Eric Gauthier
"Schwanensee ist nicht cool genug“
Fragen von Erik Raidt und Achim Wörner, veröffentlicht am 30.12.2008
Stuttgart - Er ist als Tänzer in Stuttgart ein Popstar geworden - er tritt in Jugendhäusern und Altenheimen auf und singt nebenbei noch in einer Band: Eric Gauthier findet mit seiner Tanzkompanie inzwischen weit über die Landeshauptstadt hinaus Beachtung. Im StZ-Jahresschlussinterview spricht er über Einsamkeit, Erfolg und die Quelle seiner Energie. Mit ihm unterhielten sich Erik Raidt und Achim Wörner.
Sie waren lange Solist am Stuttgarter Ballett, leiten jetzt eine erfolgreiche Tanzkompanie am Theaterhaus - was bitteschön bezwecken Sie mit Auftritten vor pubertierenden Teenagern in Jugendhäusern?
Ich frage mich, warum Sie sich darüber wundern? Und ich verstehe nicht, weshalb so viele Künstler nur auf der Bühne stehen und nicht raus in die Wirklichkeit gehen. Wenn ich mit meinen Tänzern in Jugendhäusern auftrete, erlebe ich oft aufregendere Dinge, als bei gewöhnlichen Vorstellungen.
Ja, wahrscheinlich, dass das Publikum während der Vorstellung SMS schreibt.
Das passiert. Anfangs telefonieren viele und tippen auf ihren Handys herum. Einer brüllt so etwas wie: "Eyh, was soll der schwule Mist hier?!" Doch dann treten meine Tänzer auf, und es wird mit jedem Stück stiller im Raum. Die Jungs und Mädchen werden total ruhig, sie schauen gebannt zu, und am Ende jaulen sie auf, wenn ich das letzte Stück ankündige: "Wir wollen mehr!"
Dabei hätten wir darauf gewettet, dass die Generation Playstation, die am liebsten Hip hop hört, auf modernen Tanz pfeift.
Wenn wir denen Schwanensee bieten würden, wäre es vermutlich so. Damit gewinnst Du kein junges Publikum. Klassisches Ballett ist denen nicht cool genug, und moderner Tanz wird oft zu kompliziert inszeniert. Die Bühne ist dunkel, die Musik ist sperrig und die Bewegungen der Tänzer sind für das Publikum kaum durchschaubar.
Wir würden jetzt gerne höflichkeitshalber widersprechen...
...aber ich habe mein ganzes Leben lang getanzt und weiß selbst, dass es so ist. Als ich noch am Staatstheater war, sind manchmal Leute nach der Vorstellung auf mich zugekommen und haben mir zugeflüstert: "Es war toll, Herr Gauthier, aber wir haben leider nichts davon verstanden."
Offensichtlich haben Sie dieses Übersetzungsproblem am Theaterhaus nicht. Wie haben Sie es geschafft, Party- und Kinogänger für den Tanz zu begeistern?
Wir versuchen, den Leuten eine Mischung aus humorvollen, poetischen und tiefsinnigen Elementen zu bieten. Tanz muss doch nicht immer so verdammt ernst sein! Du bist doch genauso ein Künstler, wenn Du die Leute zum Lachen bringst.
Das sagen Sie. Im Kulturbetrieb heißt es jedoch hinter vorgehaltener Hand schnell: Ach, der ist aber ins Seichte abgerutscht!
Leider stimmt das manchmal. Einmal hat eine Kritikerin nach einer unserer Vorstellungen sinngemäß geschrieben: Wir hoffen, dass Eric Gauthier beim nächsten Mal mehr Ernst und weniger Spaß liefert. Ich sage dazu nur - forget it! Ich will ein Tanzprogramm liefern, bei dem sich die jungen Leute abends fragen: "Gehen wir heute ins Kino oder gehen wir zu Gauthier Dance?"
Ihr erstes Programm am Theaterhaus hieß "Sixpack", und Sie haben sich mit ihren Tänzern in Rockstar-Pose für die Plakate ablichten lassen. Sind Sie ein Windbeutel mit guter PR-Abteilung?
