Kindsmord

Mutter wollte auch selbst sterben

Susanne Janssen und Inge Jacobs, veröffentlicht am 15.12.2008
Foto: factum/Rebstock

Stuttgart - Polizei und Stadt stehen fassungslos vor dem Fall der 33-jährigen Frau, die ihr Kind am Freitagabend in den Neckar geworfen hatte. Nichts habe auf die Tat hingedeutet, so die Polizei. Die Frau hatte vorgehabt, sich anschließend selbst umzubringen.


  Von Susanne Janssen und Inge Jacobs

 
Die Obduktion der Staatsanwaltschaft hat am Montag eindeutig ergeben, dass das vierjährige Mädchen ertrunken ist. Hinweise auf Misshandlungen oder Missbrauch in der Familie fanden sich nicht. "Es gab lediglich eine alte Brandnarbe an der Schulter", erklärt Polizeisprecherin Sybille Ahlborn. Die sei aber einfach dadurch entstanden, dass das Kind einmal eine Tasse heißen Tee vom Tisch gezogen und sich dabei verbrüht hatte.

Die Familienangehörigen würden psychologisch betreut, so die Polizeisprecherin. Der Vater war in der Nacht zum Samstag mit der Nachricht konfrontiert worden, dass seine Frau die gemeinsame Tochter umgebracht hatte. Das Kind war ein Wunschkind, Sorgen über das Fortbleiben hatte sich der Mann noch nicht gemacht: "Die Frau hatte ihn noch angerufen und erklärt, sie würde später heimkommen." Doch anstatt die Großmutter zu besuchen, stieß die Mutter gegen 17.30 Uhr am Freitag das Kind von der Inselbrücke in den eiskalten Neckar. Stunden später stellte sich die Frau der Polizei und gab an, sie habe sich auch selbst umbringen wollen. Als Motiv führte sie an, sie sei seit der Geburt mit der Erziehung überfordert gewesen.

Die Frau ist in U-Haft in Schwäbisch Gmünd

Für das Kind hatte die Frau, die ebenso wie ihr Mann aus Kroatien stammt, ihren Beruf aufgegeben - sie hatte eine kaufmännische Lehre absolviert. Die Familie wohnt in Feuerbach, dort soll das Mädchen auch einen Kindergarten besucht haben. Die Polizei vernimmt nun Familienangehörige und weitere Personen, die etwas über das Familienleben sagen können. Ersten Ermittlungen zufolge habe nichts darauf hingedeutet, dass sich die Situation zuspitzt. "Man steht fassungslos davor, aber das ist der Blick von außen", erklärt Sybille Ahlborn. Es gebe immer wieder tragische Einzelfälle. Die Frau ist in Schwäbisch Gmünd in Untersuchungshaft, ein Gutachter müsse klären, ob bei ihr eine psychische Erkrankung vorliege.

Mit großer Bestürzung hat auch die Sozialbürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch auf den Tod des kleinen Mädchens reagiert: "Es ist für mich nicht vorstellbar, was die Mutter zu diesem Schritt bewogen hat." Die Bürgermeisterin bedauerte, dass die Frau sich nicht erneut ans Jugendamt gewandt habe. Denn bereits kurz nach der Geburt, als das Mädchen ein halbes Jahr alt war, sei die Mutter im Januar 2005 aufs Jugendamt zugekommen, weil sie sich in ihrer neuen Rolle überfordert gefühlt habe, berichtete der Jugendamtschef Bruno Pfeifle. "Damals war die Beratung nach einem Monat in gegenseitigem Einvernehmen beendet."

Mitarbeiter des Jugendamts hätten seinerzeit der Familie einen Hausbesuch abgestattet, mit Vater und Mutter geredet und auch das Kind angeschaut - "das ist Standard", so Pfeifle. Da beide Seiten nach einem Monat festgestellt hätten, dass eine Beratung nicht länger notwendig sei, habe man sie eingestellt. "Wenn gewisse Anzeichen vorliegen oder wir unsicher sind, halten wir von uns aus den Kontakt aufrecht", betont Pfeifle. Dies sei hier aber nicht der Fall gewesen.

Verunsicherung beim ersten Kind normal

Die Mutter habe damals beispielsweise wissen wollen, wie und ob man ein Kind den ganzen Tag beschäftigen könne oder solle. Diese Verunsicherung hätten viele Eltern bei ihrem ersten Kind. "Wir fragen uns, weshalb die Frau nicht wieder auf uns zugekommen ist", so Pfeifle. Er gehe auf jeden Fall von einer psychischen Erkrankung der Frau aus. Diese habe sich damals jedoch noch nicht abgezeichnet. "Wir müssen überlegen, wie wir in Stuttgart künftig das Netz enger weben", erklärte Pfeifle. Das größte Problem sei: "Wie kommen wir in Kontakt mit diesen Eltern? Wenn sie sich melden, haben wir einen großen Handlungskoffer."

Im Frühjahr werde man dem Gemeinderat ein Konzept "Frühe Hilfen" vorlegen, kündigte Pfeifle an. Dazu gehört nicht nur der Ausbau des Pilotprojekts "Familienhebamme",dass sich bereits jetzt um überforderte Mütter kümmert,sondern auch ein Basispaket samt einem Standardbesuch durch das Jugendamt kurz nach der Geburt. "Es geht nicht um ein neues Angebot, sondern um die Frage: Wie schafft man es, dass niemand verloren geht?" Dieser Frage werden sich vermehrt auch die Kindertagesstätten stellen müssen - das ertränkte Mädchen hatte ganz normal einen Kindergarten besucht.

Das Jugendamt hilft Eltern bei Erziehungsfragen: Telefon 216-5100. Der Krisen- und Notfalldienst ist auch am Wochenende erreichbar: Telefon 0180/5110444.

 
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