Buddenbrooks

Familienkutsche, an die Wand gefahren

Tim Schleider, veröffentlicht am 24.12.2008
Filmbeschreibung
Was für ein herrliches Buch! Da hat man die Aufgabe übernommen, die neue "Buddenbrooks"-Verfilmung von Heinrich Breloer zu rezensieren. Da kramt man, um nach Begutachtung des Films noch das eine oder andere nachzuschlagen, aus dem Bücherregal die eigene "Buddenbrooks"-Ausgabe hervor - ein altes Fischer-Taschenbuch aus den siebziger Jahren zum Preis von 6,80 Mark; 517 engst bedruckte, inzwischen heftig angegilbte Seiten. Da fängt man dann an zu suchen und zu blättern, und prompt hat man sich wieder festgelesen. An fünf, zehn Stellen, quer durch alle Teile. Überall bleibt man kleben. Nein, das ist kein Roman. Das ist eine Falle. Was im Hochsommer ein Leimstreifen für Fliegen und Brummer ist, das ist dieses Buch für unsere Fantasie und unsere Leselust.

Zum Beispiel Seite 58, ein reiner Zufallsfund: "Therese Weichbrodt war bucklig, sie war so bucklig, dass sie nicht viel höher war als ein Tisch ..." Oder Seite 152: ",Sie erlauben nun, dass ich mir einen genaueren Einblick in die Lage der Dinge verschaffe', sagte der Konsul und griff nach dem Hauptbuch ..." Oder Seite 248, ein Brief aus München: "Und wenn ich ,Frikadellen' sagte, so begreift sie es nicht, denn es heißt hier ,Pflanzerln'; und wenn sie ,Karfiol' sagt, so findet sich wohl nicht so leicht ein Christenmensch, der darauf verfällt, dass sie Blumenkohl meint ..." Oder Seite 511: "Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt: ..."

Was wir damit ja nur sagen wollen: Es wird wohl ein jeder, der dieses Buch einmal gelesen hat, die "Buddenbrooks" schätzen, wenn nicht gar lieben. Die Bilder, die Motive, die Sprüche, die Verwicklungen - sie bleiben im Gedächtnis wie eine Versammlung sehr guter Freunde. Und eines können wir dem Regisseur Heinrich Breloer bestimmt zugutehalten: Auch er liebt diesen Roman. Aus solcher Liebe ist wohl der Wunsch entstanden, ihn verfilmen zu wollen. Um all den Motiven, den Sprüchen, vor allem aber den "Buddenbrooks"-Bildern, die der Leser Breloer bisher nur im eigenen Kopf hatte, zum Leben auf der Leinwand zu verhelfen.

Aber gescheitert ist er trotzdem. Und er ist nicht einfach nur gescheitert, wie gute Regisseure (und Breloer ist ein guter) das manchmal tun, nämlich auf hohem Niveau. Nein, Breloer scheitert mit seinen "Buddenbrooks" ohne jedes Wenn und Aber; im Grunde ist schon nach 25 der insgesamt 150 Minuten der Kinofassung entschieden, dass all das nichts mehr werden kann. Breloer stürzt ungefähr so ab, wie Thomas Buddenbrook nach der grauenhaften Behandlung beim Zahnarzt Brecht in der Lübecker Fischergrube auf die Nase knallt, siehe Seite 463: "Er vollführte eine halbe Drehung und schlug mit ausgestreckten Armen vornüber auf das nasse Pflaster." Das ist der Schlag.

Kostümpracht statt Wortmacht

Was wir bei Breloer sehen, das sind zweieinhalb Stunden aufwendigster Ausstattung und rauschendster Kostüme, fast durchweg abgetönt und abgetötet mit braun-karamelisierten Farben, nur manchmal kommt ein hellblauer Himmel dazwischen, aber auch dieser unterlegt mit einer süßlich-summenden Musik. Zweieinhalb Stunden lang jagt Breloer durch die Geschichte, erzählt ordentlich eine Episode nach der anderen. Aber leider, leider: Letztlich hakt er mit all dem teuren Aufwand nur Stationen ab: Jetzt hab ich euch dieses gezeigt, und - Obacht! -, nun kommt jenes. Keine der vielen Begebenheiten kann den Zuschauer wirklich fesseln.

Viel schlimmer noch: Schon nach kurzer Zeit beginnt sich der Zuschauer zu langweilen. Und warum? Weil Breloer zwar, was keine große Leistung ist, in den "Buddenbrooks" einen Bilderschatz findet. Aber partout kein Thema. Da fragt man sich natürlich: Wie kann das sein? Ausgerechnet Breloer, das Themen-Trüffelschwein des öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der seit dreißig Jahren dem Publikum mit seinen Doku-Dramen (Barschel! Mogadischu! Albert Speer!) immer wieder Debattenstoff beschert hat. Ja, ausgerechnet dieser Breloer verweigert in diesem Roman-Spielfilm jede eigene Idee, jede Zuspitzung, jede These. Stattdessen nur: Ödnis. Ärger. Kutschengerassel.