Für meine Programme suche ich mir die Stücke renommierter Choreografen. In "Sixpack" rieselte Sand wie bei einer gewaltigen Sanduhr von der Decke auf die Tänzer hinab. Das Bild wurde mit Beethovens fünfter Sinfonie unterlegt. Und jetzt frage ich Sie: Ist Beethoven ein Windbeutel? Sind die großen Choreografen billig? Ich versuche, hochkarätigen Tanz mit meinem Humor anzureichern. Das scheint anzukommen.
Viele Ihrer Vorstellungen sind schnell ausverkauft. Sie werden in Stuttgart als Shootingstar wahrgenommen. Mal ehrlich: hatten Sie kein flaues Gefühl, als Sie im Oktober 2007 mit Gauthier Dance im Theaterhaus angefangen haben?
Das Verrückte an mir ist, dass ich keine Angst habe. Ich hatte schon vorher als Tänzer lange den Traum, eines Tages eine eigene Kompanie zu führen. Werner und Willi (Werner Schretzmeier, der Chef des Theaterhauses, und Willi Friedmann, Geschäftsführer, d. Red.) haben mir die Chance gegeben, meinen Traum zu verwirklichen. Viel schneller, als ich das jemals erwartet hätte.
Als Chef eines eigenen Ensembles sind Sie ein Grünschnabel. Warum finden wir in all den Presseinformationen über Sie eigentlich nirgends Ihr Alter?
Diese Geheimniskrämerei hat damit zu tun, dass ich bis vor einigen Jahren noch ausschließlich Tänzer war. Unter Tänzern wird nur ungern über das Alter gesprochen, wobei es bei den Frauen noch heikler ist.
Weil viele Ballettchefs denken, dass man ab 35 für die Höchstschwierigkeiten auf der Bühne zu alt ist?
Dabei ist das Blödsinn. Ich glaube, dass die meisten Tänzer erst mit Ende 20 ihren Körper wirklich kennen und einen guten Ausdruck finden. Der Kulturbetrieb mit seinen Pseudo-Vermarktungsgesetzen amüsiert mich. Ein Beispiel: meine Band Royal Tease drängt mich immer, dass ich mich auf der Bühne für 26 ausgebe. Ich sehe das gelassen. Zwar bin ich älter und verheiratet - aber für die jungen Mädchen im Publikum bin ich offiziell gerne noch 26.
Sie sind nicht der Erste, der schummelt.
Dabei würde ich mich manchmal gerne ein paar Jahre älter machen. Vor ein paar Wochen war ich auf einer Konferenz von Ballettdirektoren in München. Da saßen all die Chefs der großen Häuser aus ganz Deutschland zusammen, lauter Schwergewichte der Branche. Einer war 64, der nächste 53, irgendwann stellte ich mich vor: Eric Gauthier, Theaterhaus Stuttgart, 31 Jahre. In dem Moment drehte sich der ganze Saal nach mir um. Es ist wohl momentan mein Schicksal. Als Direktor bin ich sehr jung, als Musiker und Tänzer nicht mehr im Groupie-Alter.
Sie waren gerade erst 17 Jahre alt, als Sie Mitte der neunziger Jahre mit Reid Anderson gemeinsam aus Toronto ans Stuttgarter Ballett kamen. Fiel es Ihnen denn damals leicht, sich auf einem fremden Kontinent zurechtzufinden?
Es war fürchterlich. Das Staatstheater vermittelte mir diese Einzimmerwohnung am Killesberg. Nach den Proben und den Auftritten saß ich dort abends einsam auf diesem Hügel. Ich hatte keine Freunde, konnte die Sprache nicht, und es gab kein englisches TV-Programm. In meinem ersten Jahr in Stuttgart habe ich mir in der Videothek um die Ecke bestimmt 600 Filme ausgeliehen. Ohne mich wären die Pleite gegangen. Diese Anfangszeit war furchtbar und großartig zugleich, weil ich herausfand, wer ich bin und was ich im Leben will. Dazu gehört auch die Musik. Ich kaufte mir eine Gitarre und brachte mir alles selbst bei.
