Sieben Leben

Ein Engel mit Amtsausweis

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 08.01.2009
Filmbeschreibung
Steuerprüfer sind aufdringlich. Das gehört zu ihrem Handwerk. Der Außenprüfer Ben Thomas, den Will Smith in "Sieben Leben" spielt, ist allerdings ein besonderer Fall. Er bohrt zwar nach, aber nicht nach Quittungen. Er fragt Privates, prüft Weltbilder, testet Anstand und schätzt das Maß der Hilfsbedürftigkeit ein. Als wäre das nicht irritierend genug, tauchen kurze Rückblenden auf, die nicht zu seinem jetzigen Leben passen. Der einsam in einem Motel hausende Sonderling scheint eine eigene Firma geleitet und auf großem Fuß gelebt zu haben.

Wenn man auch nur ein bisschen erklären will, was für eine Geschichte "Sieben Leben" erzählt, greift man bereits störend in die Strategie des Regisseurs Gabriele Muccino ein. Schon in ihrem vorigen gemeinsamen Film, "Das Streben nach Glück", haben Will Smith und der in Hollywood arbeitende Italiener Muccino von einem Mann erzählt, der hinter der Fassade bürgerlicher Normalität gegen den Wegfall aller Sicherheiten kämpft. Damals haben sie allerdings mit relativ offenen Karten gespielt. Wir haben schnell begriffen, dass der Held seine Rolle als alleinerziehender Vater erfüllen und gleichzeitig seinen Absturz in die Obdachlosigkeit abfedern und einen Weg zurück ins Bürgerliche finden will. "Sieben Leben" verrätselt seine Geschichte viel stärker.

Das zwingt uns zum Entwerfen von Hypothesen. Schnippisch könnte man sagen, "Sieben Leben" mache anfangs ein solches Geheimnis aus Sinn und Zusammenhang seiner Szenen, damit wir hinterher mit jeder Erklärung zufrieden sind, dankbar, überhaupt eine zu bekommen. Aber das wäre sehr missgünstig formuliert. Denn tatsächlich haben wir es mit einem sozialromantischen Drama zu tun, das alte Themen Hollywoods aufgreift.

Ben Thomas ist ein Mann, der Buße leisten und Gutes tun will. Den geklauten Steuerfahnderausweis nutzt er, um die Menschen in einem sehr elementaren Sinn zu prüfen: daraufhin, ob sie außerordentliche Wohltaten verdient haben. Thomas agiert wie ein Engel auf Erden, aber ohne Legitimation jenseitiger Mächte. Er betreibt eine Form bürgerlicher Solidarität, die das Sichaufopfern sehr wörtlich nimmt. Man kann den Film weder loben noch tadeln, ohne Wesentliches zu verraten. Thomas wird sterben - und er will nicht nur sein Vermögen sinnvoll einsetzen, er will auch seine Organe Menschen vererben, die ihm würdig scheinen. Einerseits macht der Film damit die Phrase vom Weiterleben in den eigenen guten Taten augenfällig. Andererseits nährt er die gefährliche Idee, es könne richtige und falsche Empfänger von Organspenden geben.

"Sieben Leben", der die meiste Zeit den Lack- und Schimmelglanz echten Lebens clever nachahmt, ist letztlich völlig unglaubwürdig, was verblüffenderweise nicht gegen ihn spricht. Er bewegt sich bewusst in der Tradition der großen Hollywoodgleichnisse, mit denen Frank Capra ("Ist das Leben nicht schön?") und andere uns auf Chancen, Herausforderungen und Mängel der Realität hinweisen wollten. Dass Smiths Figur zu solch extremen Mitteln greift, um zu helfen und zu büßen, ist kein Kitsch, sondern vielleicht der düsterste Zug dieses Films: Radikales Schuldaufarbeiten und radikales Helfenwollen scheinen hier nur noch als (nützliche) Formen des Verrücktseins vorstellbar zu sein.
 
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