses ungesunden Mischungsverhältnisses kann die Nachfolgeregelung mit dem Trainerduo Markus Babbel und Rainer Widmayer nur der erste Schritt auf einem vermutlich langen Weg in eine bessere VfB-Zukunft sein.

Eine völlig verfehlte Transferpolitik hat den Club nach dem Titelgewinn vor eineinhalb Jahren in diese Krisensituation gebracht. Rund 30 Millionen Euro investierte der VfB seitdem in seine Mannschaft - selten hat ein Bundesligist so viel Geld so wenig gewinnbringend angelegt. Dafür trägt aber nicht allein Armin Veh die Verantwortung. Der VfB-Manager Horst Heldt versäumte es, den Trainer bei seiner teilweise wilden Einkaufstour entscheidend zu bremsen, die beispielsweise acht Millionen Euro für den auf ganzer Linie enttäuschenden Stürmer Ciprian Marica verschlang. Heldt widersprach nicht vehement der Veh'schen Maxime, die lange Zeit sinngemäß so lautete: Ein Meistertrainer weiß, was er tut und hat grundsätzlich recht.

Der VfB hat mit Armin Veh einen Titel gewonnen, wofür dem Trainer Respekt gebührt. Mit der Meisterschaft hat der Club aber gleichzeitig auch seine Leitlinien aus den Augen verloren. Zum einen sieht das Stuttgarter Grundsatzprogramm vor, auf die eigenen Talente zu bauen. Auf den VfB-Nachwuchs baute zuletzt aber vor allem die TSG Hoffenheim und das mit enormen Erfolg. Zum anderen wollte der VfB eine vom aktuellen Trainer unabhängige Transferpolitik machen. Auch davon war nichts zu sehen. Der VfB Stuttgart hat im Moment eine völlig willkürlich zusammengestellte Mannschaft, die keinerlei konzeptionelle Strukturen erkennen lässt. Dem Team fehlt vieles, ganz besonders jedoch das Identifikationspotenzial, einst die große Stärke des Vereins.

Diesen Vorwurf muss sich auch Horst Heldt gefallen lassen. Dennoch ist es eine verständliche Entscheidung, dass der VfB an seinem Manager festhält. Auch weil sich der Präsident Erwin Staudt weiterhin nicht direkt in die sportlichen Belange einmischen will, setzt der Verein im Managerbereich auf eine vertretbare Kontinuität. Ohne Heldt wäre die Profiabteilung des VfB führungslos, was in dieser schwierigen Umbruchphase große Probleme mit sich bringen würde.

Während Horst Heldt zugetraut wird, aus den Fehlern die richtigen Schlüsse zu ziehen, sprach der Verein dem Trainer diese Fähigkeit ab. Das war allerspätestens nach der Pressekonferenz vor dem Spiel in Wolfsburg der Fall, als Armin Veh genauso ehrlich wie taktisch falsch die eigene Transferpolitik als verfehlt bezeichnete und seiner Mannschaft damit unmissverständlich die Klasse absprach. Entsprechend verunsichert agierte der VfB in Wolfsburg. Aber nicht nur dieses Schuldeingeständnis gab dem Verein die Steilvorlage für die Entlassung. Auch Vehs Vertragssituation vereinfachte diesen Schritt.

Neben seiner Sturheit, die eine enorme Beratungsresistenz mit sich bringt, gehört zu Armin Vehs hervorstechenden Charaktereigenschaften auch die Fairness. Inmitten des Stuttgarter Meisterschaftsrauschs 2007 hätte Veh problemlos einen Rentenvertrag beim VfB herausschlagen können, der den Verein jetzt teuer zu stehen kommen würde. Einen langfristigen Kontrakt hätten damals auch jene im Umfeld des Clubs bejubelt, die den Trainer schon vor Wochen und Monaten für untragbar gehalten haben. Armin Veh dagegen blieb seiner Linie treu und unterschrieb weiterhin nur Einjahresverträge in Stuttgart, was für den VfB nun die billigste Entlassung in seiner an Trainerrauswürfen wahrlich nicht armen Vereinsgeschichte bedeutet.

Kostengünstig ist es auch, Markus Babbel vom Co-Trainer zum neuen Teamchef zu machen. Diese interne Lösung hat darüber hinaus auch mehr Charme, als sich schnell einen der üblichen Verdächtigen wie Klaus Augenthaler, Thomas Doll oder Mirko Slomka ins Haus zu holen. Der VfB muss wieder neue Wege gehe. Und da ist es sicher nicht der falsche Ansatz, beim Trainer anzufangen.
 

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