Sie sind in Montreal aufgewachsen und haben in Toronto getanzt - wie haben Sie Stuttgart damals wahrgenommen?
Als Balletttänzer lebst Du in einem Mikrokosmos. Dein soziales Umfeld besteht nur aus dem Ballett. Du gehst fast nie mit anderen Leuten aus. Weil das Ensemble so international ist, war ich lange Zeit nicht gezwungen, richtig Deutsch zu lernen. Das habe ich erst nachgeholt, als ich während meiner siebten Spielzeit in Stuttgart meine heutige Frau Laura kennen gelernt habe. Ich wollte mich vor ihren Eltern nicht blamieren. In der Anfangszeit bestand Stuttgart für mich aus dem Staatstheater, dem Killesberg und dem H&M-Shop auf der Königstraße, in dem ich mich herumgetrieben habe.
Und heute?
Inzwischen ist Stuttgart meine Heimat geworden. Ich habe meine Lieblingsrestaurants und meine Lieblingsbar, das Oblomow. Dort triffst Du an der Bar einen alten Mann, neben ihm stehen ein Skater, der sein Brett dabei hat, und vielleicht noch ein paar Typen im Anzug. Keiner versucht, etwas anderes zu sein, als er ist. Der Laden ist wie Stuttgart: einfach ehrlich.
Macht es einem die Stadt leicht, ohne Schminke durchs Leben zu gehen?
Stuttgart ist unverstellt, ganz anders als beispielsweise München. München ist eine tolle Stadt, aber Du begegnest dort viel mehr Menschen, die nur ihre Fassade zeigen. In Stuttgart hast Du Porsche und Bosch, hier wird gearbeitet, und es geht bodenständig und nicht versnobt zu. Meine Frau und ich, wir passen hierher.
Und wir haben den Verdacht, dass der Künstler Eric Gauthier sich schon ganz gut in der Chefetage zurechtgefunden hat.
Wie kommen Sie darauf?
Auf ihrem Schreibtisch steht ein verräterisches und nicht gerade kleines Schild: "Eric Gauthier - Director".
Bitte machen Sie keine Fotos davon! Das Schild ist doch nur ein Witz - meine Kollegen haben es mir zum Einstand geschenkt. Soll ich Ihnen etwas verraten? Ich sitze hier im ersten Büro meines Lebens. Dabei bin ich Künstler und kein Manager.
Aber an den Zahlen kommen Sie nicht mehr vorbei. In der Kultur wird knapp kalkuliert.
Das hat mir den Start nicht leicht gemacht. Früher bin ich als Tänzer auf der Bühne gestanden, und es war alles perfekt vorbereitet: das Licht, die Musik, die Kostüme. Jetzt bin ich für all diese Dinge mitverantwortlich. Ich muss Tanzstücke kaufen, mich um die Rechte von Musiktiteln kümmern und wegen der Choreografien verhandeln. Am Ende darf all das ein bestimmtes Budget nicht sprengen. Business ist verdammt kompliziert.
Mussten Sie neue Spielregeln lernen?
Du bekommst eine Menge gut gemeinter Ratschläge. Manche Leute sagten mir: "Du bist jetzt Ballettdirektor, trag' besser einen Anzug!" Hallo? Ich bin doch derselbe Mensch geblieben. Warum sollte ich mich dem Bild anpassen, das andere Leute von einem Ballettdirektor haben?
Also haben Sie keinen Anzug getragen, als Sie das erste Mal der Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann begegnet sind.
Nein.
Fördermittel haben Sie keine bekommen.
Das stimmt, was aber wohl nichts mit der Anzugfrage zu tun hat. Die Stadt hat sich auf den Standpunkt gestellt, dass sich Stuttgart neben dem Ballett keine zweite Tanzkompanie leisten könne. Einerseits konnte ich diese Haltung schon nachvollziehen, weil das berühmte Stuttgarter Ballett in dieser Stadt eben seit vielen Jahren ein Monopol besitzt. Andererseits bin ich enttäuscht. Wir sind mit Gauthier Dance inzwischen keine Nobodys mehr. Wir waren unter anderem in Luxemburg, Russland und in Kanada auf Tournee und haben den Namen der Stadt in die Welt hinaus getragen.
