StZ-Weihnachtsaktion (10)
Die Schwaben im Flüchtlingswohnheim
Dorothee Haßkamp , veröffentlicht am 09.12.2008
Stuttgart - Bei der StZ-Weihnachtsaktion helfen Leserinnen und Leser mit Spenden vielen Menschen in Not. Unterstützt werden bedürftige Menschen in der Region, die durch Krankheit, Arbeitslosigkeit und andere Schicksale in einer prekären Situation sind. Wir schildern einige Fälle.
Von Dorothee Haßkamp
Fall 15: Alle in der Familie versuchen, die Jüngsten von der Wirklichkeit abzuschirmen - sie sollen unbeschwert bleiben, sie sollen nicht wissen, wie ungewiss die Zukunft ist. Und alle sind stolz auf die Nesthäkchen: Sie haben es geschafft, sie gehen auf die Realschule. Nicht auf die Förderschule, auf der die Älteren gelandet waren, und auch nicht auf die Hauptschule, zu der sich die Geschwister erst hocharbeiten mussten.
Überhaupt war 2008 ein gutes Jahr. Dem Vater ist eine Last von der Seele gefallen, seit sie ein Bleiberecht für zwei Jahre bekommen haben. So lange die Kinder denken können, musste die Familie alle paar Monate eine neue Duldung beantragen - die galt dann drei Monate, vielleicht sechs. In diesem saisonalen Rhythmus haben die Eltern die nächste Generation erzogen und sich Arbeit gesucht, sobald sie die Erlaubnis dazu hatten. Seither sind sie unabhängig von staatlicher Hilfe. Der Vater hat zwei Reinigungsstellen. Mit einer längeren Pause in der Mittagszeit arbeitet er von fünf Uhr in der Früh bis 21 Uhr am Abend.
Weil seine Frau noch etwas dazuverdient, reicht es so gerade zum Leben. Mit den Kettenduldungen ist der Älteste durch die Schulzeit gekommen, aber danach stand der Junge in einer Sackgasse: Kein Betrieb will einen Lehrling einstellen, der über Nacht verschwinden kann.
Auch deutsche Nachbarn helfen
Seine jüngeren Geschwister konnten sich mit dem neuen Bleiberecht bewerben und haben, auch dank guter Noten, sofort Lehrstellen bekommen. "Bildung ist wichtig", bestätigt der Vater. Deshalb hat sich die Familie auch im Wohnheim durchgesetzt: Sie haben den Gemeinschaftsraum ihres Stockwerks zum Hausaufgabenzimmer für alle Kinder im Heim deklariert und damit einen Rückzugsort in der lauten und engen Umgebung geschaffen.
Auch deutsche Nachbarn haben sich um die Flüchtlinge gekümmert und regelmäßig Nachhilfe organisiert. "Wir sind Schwaben", sind sich die Kinder einig. "Wir sprechen Deutsch, wir hatten noch nie Ärger mit der Polizei und wir kehren den Bürgersteig vor dem Wohnheim. Mit dem anderen Land verbindet uns nichts - das kennen wir nur aus Erzählungen unserer Eltern, denen es dort nicht gut gegangen ist."
Sie sind sehr aufgeregt, weil die Familie zum Ende des Jahres in eine ganz normale Wohnung ziehen wird. Die nächste Generation kennt nichts anderes als das Leben in unterschiedlichen Flüchtlingsheimen. Sie malen sich aus, wie es sein wird, eine richtige Wohnungstür hinter sich zu schließen. Und wie toll es wird, wenn nicht mehr alle Kinder in einem Zimmer auf Matratzen schlafen müssen, die tagsüber übereinander gestapelt werden. In der Wohnung fehlt es an allem, besonders dringend sind Herd und Kühlschrank. Es wäre dort aber genügend Platz, dass zum ersten Mal jedes Kind ein richtiges Bett haben könnte. Die Awo bittet dafür um Spenden.
Fall 16: Frau Z. hat in ihrer Heimat nie die Chance gehabt, lesen und schreiben zu lernen. Ihre Aussichten, dass sie auf Dauer in Deutschland bleiben darf, sind gut, und sie ist hoch motiviert, nicht nur Deutsch, sondern auch schreiben zu lernen. Dafür muss sie aber einen besonderen Kurs besuchen. Dort macht sie schnelle Fortschritte. Als Asylbewerberin bekommt Frau Z. einen Satz, der unter der Sozialhilfe liegt. Davon hat sie sich die Kursgebühren wortwörtlich vom Munde abgespart. Die Arbeiterwohlfahrt bittet um Spenden, um sie bei den Kosten für die weite Anfahrt zu unterstützen.