Beispiel gefällig? Kein Problem! Nehmen wir den ersten amüsant-dramatischen Höhepunkt des Romans, die erste Ehe Tony Buddenbrooks, geschlossen mit dem Hamburger Kaufmann Bendix Grünlich. Breloer behandelt die Episode in den ersten 25 Minuten (und entscheidet damit, siehe oben, auch den Rest). Tony, so erzählt der Roman, findet Bendix von Anfang an eklig (und der Leser zweifellos auch). Die Eltern drängen sie dennoch zur Heirat, sehen in der Verbindung für ihre Tochter eine glänzende Partie. Erst nach langem Sträuben gibt Tony nach und beugt sich der Familiendisziplin.

Thomas Mann zelebriert nun diesen Sinneswandel der koketten jungen Frau mit einer Kutschfahrt durch Lübeck. Tony sieht die alten Mauern und Giebel der Hansestadt, die Transportwagen, sieht die Passanten, die sie ehrfürchtig grüßen. Und plötzlich beginnt sie zu ahnen, was all diese Formen des Baulichen und des Umgangs von ihr, der achtzehnjährigen Tochter des Hauses als Vertreterin der nächsten Generation, verlangen: eine Haltung nämlich. Just am Morgen nach dieser Kutschfahrt wird Tony darum das alte Familienbuch der Buddenbrooks zur Hand nehmen und dort eintragen: "Verlobte sich am 22. September 1845 mit Herrn Bendix Grünlich, Kaufmann zu Hamburg."

Was die "Buddenbrooks" so unnachahmlich beschreiben, das ist das Mittel, mit dem das reiche Bürgertum seine auf Reichtum basierenden gesellschaftlichen Ansprüche durchsetzt - nämlich mit Haltung. Mit Kleidung, mit Körperausdruck, mit Worten und Redewendungen, mit bestimmten Werten und Umgangsformen. Manchmal auch nur mit einem Kopfnicken oder einem Augenbrauenhochziehen. Und Tony Buddenbrook entscheidet, sich diesen Regeln zu fügen. Sie lässt sich dazu nur allzu gern verführen.

Ein enges Korsett kneift

Und was macht Breloer daraus? Er zeigt keine Kutschfahrt, sondern lässt in seinem Film Jessica Schwarz als Tony, Armin Müller-Stahl als Papa und Iris Berben als Mama Problemunterhaltungen führen, als seien wir in einem Fernsehspiel vom ZDF. "Vater, glaubst du gar nicht an die große Liebe?" nölt da die kleine Jessica. "Tony, es gibt Dinge, die sind größer als das. Die Familie ..." raunt dann der graue, weise Armin-Vater zurück. Und die üppig-dunkelrot gewandete Mama-Iris rollt mit den Augen und seufzt und ächzt: "Tony. Ach, Tony." Peinlich, das. Klebrig. Statt Lübecker Marzipan nur, obwohl ARD-finanziert, Mainzer Plagiat.

Vielleicht will Breloer, indem er die Buddenbrooks so reden lässt, wie Menschen in Vorabendserien reden, uns die Romanfiguren besonders nahe bringen. Aber er erreicht so das Gegenteil: Sie werden uninteressant. Breloer will uns zurufen: "Schaut mal, das sind doch Menschen wie Ihr!" Aber was kann man mit solcher Anbiederung erzielen? Als Reaktion wohl nur: "Na, so blöd wie die sind wir noch lange nicht." Verspielte Chance.

Ist es vielleicht generell vermessen, die "Buddenbrooks" in ein Filmkorsett zu zwängen? Eine schwierige Frage. Zumindest darf man sich als Regisseur wohl nicht so hemmungslos der bloßen Form hingeben, sich nicht so bedenkenlos blenden lassen vom Schein der schönen Schnallen und Schnurrereien. Verflixt und zugenäht: Dass ausgerechnet der Analytiker Heinrich Breloer zu fragen versäumt, was eigentlich genau hinter all dieser großbürgerlichen Haltung steckt beziehungsweise, dass ausgerechnet der Analytiker Heinrich Breloer behauptet, hinter all der Haltung stecke nichts weiter als das uns heutigen Zeitgenossen so bekannte Bedürfnis nach Wohlfühl-Wellness und Kuschelmuschel-Therapie im Schatten der Finanzkrise, das will einem kaum in den Kopf. Nein, dieser "Buddenbrooks"-Film bringt's einfach nicht. Vergurkt. Vergeigt. Vergeben.
 
Mehr StZ Filmkritiken

Alle Artikel anzeigen
Anzeigen

Was möchten Sie unternehmen?
Wann möchten Sie etwas unternehmen?
vorheriger Monat
Monat
kommender Monat
Heute Morgen Akt. Woche
MODIMIDOFRSASO
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
Aktuelle Videos


Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Trailer oder Video auf filmstarts.de