Beim zweiten Treffen mit der Kulturbürgermeisterin haben Sie einen Anzug getragen.
Ja, aber wir sind wieder leer ausgegangen. Ich will keinen Streit mit der Stadt, aber wenn an einem Abend 800 Menschen ins Theaterhaus kommen, um uns zu sehen, dann ist das doch ein Zeichen. Das Stuttgarter Publikum liebt diese Kompanie.
Immerhin wird ihr soziales Engagement außerhalb des Theaterhauses von der Stadt bezuschusst.
Wofür ich sehr dankbar bin. Nur so können wir unsere Auftritte in der Psychiatrie, in Krankenhäusern, Altenheimen oder Jugendeinrichtungen finanziell stemmen.
Noch einmal zu unserer Ausgangsfrage: was treibt Sie mit ihren Tänzern an diese ungewöhnlichen Orte?
Das hat wohl viel mit meinem Vater zu tun, der einer der wichtigsten Alzheimer-Forscher in Kanada ist. Als Kind saß ich oft unter seinem Schreibtisch und spielte, wenn er Patienten behandelte. Was ich dabei mitbekam, hat mich nie wieder losgelassen. Ich wusste schon damals, dass ich diesen Menschen eines Tages ebenfalls helfen will.
Warum sind Sie dann kein Arzt geworden?
Weil ich eine andere Bestimmung habe. Mein Vater ist für mich ein Idol. Er spricht auf einer Alzheimer-Konferenz vor 5000 Zuhörern und macht Witze. Er vermittelt den Menschen nie, dass es aussichtslos um sie steht. Mein Vater ist ein Humanist, und auch die Kunst hat viel mit Menschlichkeit zu tun. Also sind wir mit Gauthier Dance Mobil in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche aufgetreten - obwohl sich meine Tänzer dort im Geräteschuppen umziehen mussten.
Für Sie geht ein stressiges Jahr zu Ende. Haben Sie mal nachgezählt, wie oft Sie 2008 auf der Bühne gestanden sind?
Es werden rund 100 Tanzvorstellungen gewesen sein - dazu kommen vielleicht 30 Konzertauftritte mit meiner Band.
Irgendwann muss Ihnen die Luft ausgehen.
In mir existiert etwas, das Iggy Pop in einem seiner Songs als "Lust for life" besungen hat. Ich habe eine unbändige Lust aufs Leben.
Sie waren lange Solist am Stuttgarter Ballett, leiten jetzt eine erfolgreiche Tanzkompanie am Theaterhaus - was bitteschön bezwecken Sie mit Auftritten vor pubertierenden Teenagern in Jugendhäusern?
Ich frage mich, warum Sie sich darüber wundern? Und ich verstehe nicht, weshalb so viele Künstler nur auf der Bühne stehen und nicht raus in die Wirklichkeit gehen. Wenn ich mit meinen Tänzern in Jugendhäusern auftrete, erlebe ich oft aufregendere Dinge, als bei gewöhnlichen Vorstellungen.
Ja, wahrscheinlich, dass das Publikum während der Vorstellung SMS schreibt.
Das passiert. Anfangs telefonieren viele und tippen auf ihren Handys herum. Einer brüllt so etwas wie: "Eyh, was soll der schwule Mist hier?!" Doch dann treten meine Tänzer auf, und es wird mit jedem Stück stiller im Raum. Die Jungs und Mädchen werden total ruhig, sie schauen gebannt zu, und am Ende jaulen sie auf, wenn ich das letzte Stück ankündige: "Wir wollen mehr!"
Dabei hätten wir darauf gewettet, dass die Generation Playstation, die am liebsten Hip hop hört, auf modernen Tanz pfeift.
Wenn wir denen Schwanensee bieten würden, wäre es vermutlich so. Damit gewinnst Du kein junges Publikum. Klassisches Ballett ist denen nicht cool genug, und moderner Tanz wird oft zu kompliziert inszeniert. Die Bühne ist dunkel, die Musik ist sperrig und die Bewegungen der Tänzer sind für das Publikum kaum durchschaubar.
Wir würden jetzt gerne höflichkeitshalber widersprechen...
