Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Stuttgart & Region


Kurs gegen Schlangenangst

Rendezvous mit einer Natter

Nadia Köhler, veröffentlicht am 16.12.2008
Foto: Zweygarth

Stuttgart - Schon im Paradies hatte die Schlange nicht das beste Image - und auch heute reagieren viele auf sie regelrecht panisch. Schlangenphobien sind so verbreitet, dass es spezielle Kurse für Betroffene gibt. Ein Selbstversuch.


  Von Nadia Köhler

 
Es ist ein Termin zum Fürchten. Höchste Beunruhigungsstufe - wie damals der erste Schwimmwettkampf, wie die Abiprüfung, wie das Bewerbungsgespräch. Man kann sich das Danach kaum vorstellen. Man ist sich ja nicht mal sicher, ob es überhaupt ein Danach gibt.

14.30 Uhr. Training gegen Schlangenangst im Naturkundemuseum Schloss Rosenstein. Der Trainer heißt Thomas F. Moser, Diplompsychologe und Schlangenfreund. Der Fachmann windet sich nicht um einen klaren Befund herum: "Auf einer Skala von null - angstfrei - bis zehn - extrem panisch - würde ich Ihre Angst vor Schlangen bei 7,5 einordnen", sagt er gleich am Anfang.

Filme mit Schlangen stehen hausintern auf dem Index

Zugegeben, es gibt da bestimmte Verhaltensweisen, die vermutlich nicht nur einen Psychologen aufhorchen lassen. Filme, in denen Schlangen vorkommen, stehen hausintern auf dem Index - und das trifft nicht nur Titel wie "Anaconda", sondern auch vermeintlich harmlose Unterhaltungsklassiker wie Winnetou und Indiana Jones und selbstverständlich alle Harry-Potter-Verfilmungen, in denen Lord Voldemorts Haustier auftaucht, die Riesenschlange Nagini.

Die Schlangenangst sitzt tief. Sie wirkt hinein ins Leben und in die Familie. Länder, in denen Schlangen häufig anzutreffen sind, scheiden als Urlaubsziele kategorisch aus. Und die Kinder halten das Terrarium in der Wilhelma angesichts der Reaktion ihrer Mutter auf dieses Gebäude für den Wohnsitz von Knecht Ruprecht höchstpersönlich.

Moser soll es richten. 500 Kunden haben sich bisher an den Angstbändiger gewandt, auf dass er ihnen helfe, Schlangen ganz normal begegnen zu können. Seine Erfolgsquote, sagt Moser, liegt bei 60 Prozent. Das bedeutet, 300 von 500 Männern und Frauen sind nach zwei Stunden Mentaltraining bereit, sich einer Schlange zu nähern, einige lassen sich das Tier sogar um den Hals legen. "Das ist im Moment noch unvorstellbar für Sie, ich weiß", sagt Moser und grinst, "aber warten Sie mal ab."

Und irgendwie beschleicht einen in diesem Moment die Ahnung, dass die Sache hier so laufen könnte wie mit einem Staubsaugervertreter. Am Anfang will man dem Mann die Tür vor der Nase zuschlagen. Doch dann nutzt er die unterdrückten Sehnsüchte seines Gegenübers geschickt zu seinem Vorteil, und man hört ihn zumindest einmal an. Schließlich nimmt der Staubsaugermann die Distanz aus dem Gespräch, bietet einem das Du an, klopft ein paar lockere Sprüche. Am Ende kauft man ihm alles ab, jedenfalls fast alles.

Die Angst ist fest in unseren Gehirnen verankert

Ganz so einfach läuft das hier nicht. Die Sache ist verschlungener. Hier geht es um eine Angst, die in jedem Menschen von Natur aus angelegt ist, wie zwei Forscher der amerikanischen University of Virginia in Charlottesville in einer Studie herausgefunden haben. Sie behaupten, die Angst vor Schlangen sei nicht anerzogen, sondern durch die Evolution fest in unseren Gehirnen verankert.

Auch Thomas F. Moser weiß, dass sich Schlangen schwerer als andere Tiere an die Frau oder den Mann bringen lassen. Er wolle den Menschen auch gar nicht die natürliche und sinnvolle Angst nehmen, sagt er, sondern nur erreichen, dass die lähmende Panik von den Probanden abfällt. "Ich lasse mir ungern meine Erfolgsquote kaputt machen", sagt der Meister im Einführungsgespräch, "aber mein Ziel ist es, die Teilnehmer an ihre Grenzen zu führen und nicht darüber hinaus."

Es beginnt mit dem, was Moser als "kleinen Urlaub" anpreist - mit einer Mischung aus autogenem Training, Hypnose und Tiefenentspannung. Moser schaltet meditative Musik an, holt den Pendel hervor und startet, wenn die nervösen Angstkandidaten die Augen geschlossen haben, mit seinen sanften Anweisungen. "Du schlenderst wie ein kleines glückliches Mädchen über einen Jahrmarkt und hältst ein paar Luftballons in der Hand. Es sind magische Ballons, sie ziehen deine Arme jetzt ganz langsam nach oben." Tatsächlich sind die eigenen Arme plötzlich über dem Kopf ausgestreckt, so als wolle man abheben. Doch bevor Zeit ist, die Situation als lächerlich zu empfinden, geht es schon weiter.

Ist da vielleicht eine Python?

