It's a free World

Der gute Mensch von London

Rupert Koppold, veröffentlicht am 27.11.2008
Filmbeschreibung
"Zahlst du ihnen denn wenigstens den Mindestlohn?" so wird Angie (Kierston Wareing) von ihrem Vater gefragt. Seine Tochter hat sich nämlich selbstständig gemacht, sie betreibt jetzt mit ihrer schwarzen Freundin Rose (Juliet Ellis), die nach dem Studium zunächst in einem Callcenter gejobbt hat, eine Zeitarbeitsfirma und "beliefert" die Baustellen von London. Aber da ist diese von Ken Loach inszenierte Geschichte aus der Welt der Arbeit schon weit fortgeschritten.

Begonnen hat Ken Loachs Film "It's a free World" mit einer Sequenz in Polen. Die blonde, energische Angie, eine Frau Mitte dreißig, ist da selber noch angestellt in einer Firma, die billige Arbeitskräfte für England rekrutiert. Abends werden dann die erfolgreichen Geschäfte gefeiert, und Angie wird zu ihren alkoholisierten Chefs an den Tisch gebeten. Als aber einer übergriffig wird und mit größter Selbstverständlichkeit anfängt, sie öffentlich zu befingern, schüttet sie ihm mit Verve ihren Drink ins Gesicht - und wird prompt entlassen.

So startet die taffe Angie zusammen mit Rose ihr eigenes Unternehmen. Während die Freundin von ihrer Wohnung aus den Schreibkram erledigt, fährt sie an die "Front", führt Verhandlungen im Hinterhof von Pubs, brummt in Lederkluft auf ihrem Motorrad durch den Industrie- und Lagerhallengürtel von London, verleiht dort ihre Taglöhner, die meist aus Osteuropa kommen und sich oft illegal in England aufhalten. Angie wird vielleicht ein bisschen bestaunt, letztlich aber akzeptiert in dieser Männerwelt.

Für Wuchermieten stellt die Jungunternehmerin auch schäbige Unterkünfte zur Verfügung, ihr Geschäft beginnt zu florieren. Um die Probleme ihres bei den Großeltern aufwachsenden Sohnes, der einem Mitschüler den Kiefer gebrochen hat, kann sie sich jetzt aber nicht auch noch kümmern. Und ihrem Vater, der ihr mit Worten und Werten wie Solidarität, Arbeiterklasse oder Mindestlohn kommt, gibt sie zu verstehen, dass sie ihn für ein Fossil hält, für einen alten Mann, der sich in der Welt von heute nicht mehr auskennt.

Vor zehn Jahren hätte Ken Loach die großartige Schauspielerin Kierston Wareing wohl noch eine aufmüpfig-trotzige Heldin der Arbeiterklasse spielen lassen. Aber diese Arbeiterklasse, die der Regisseur in früheren Filmen so liebevoll-loyal porträtiert und feiert, der er immer wieder Wärme, Zusammenhalt und Moral attestiert, sie hat sich unter dem Druck der neuen Verhältnisse so gut wie aufgelöst. Und so sehr Loach das auch bedauert: sein neuer Film erzählt nicht mehr von den alten Zeiten, er setzt sich mit den neuen auseinander. Das neoliberale Motto "It's a free World", das der Titel sarkastisch zitiert, heißt für die Heldin: Alles ist erlaubt, was Geld bringt. So demonstriert diese Geschichte am Beispiel von Angie, dass man in einer regel- und zügellos gewordenen Ökonomie nur vorwärtskommt auf Kosten der anderen, als Ausbeuter also.

Aber diese Angie ist auch ein energiegeladenes Bündel von Widersprüchen, die sich zwar im Kopf schon in der neuen Weltordnung befindet, vom Gefühl her aber noch manchmal im Proletariat. Wenn sie mal ein paar ihrer Arbeiter einlädt, um mit ihnen richtig Spaß zu haben, dann ist das eben nicht nur die sexuelle Ausnutzung von Abhängigen. Wenn sie sich mit einem jungen Polen anfreundet, dann könnte daraus sogar Liebe werden. Und wenn sie schließlich Flüchtlinge aus dem Iran aufnimmt, die keine Aufenthaltserlaubnis haben, dann ist das echte Hilfsbereitschaft.

"It's a free World" entwickelt sich also zu einer Art aktualisierter Version des 1943 uraufgeführten Lehrstücks "Der gute Mensch von Sezuan", in dem Bert Brecht zeigt, wie der Kapitalismus zur Schizophrenie zwingt. Um den Anspruch der Götter zu erfüllen, "gut zu sein und doch zu leben", spaltet sich Shen Te, die Heldin des Stücks, auf in eine menschlich agierende "private" Person und in die gnadenlose Unternehmerin Shui Ta. Brecht arbeitet in seinem Stück allerdings mit dem berühmt-berüchtigten Verfremdungseffekt, er setzt auf die Distanz des Zuschauers, die dieser zum Nachdenken nutzen soll. Loach dagegen bewegt sich weg von Stilisierung und Abstraktion, er schreibt seiner Sache den Realismus authentischer Orte ein und gibt ihr mit natürlich agierenden Darstellern sozusagen Fleisch.

Und so bangt man schließlich, ob man nun will oder nicht, um diese Angie, wenn die Geschäftspartner ihre Leiharbeiter zuerst schuften lassen, dann aber nicht bezahlen. Denn Angie ist in dieser neuen Welt ja noch nicht weit genug oben, sie ist als Verantwortliche noch sichtbar, mehr noch: sie ist körperlich greifbar. Die Selbstzerfleischung des Proletariats droht nun in seiner buchstäblichen Form. Und auch wenn Angie selber der Gefahr zu trotzen versucht, sich furchtlos einer Gruppe zorniger Männer entgegenstellt und erklärt, sie selber sei doch nicht schuld, sie sei doch auch eine Betrogene, wird sie bald erfahren, dass sie noch an anderer Stelle verwundbar ist. Sie hat ja noch einen Sohn.
 
Mehr StZ Filmkritiken

Alle Artikel anzeigen
Anzeigen

Was möchten Sie unternehmen?
Wann möchten Sie etwas unternehmen?
vorheriger Monat
Monat
kommender Monat
Heute Morgen Akt. Woche
MODIMIDOFRSASO
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
Aktuelle Videos


Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Trailer oder Video auf filmstarts.de