...aber ich habe mein ganzes Leben lang getanzt und weiß selbst, dass es so ist. Als ich noch am Staatstheater war, sind manchmal Leute nach der Vorstellung auf mich zugekommen und haben mir zugeflüstert: "Es war toll, Herr Gauthier, aber wir haben leider nichts davon verstanden."
Offensichtlich haben Sie dieses Übersetzungsproblem am Theaterhaus nicht. Wie haben Sie es geschafft, Party- und Kinogänger für den Tanz zu begeistern?
Wir versuchen, den Leuten eine Mischung aus humorvollen, poetischen und tiefsinnigen Elementen zu bieten. Tanz muss doch nicht immer so verdammt ernst sein! Du bist doch genauso ein Künstler, wenn Du die Leute zum Lachen bringst.
Das sagen Sie. Im Kulturbetrieb heißt es jedoch hinter vorgehaltener Hand schnell: Ach, der ist aber ins Seichte abgerutscht!
Leider stimmt das manchmal. Einmal hat eine Kritikerin nach einer unserer Vorstellungen sinngemäß geschrieben: Wir hoffen, dass Eric Gauthier beim nächsten Mal mehr Ernst und weniger Spaß liefert. Ich sage dazu nur - forget it! Ich will ein Tanzprogramm liefern, bei dem sich die jungen Leute abends fragen: "Gehen wir heute ins Kino oder gehen wir zu Gauthier Dance?"
Ihr erstes Programm am Theaterhaus hieß "Sixpack", und Sie haben sich mit ihren Tänzern in Rockstar-Pose für die Plakate ablichten lassen. Sind Sie ein Windbeutel mit guter PR-Abteilung?
Für meine Programme suche ich mir die Stücke renommierter Choreografen. In "Sixpack" rieselte Sand wie bei einer gewaltigen Sanduhr von der Decke auf die Tänzer hinab. Das Bild wurde mit Beethovens fünfter Sinfonie unterlegt. Und jetzt frage ich Sie: Ist Beethoven ein Windbeutel? Sind die großen Choreografen billig? Ich versuche, hochkarätigen Tanz mit meinem Humor anzureichern. Das scheint anzukommen.
Viele Ihrer Vorstellungen sind schnell ausverkauft. Sie werden in Stuttgart als Shootingstar wahrgenommen. Mal ehrlich: hatten Sie kein flaues Gefühl, als Sie im Oktober 2007 mit Gauthier Dance im Theaterhaus angefangen haben?
Das Verrückte an mir ist, dass ich keine Angst habe. Ich hatte schon vorher als Tänzer lange den Traum, eines Tages eine eigene Kompanie zu führen. Werner und Willi (Werner Schretzmeier, der Chef des Theaterhauses, und Willi Friedmann, Geschäftsführer, d. Red.) haben mir die Chance gegeben, meinen Traum zu verwirklichen. Viel schneller, als ich das jemals erwartet hätte.
Als Chef eines eigenen Ensembles sind Sie ein Grünschnabel. Warum finden wir in all den Presseinformationen über Sie eigentlich nirgends Ihr Alter?
Diese Geheimniskrämerei hat damit zu tun, dass ich bis vor einigen Jahren noch ausschließlich Tänzer war. Unter Tänzern wird nur ungern über das Alter gesprochen, wobei es bei den Frauen noch heikler ist.
Weil viele Ballettchefs denken, dass man ab 35 für die Höchstschwierigkeiten auf der Bühne zu alt ist?
Dabei ist das Blödsinn. Ich glaube, dass die meisten Tänzer erst mit Ende 20 ihren Körper wirklich kennen und einen guten Ausdruck finden. Der Kulturbetrieb mit seinen Pseudo-Vermarktungsgesetzen amüsiert mich. Ein Beispiel: meine Band Royal Tease drängt mich immer, dass ich mich auf der Bühne für 26 ausgebe. Ich sehe das gelassen. Zwar bin ich älter und verheiratet - aber für die jungen Mädchen im Publikum bin ich offiziell gerne noch 26.
Sie sind nicht der Erste, der schummelt.
