Vierjährige von Neckar-Brücke geworfen

Als Tötungsmotiv gibt die Mutter Überforderung an

Christine Keck und Jörg Nauke, veröffentlicht am 15.12.2008
Foto: Steinert

Stuttgart - Mit Entsetzen haben Experten auf die grausame Kindstötung in Stuttgart reagiert. Eine 33-jährige Mutter aus Feuerbach hatte am Freitag ihre vierjährige Tochter von der Inselbrücke gestoßen. Gegen die Frau ist Haftbefehl wegen Mordes erlassen worden.


  Von Christine Keck und Jörg Nauke

 
Noch in der Nacht zum Samstag hat sich die 33-jährige Mutter im Revier Arnulf-Klett-Passage der Polizei gestellt und ein Geständnis abgelegt. In einer ersten Vernehmung gab die Frau zu, ihre Tochter am Freitagabend in den Neckar gestoßen zu haben. Den grausamen Fund hat ein Schleusenwärter am Freitag gegen 17.50 Uhr gemacht. Daraufhin hatte die Polizei eine Suchmeldung nach den Eltern des bei Untertürkheim geborgenen Kindes veranlasst (wir berichteten in einer Teilauflage der Samstagausgabe).

Die Mutter räumte gegenüber der Polizei ein, ihre Tochter aus Verzweiflung von der 5,50 Meter hohen Inselbrücke ins nur fünf Grad kalte Wasser geworfen zu haben. Sie sei bereits seit der Geburt mit der Erziehung überfordert gewesen. Wie die Polizei feststellen konnte, lebte die Frau mit ihrer Familie "in geregelten Verhältnissen", so Pressesprecherin Sibylle Ahlborn. In der Familie sei sogar ein gewisser Wohlstand vorhanden, heißt es. Das vierjährige Mädchen war das einzige Kind.

Der Vater ist fassungslos

Der Vater sei völlig fassungslos, berichtete Ahlborn. Er befinde sich mit anderen Familienangehörigen in psychologischer Betreuung. An dem Leichnam des Kindes sind zwar drei ältere Brandnarben am linken Arm und an der linken Schulter entdeckt worden, die Polizei hat aber nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen keine Hinweise auf vorausgegangene Misshandlungen. Der Leichnam soll heute obduziert werden.

Obwohl zur Tatzeit auf der Brücke, die Wangen und Untertürkheim verbindet, reger Feierabendverkehr herrschte, hatte offenbar niemand die schreckliche Tat gesehen. Der Schleusenwärter, der an der Inselbrücke Dienst hatte, entdeckte die im Wasser treibende Leiche mit Hilfe der Videoüberwachung. Das Kind trug eine Daunenjacke, eine Wollmütze, blaue Jeans und einen gestreiften Pullover mit einem Katzenkopf. Der Neckar weist in diesem Bereich der Schleuse nahezu keine Strömung auf, so dass die Leiche auch nicht abgetrieben wurde.

Als die Polizei das Mädchen um 19.40 Uhr geborgen hatte, lag keine Vermisstenanzeige vor. Nachdem die Tatverdächtige gegen Mitternacht im Polizeiposten Klett-Passage erschienen war und gestanden hatte, wurde sie vorläufig festgenommen. Die 33-Jährige ist am Samstag dem Haftrichter vorgeführt worden. Ein von der Staatsanwaltschaft beantragter Haftbefehl wegen Mordes wurde erlassen. Die Frau sitzt jetzt in Untersuchungshaft.

Wahrscheinlich war es eine Kurzschlussreaktion

Auf die Frage, warum Mütter ihre Kinder töten, gibt es keine einfachen Antworten. In vielen Fällen liegt eine chronische Überlastung zugrunde, es kann sich aber auch um eine psychische Erkrankung handeln. "Man kann wohl von einer Kurzschlussreaktion ausgehen", sagt beispielsweise Walter Raible vom Stuttgarter Weraheim, das mit seiner Babyklappe verzweifelten Mütter in Notsituation weiterhilft. "Es ist keine Schande, eine Überforderung bei der Erziehung zuzugeben", sagt Raible, "nur trauen sich viele Frauen nicht, Hilfe zu holen." Erste Ansprechpartner seien das Jugendamt, die Erziehungsberatungsstellen oder das Kinderschutzzentrum. Ob das Stuttgarter Jugendamt mit der Familie des toten Mädchen Kontakt hatte, ist unklar. Der Amtsleiter Bruno Pfeifle konnte dazu am Sonntag keine Auskunft geben.

Die Ursachen für Kindstötungen sind so vielfältig, dass die Experten bei der Klassifizierung auf große Raster angewiesen sind. Viele der Mütter, die ihre Kinder töten, weisen ein geringes Selbstwertgefühl auf, haben selbst einen inadäquaten Erziehungsstil und wenig Schutz durch ihre Eltern erlebt und Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung erfahren, heißt es in einer Studie zu Tötungshandlungen im familiären Umfeld.

Die Kriminalistik unterscheidet mehrere Motivstränge. So werden Kinder getötet, weil sie ungewollt sind oder vor wirklichem oder vermeintlichem Leid bewahrt werden sollen. Nach mehreren Kindstötungen im vergangenen Jahr war die Rede davon, diese Delikte nähmen zu. Die Kriminalstatistik zeigt aber, dass im Bundesgebiet das Gegenteil der Fall sei. So wurden 2006 genau 202 Kinder Opfer von Tötungsdelikten. Das waren 88 weniger als im Jahr 2000; in 37 Fällen handelte es sich dabei um Mord.
 
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