Zwanziger gibt nicht auf

Nächste Runde im "Demagogen-Gate"

Tobias Schall, veröffentlicht am 28.11.2008
Foto: dpa

Stuttgart - Dreimal ist Theo Zwanziger vor Gericht gescheitert, nun strebt er ein Hauptsacheverfahren gegen den Journalisten Jens Weinreich an. Der hatte den DFB-Präsidenten als "Demagogen" bezeichnet. Das Vorgehen des DFB mit seinem Präsidenten an der Spitze löst immer mehr Kopfschütteln aus.


  Von Tobias Schall

 
Am Ausgangspunkt des Streites hat man Weitsicht bewiesen. "Resumee Zwanziger gegen Weinreich" steht dort am "Ground Zero", wie die Internetgemeinde den Blog "Direkter Freistoss" nennt, ergänzt mit dem Hinweis: "Bestimmt ein vorläufiges". Es ist ein vorläufiges Resumee, der Streit zwischen dem DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und dem Journalisten Jens Weinreich nimmt wieder Fahrt auf. Weinreich hat am Mittwoch eine einstweilige Verfügung gegen den Inhalt einer fehlerhaften DFB-Pressemitteilung erwirkt, Zwanziger wiederum will nun Klage gegen den Journalisten erheben.

Es geht um die Meinungshoheit

Es geht um das Wort "Demagoge" (die StZ berichtet) und die Deutungshoheit, und um vielmehr: um den Versuch des mächtigen Verbandes, die Meinungshoheit zurückzuerobern. Was der DFB mit fragwürdigen Methoden macht.

Der Verlauf des "Demagogen-Gate" in aller Kürze: Der Journalist Jens Weinreich, der unter anderem auch für die StZ schreibt, hatte in dem Internetblog im Kommentar zu einem Artikel den DFB-Präsidenten als einen "unglaublichen Demagogen" bezeichnet. Weinreich, ein kritischer Geist im Sportjournalismus, bezog sich dabei auf Aussagen Zwanzigers im Zuge des Streits mit dem Kartellamt um die TV-Vermarktung. Zwanziger fühlte sich gekränkt und beantragte - was sein gutes Recht ist - eine einstweilige Verfügung. Doch sowohl das Landgericht als auch das Kammergericht Berlin schützen die Meinungsfreiheit und wiesen den Antrag ab. Am 14. November ging der DFB mit einer Presseerklärung in die Offensive, warf Weinreich Diffamierung vor, verschwieg die Urteile und ermunterte alle Empfänger (das Who's who des Sports) zugleich, das Schreiben weiterzuverbreiten. Dies wurde von Journalistenvereinigungen scharf kritisiert.

Per einstweiliger Verfügung ist dem DFB nun Folgendes untersagt worden:

Zu behaupten, Weinreich habe "Theo Zwanziger ohne Anlass als ,unglaublichen Demagogen' bezeichnet".

Den Eindruck zu erwecken, Weinreich "habe zur Vermeidung einer von Theo Zwanziger angekündigten Klage eine entschuldigende Erklärung abgeben lassen" und die von Zwanziger gestellten Bedingungen zur Nichteinreichung der vorbereiteten Klage erfüllt.

Mehr als eine seltsame Posse

Zu verbreiten, Weinreich habe mit der Bezeichnung "unglaublicher Demagoge" "die Grenzen der Meinungsfreiheit eindeutig überschritten", ohne auf die Gerichtsentscheidungen zugunsten Weinreichs hinzuweisen.

Der Fall ist mehr als nur der Streit zweier Männer, weit mehr als eine seltsame Posse, er offenbart Grundsätzliches. Es war eine gezielte Desinformation, wohl verbunden mit der Hoffnung, dass sich die Öffentlichkeit die Darstellung des DFB zu eigen macht. Ein Trugschluss und das Kommunikationsdesaster für den Verband, nachdem die Affäre längst die virtuelle Welt verlassen hat und in der Realität angekommen ist. Das Krisenmanagemenet vonseiten der Lobbyisten aus der Otto-Fleck-Schneise wirft zumindest ein merkwürdiges Licht auf das Gebaren des größten Sportverbands der Welt.

Der Kampf um die Kommunikationsherrschaft tobt auch auf Wikipedia. Dort versucht die alte Welt des Sports, die Hoheit über die Meinung zu behalten. Zum Beispiel im Wikipedia-Eintrag von Theo Zwanziger, bei der Rubrik "Sonstiges". Dort findet sich ein Hinweis zum Streit mit dem Journalisten. Kürzlich war der Eintrag von einem Nutzer der freien Onlineenzyklopädie gelöscht worden. Damit war die Vita des Theo Zwanziger, der unbestritten viel Gutes getan hat, für alle unbedarften Leser wieder lupenrein, von seinem seltsamen Verhalten in dieser Geschichte und der heftigen öffentlichen Kritik an ihm war nichts mehr zu lesen. Doch jeder Vorgang hinterlässt im Netz Spuren. Und siehe da, es handelte sich nach Kontrolle der Adresse um einen Rechner des Deutschen Fußball-Bundes - der wenig später die Löschung selbst wieder rückgängig machte.

Man mag das amüsant finden, vielleicht für eine Kleinigkeit, doch es offenbart das Ansinnen eines einflussreichen Verbandes, die öffentliche Meinung in seinem Sinne zu lenken. "Wenn Sie die Kommunikationsherrschaft nicht haben, sind Sie der Verlierer." Das hat Theo Zwanziger gesagt. "Kommunikationsherrschaft bedeutet für mich, dass drei Dinge in Einklang zu bringen sind: Inhalte, Personen und Kommunikation." Theo Zwanziger ist nun selbst auf der Verliererstraße.

Eine detaillierte Auflistung des ganzen Konflikts unter:

www.jensweinreich.de

Die Sicht des DFB auf:

www.dfb.de (in der Suchfunktion "Weinreich" eingeben).

 

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