Dabei würde ich mich manchmal gerne ein paar Jahre älter machen. Vor ein paar Wochen war ich auf einer Konferenz von Ballettdirektoren in München. Da saßen all die Chefs der großen Häuser aus ganz Deutschland zusammen, lauter Schwergewichte der Branche. Einer war 64, der nächste 53, irgendwann stellte ich mich vor: Eric Gauthier, Theaterhaus Stuttgart, 31 Jahre. In dem Moment drehte sich der ganze Saal nach mir um. Es ist wohl momentan mein Schicksal. Als Direktor bin ich sehr jung, als Musiker und Tänzer nicht mehr im Groupie-Alter.
Sie waren gerade erst 17 Jahre alt, als Sie Mitte der neunziger Jahre mit Reid Anderson gemeinsam aus Toronto ans Stuttgarter Ballett kamen. Fiel es Ihnen denn damals leicht, sich auf einem fremden Kontinent zurechtzufinden?
Es war fürchterlich. Das Staatstheater vermittelte mir diese Einzimmerwohnung am Killesberg. Nach den Proben und den Auftritten saß ich dort abends einsam auf diesem Hügel. Ich hatte keine Freunde, konnte die Sprache nicht, und es gab kein englisches TV-Programm. In meinem ersten Jahr in Stuttgart habe ich mir in der Videothek um die Ecke bestimmt 600 Filme ausgeliehen. Ohne mich wären die Pleite gegangen. Diese Anfangszeit war furchtbar und großartig zugleich, weil ich herausfand, wer ich bin und was ich im Leben will. Dazu gehört auch die Musik. Ich kaufte mir eine Gitarre und brachte mir alles selbst bei.
Sie sind in Montreal aufgewachsen und haben in Toronto getanzt - wie haben Sie Stuttgart damals wahrgenommen?
Als Balletttänzer lebst Du in einem Mikrokosmos. Dein soziales Umfeld besteht nur aus dem Ballett. Du gehst fast nie mit anderen Leuten aus. Weil das Ensemble so international ist, war ich lange Zeit nicht gezwungen, richtig Deutsch zu lernen. Das habe ich erst nachgeholt, als ich während meiner siebten Spielzeit in Stuttgart meine heutige Frau Laura kennen gelernt habe. Ich wollte mich vor ihren Eltern nicht blamieren. In der Anfangszeit bestand Stuttgart für mich aus dem Staatstheater, dem Killesberg und dem H&M-Shop auf der Königstraße, in dem ich mich herumgetrieben habe.
Und heute?
Inzwischen ist Stuttgart meine Heimat geworden. Ich habe meine Lieblingsrestaurants und meine Lieblingsbar, das Oblomow. Dort triffst Du an der Bar einen alten Mann, neben ihm stehen ein Skater, der sein Brett dabei hat, und vielleicht noch ein paar Typen im Anzug. Keiner versucht, etwas anderes zu sein, als er ist. Der Laden ist wie Stuttgart: einfach ehrlich.
Macht es einem die Stadt leicht, ohne Schminke durchs Leben zu gehen?
Stuttgart ist unverstellt, ganz anders als beispielsweise München. München ist eine tolle Stadt, aber Du begegnest dort viel mehr Menschen, die nur ihre Fassade zeigen. In Stuttgart hast Du Porsche und Bosch, hier wird gearbeitet, und es geht bodenständig und nicht versnobt zu. Meine Frau und ich, wir passen hierher.
Und wir haben den Verdacht, dass der Künstler Eric Gauthier sich schon ganz gut in der Chefetage zurechtgefunden hat.
Wie kommen Sie darauf?
Auf ihrem Schreibtisch steht ein verräterisches und nicht gerade kleines Schild: "Eric Gauthier - Director".
Bitte machen Sie keine Fotos davon! Das Schild ist doch nur ein Witz - meine Kollegen haben es mir zum Einstand geschenkt. Soll ich Ihnen etwas verraten? Ich sitze hier im ersten Büro meines Lebens. Dabei bin ich Künstler und kein Manager.
Aber an den Zahlen kommen Sie nicht mehr vorbei. In der Kultur wird knapp kalkuliert.