Jetzt drückt Moser seinen Teilnehmern gedanklich eine magische Fernbedienung in die Hand, mit der sie sich immer neue Bilder auf eine imaginäre Leinwand holen sollen. Im Wesentlichen geht es dabei darum, die gleiche Situation - man streicht an einem schönen Sommertag durch eine Blumenwiese - aus unterschiedlichen Blickwinkeln wahrzunehmen. So versetzt man sich aus der Position einer fröhlich umherspazierenden Frau in die Haut einer kleinen Babyschlange, die sich vom trampelnden Menschen bedroht fühlt. Tatsächlich hat der gedankliche Rollentausch eine Wirkung: Zum ersten Mal breitet sich beim Gedanken an Schlangen ein Lächeln im Gesicht aus. Doch nicht alles, was man anlächelt, will man gleich anfassen.

"Vielleicht bist du jetzt neugierig geworden", sagt Moser und leitet das Ende der Tiefenentspannung ein. "Und siehst nun in dieser Schlange eine neue Freundin, der du bereit bist zu begegnen." Eine Schlange zur Freundin? Nein, kein Bedarf! Früher als angewiesen öffnen sich die Augen, um sicherzugehen, dass der bekennende Reptilienfreak Moser nun nicht plötzlich eine seiner Pythons auf dem Arm hat, die er sich als Haustiere hält. Hat er aber nicht.

Stattdessen stellt er wenig später eine Thermobox, wie man sie vom Pizzaservice kennt, auf den Tisch. Darin liegen zwei Babywärmflaschen und ein zugeschnürter Leinensack. "Susi, unsere Kuschelschlange, freut sich darauf, dich kennenzulernen", sagt der Trainer. Auf Nachfrage entpuppt sich Susi als 1,20 Meter lange, 400 Gramm schwere Kettennatter - ungiftig, aber dennoch eine ausgewachsene Würgeschlange. Moser bietet an, erst einmal die Hand unter den geschlossenen Sack zu legen. Schauerlich, dann lieber dem Grauen in die Augen schauen, also die Schlange aus dem Sack lassen. Der selbst gewählte Sicherheitsabstand zum Tisch beträgt fünf Meter. Hinschauen, na ja. Aber anfassen? Niemals!

Susi schlängelt sich nicht freiwliig aus dem Sack

Ganz so scharf scheint auch Susi nicht auf das erste Date zu sein, denn von selbst schlängelt sie sich nicht aus dem Sack. "Es ist ihr ein bisschen zu kalt hier", entschuldigt Moser ihr Verhalten und hilft mit der Hand ein wenig nach. Zu kalt? Das ist angesichts der eigenen Körpertemperatur, die inzwischen auf gefühlte 40 Grad gestiegen ist, schwer vorstellbar. Dann kommt doch noch Bewegung in die Sache. Susi, der Name könnte tatsächlich nicht besser gewählt sein: Mit ihrer zebraähnlichen schwarz-weißen Musterung, mit ihren schwarzen Knopfaugen und ihrer kurzen, gespaltenen Zunge wirkt sie wirklich wie ein harmloses, lispelndes kleines Mädchen, dem es unangenehm ist, im Rampenlicht zu stehen. "Süß, oder?" fragt Moser.

Die Neugier lässt den Sicherheitsabstand beträchtlich schmelzen. "Fühle mal, wie muskulös, weich und trocken sich ihr Körper anfühlt", sagt Moser, wieder mit einem leicht meditativen Ton in der Stimme. Wie ferngesteuert legt sich der Zeigefinger auf ihren Körper. Leider ist die Hand vor Angstschweiß so feucht, dass Susi sich einfach nur schwitzig anfühlt. Plötzlich meldet sich das Gehirn zurück: "Du fasst gerade eine Schlange an, eine Schlaaaangeee!" Die Hand schnellt zurück.

Herausforderung Wilhelma

Moser drängt nicht zu weiteren Heldentaten. "Dir lege ich das Tier nicht um die Schultern, da hätte ich Angst um die Schlange!" Klingt hart, befolgt aber das, was er anfangs versprochen hat - an die Grenzen führen und nicht darüber hinaus. Im konkreten Fall bedeutet das: anfassen, aber nicht kuscheln. Das ist auch schon was bei der Vorgeschichte.

Der Kurs ist aus. Es gibt ein Danach. Der Heimweg durch den Schlossgarten beginnt wie ein Triumphzug: Schlange berührt, Angst gebändigt! Da raschelt es im Gebüsch, ein schneller Sprung zur Seite - ein Rabe fliegt davon. Was soll's, so ein großer Erfolg über sich selbst muss sich vielleicht erst einmal setzen. Am nächsten Tag folgt dann die Probe aufs Exempel. Das Terrarium in der Wilhelma dürfte für eine Frau, die bereits eine halbe Stunde mit einer Schlange in einem Raum verbracht hat, keine Herausforderung mehr sein. Die Kinder sind mindestens so aufgeregt wie ihre Mutter und anders als sie erleichtert, als sich herausstellt, dass hier nur die Schlangen wohnen und nicht der düstere Gehilfe des Nikolaus. Fasziniert beobachtet die ganze Familie eine fette Tigerpython - unfassbare, bisher undenkbare zehn Minuten lang.

Das nächste Training mit Thomas F. Moser findet am 24. Januar 2009 im Naturkundemuseum Schloss Rosenstein statt. Infos unter: 0711/8936266. Die Ausstellung "Schlangenlinien - Auf den Spuren eines sagenhaften Reptils" ist dort bis Mai 2009 zu sehen.
 
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