Von Dorothee Haßkamp
Fall 15: Alle in der Familie versuchen, die Jüngsten von der Wirklichkeit abzuschirmen - sie sollen unbeschwert bleiben, sie sollen nicht wissen, wie ungewiss die Zukunft ist. Und alle sind stolz auf die Nesthäkchen: Sie haben es geschafft, sie gehen auf die Realschule. Nicht auf die Förderschule, auf der die Älteren gelandet waren, und auch nicht auf die Hauptschule, zu der sich die Geschwister erst hocharbeiten mussten.
Überhaupt war 2008 ein gutes Jahr. Dem Vater ist eine Last von der Seele gefallen, seit sie ein Bleiberecht für zwei Jahre bekommen haben. So lange die Kinder denken können, musste die Familie alle paar Monate eine neue Duldung beantragen - die galt dann drei Monate, vielleicht sechs. In diesem saisonalen Rhythmus haben die Eltern die nächste Generation erzogen und sich Arbeit gesucht, sobald sie die Erlaubnis dazu hatten. Seither sind sie unabhängig von staatlicher Hilfe. Der Vater hat zwei Reinigungsstellen. Mit einer längeren Pause in der Mittagszeit arbeitet er von fünf Uhr in der Früh bis 21 Uhr am Abend.
Weil seine Frau noch etwas dazuverdient, reicht es so gerade zum Leben. Mit den Kettenduldungen ist der Älteste durch die Schulzeit gekommen, aber danach stand der Junge in einer Sackgasse: Kein Betrieb will einen Lehrling einstellen, der über Nacht verschwinden kann.
Auch deutsche Nachbarn helfen
Seine jüngeren Geschwister konnten sich mit dem neuen Bleiberecht bewerben und haben, auch dank guter Noten, sofort Lehrstellen bekommen. "Bildung ist wichtig", bestätigt der Vater. Deshalb hat sich die Familie auch im Wohnheim durchgesetzt: Sie haben den Gemeinschaftsraum ihres Stockwerks zum Hausaufgabenzimmer für alle Kinder im Heim deklariert und damit einen Rückzugsort in der lauten und engen Umgebung geschaffen.
Auch deutsche Nachbarn haben sich um die Flüchtlinge gekümmert und regelmäßig Nachhilfe organisiert. "Wir sind Schwaben", sind sich die Kinder einig. "Wir sprechen Deutsch, wir hatten noch nie Ärger mit der Polizei und wir kehren den Bürgersteig vor dem Wohnheim. Mit dem anderen Land verbindet uns nichts - das kennen wir nur aus Erzählungen unserer Eltern, denen es dort nicht gut gegangen ist."
Sie sind sehr aufgeregt, weil die Familie zum Ende des Jahres in eine ganz normale Wohnung ziehen wird. Die nächste Generation kennt nichts anderes als das Leben in unterschiedlichen Flüchtlingsheimen. Sie malen sich aus, wie es sein wird, eine richtige Wohnungstür hinter sich zu schließen. Und wie toll es wird, wenn nicht mehr alle Kinder in einem Zimmer auf Matratzen schlafen müssen, die tagsüber übereinander gestapelt werden. In der Wohnung fehlt es an allem, besonders dringend sind Herd und Kühlschrank. Es wäre dort aber genügend Platz, dass zum ersten Mal jedes Kind ein richtiges Bett haben könnte. Die Awo bittet dafür um Spenden.
Fall 16: Frau Z. hat in ihrer Heimat nie die Chance gehabt, lesen und schreiben zu lernen. Ihre Aussichten, dass sie auf Dauer in Deutschland bleiben darf, sind gut, und sie ist hoch motiviert, nicht nur Deutsch, sondern auch schreiben zu lernen. Dafür muss sie aber einen besonderen Kurs besuchen. Dort macht sie schnelle Fortschritte. Als Asylbewerberin bekommt Frau Z. einen Satz, der unter der Sozialhilfe liegt. Davon hat sie sich die Kursgebühren wortwörtlich vom Munde abgespart. Die Arbeiterwohlfahrt bittet um Spenden, um sie bei den Kosten für die weite Anfahrt zu unterstützen.
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