Das hat mir den Start nicht leicht gemacht. Früher bin ich als Tänzer auf der Bühne gestanden, und es war alles perfekt vorbereitet: das Licht, die Musik, die Kostüme. Jetzt bin ich für all diese Dinge mitverantwortlich. Ich muss Tanzstücke kaufen, mich um die Rechte von Musiktiteln kümmern und wegen der Choreografien verhandeln. Am Ende darf all das ein bestimmtes Budget nicht sprengen. Business ist verdammt kompliziert.
Mussten Sie neue Spielregeln lernen?
Du bekommst eine Menge gut gemeinter Ratschläge. Manche Leute sagten mir: "Du bist jetzt Ballettdirektor, trag' besser einen Anzug!" Hallo? Ich bin doch derselbe Mensch geblieben. Warum sollte ich mich dem Bild anpassen, das andere Leute von einem Ballettdirektor haben?
Also haben Sie keinen Anzug getragen, als Sie das erste Mal der Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann begegnet sind.
Nein.
Fördermittel haben Sie keine bekommen.
Das stimmt, was aber wohl nichts mit der Anzugfrage zu tun hat. Die Stadt hat sich auf den Standpunkt gestellt, dass sich Stuttgart neben dem Ballett keine zweite Tanzkompanie leisten könne. Einerseits konnte ich diese Haltung schon nachvollziehen, weil das berühmte Stuttgarter Ballett in dieser Stadt eben seit vielen Jahren ein Monopol besitzt. Andererseits bin ich enttäuscht. Wir sind mit Gauthier Dance inzwischen keine Nobodys mehr. Wir waren unter anderem in Luxemburg, Russland und in Kanada auf Tournee und haben den Namen der Stadt in die Welt hinaus getragen.
Beim zweiten Treffen mit der Kulturbürgermeisterin haben Sie einen Anzug getragen.
Ja, aber wir sind wieder leer ausgegangen. Ich will keinen Streit mit der Stadt, aber wenn an einem Abend 800 Menschen ins Theaterhaus kommen, um uns zu sehen, dann ist das doch ein Zeichen. Das Stuttgarter Publikum liebt diese Kompanie.
Immerhin wird ihr soziales Engagement außerhalb des Theaterhauses von der Stadt bezuschusst.
Wofür ich sehr dankbar bin. Nur so können wir unsere Auftritte in der Psychiatrie, in Krankenhäusern, Altenheimen oder Jugendeinrichtungen finanziell stemmen.
Noch einmal zu unserer Ausgangsfrage: was treibt Sie mit ihren Tänzern an diese ungewöhnlichen Orte?
Das hat wohl viel mit meinem Vater zu tun, der einer der wichtigsten Alzheimer-Forscher in Kanada ist. Als Kind saß ich oft unter seinem Schreibtisch und spielte, wenn er Patienten behandelte. Was ich dabei mitbekam, hat mich nie wieder losgelassen. Ich wusste schon damals, dass ich diesen Menschen eines Tages ebenfalls helfen will.
Warum sind Sie dann kein Arzt geworden?
Weil ich eine andere Bestimmung habe. Mein Vater ist für mich ein Idol. Er spricht auf einer Alzheimer-Konferenz vor 5000 Zuhörern und macht Witze. Er vermittelt den Menschen nie, dass es aussichtslos um sie steht. Mein Vater ist ein Humanist, und auch die Kunst hat viel mit Menschlichkeit zu tun. Also sind wir mit Gauthier Dance Mobil in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche aufgetreten - obwohl sich meine Tänzer dort im Geräteschuppen umziehen mussten.
Für Sie geht ein stressiges Jahr zu Ende. Haben Sie mal nachgezählt, wie oft Sie 2008 auf der Bühne gestanden sind?
Es werden rund 100 Tanzvorstellungen gewesen sein - dazu kommen vielleicht 30 Konzertauftritte mit meiner Band.
Irgendwann muss Ihnen die Luft ausgehen.
In mir existiert etwas, das Iggy Pop in einem seiner Songs als "Lust for life" besungen hat. Ich habe eine unbändige Lust aufs Leben.
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