Jerichow
In der Mühle des Schicksals
Rupert Koppold, veröffentlicht am 08.01.2009
Filmbeschreibung
Einmal hört Laura (Nina Hoss) nachts ein Geräusch, sie verlässt das große, einsame Haus, geht in den Wald hinein und ruft. Und als sich nun aus dem Dunkel zwischen den Bäumen die Silhouette eines Mannes herausschält, hält der Zuschauer den Atem an: Ist das ihr Liebhaber Thomas (Benno Fürmann) oder ist es ihr Gatte Ali (Hilmi Sözer), der ihre Affäre entdeckt hat? Christian Petzolds Film ist jetzt schon ziemlich weit fortgeschritten, er hat sich konsequent auf diese Szene zubewegt. "Jerichow" ist eine Dreiecksgeschichte, es geht um eine Frau zwischen zwei Männern. Und am Ende geht es dann auch um einen mörderischen Plan.
So wie Petzold seinen Vorgängerfilm "Yella" als eine deutsche Aneignung, Aktualisierung und Variation des amerikanischen Phantom- und Horrorfilms "Carnival of Souls - Tanz der toten Seelen" aus dem Jahr 1962 angelegt hat, so holt er sich als Basis nun den Plot des mehrfach verfilmten Thrillers "The Postman always rings twice" von James McCain. Und wieder verortet der Regisseur die aus den USA geliehene und dort als Film noir adaptierte Geschichte in der deutschen Gegenwart, inszeniert sie in den Nordosten hinein, in die verödende Gegend rund um die Stadt, deren Name zum Filmtitel wurde.
Thomas kehrt in dieses flache Land zurück, ein wortkarger, kräftiger Mann, gerade aus der Armee entlassen. Er zieht in das alte, graue Haus am Friedrich-Engels-Damm 1, das ihm seine verstorbene Mutter hinterlassen hat, will sich hier ein Heim schaffen und sucht in Wirklichkeit wohl nur nach seiner verlorenen Kindheit. Ein anderer Mann taucht auf (André M. Hennicke), er scheint Thomas gut zu kennen, fordert von ihm Schulden zurück, findet dessen Geldversteck im Baumhaus. Dann umarmt er Thomas brüderlich, nickt dabei aber seinem Begleiter zu, der dem Umarmten mit einem Totschläger auf den Kopf haut.
Alle Beziehungen zwischen den Menschen sind in diesem Film widersprüchlich, fast alle enthalten auch eine Form von Abhängigkeit. Thomas wird schließlich angestellt von Ali, der in Deutschland aufgewachsen ist, sich im Osten ein Döner-Imbiss-Imperium aufgebaut hat und auf seinen Autofahrten doch immer wieder türkische Balladen anhört, als wäre es Sirenengesang aus der Heimat. Dieser eifersüchtige und misstrauische Ali, der sich nie wirklich akzeptiert fühlt, der seine Frau und alle, die für ihn arbeiten, ständig überwacht und auf die Probe stellt, er will auch noch Thomas' Freund sein. Und gleichzeitig und immer wieder zeigt er sich doch als dessen Boss.
Dann kommt Alis schöne und verschlossene Frau Laura ins Spiel, auch ihr Verhältnis zu ihrem Mann ist nicht eindeutig, sie ist durch mehr an ihn gebunden als nur durch Heirat. Thomas gegenüber gibt sie sich zunächst mürrisch abweisend, aber dann wird sie von Ali beim Picknick am Strand in dessen Arme geschubst. Tanzen wie ein deutsches Paar sollen sie, sagt der angetrunkene Ali, so wie er türkisch getanzt hat. Natürlich bricht die Leidenschaft aus, natürlich nimmt die Tragödie ihren Lauf.
In faszinierend spröden Bildern (Kamera: Hans Fromm), in denen immer mehr mitschwingt, als sie an der Oberfläche zeigen, erzählt Petzold von in sich verkapselten Menschen, die schwer an ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Vergangenheiten tragen. Bei diesem Regisseur sind die Menschen nie richtig integriert, und wenn oft viel leerer Raum zwischen Thomas, Laura und Ali gelassen wird, hat das metaphorische Bedeutung. Petzold ist ein akribisch planender Regisseur - und wenn in "Jerichow" etwa ein besonderes Feuerzeug groß ins Bild rückt, dann wird es noch eine Rolle spielen. Dem Zufall kommt nur in seinen Geschichten selbst eine Rolle zu, in deren Inszenierung hat er keine Chance.
Man könnte auch sagen: in einem Petzold-Film wie "Jerichow" kann man dem Schicksal beim Mahlen zusehen. Dem Schicksal? Doch, man muss dieses Wort wählen, kleiner wird diese Geschichte, auch wenn sie von kleinen Leuten handelt, eben nicht erzählt. Und diese Blicke der Protagonisten, ihr langes Schweigen, das nur von wenigen, dafür aber umso wichtigeren Worten unterbrochen wird, verleihen dem Film etwas unerbittlich Archaisches. Man kann diesen Willen zur Form, zur Stilisierung, zur Reduktion als übertrieben empfinden, aber gerade mit dieser Klarheit gelingt es Petzold, von Grenzverwischungen und Grenzüberschreitungen zu erzählen.
Das menschliche Gefühl und das materielle Interesse kollidieren ja immer wieder. Und wie soll das gutgehen, wenn man zugleich Freund und Chef ist oder Angestellter und Geliebter? Aber könnte man diese Verwirrung nicht auflösen, könnte Thomas nicht alles hinter sich lassen und weggehen mit der Frau, die er liebt? Nein, denn das reine Gefühl kann es in dieser Welt nicht geben. "Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat", sagt Laura. Und so steht nun dieses Geld, das nicht da ist, dem "Glück" im Weg - oder eben der Mann in dieser Geschichte, der dieses Geld besitzt.
So wie Petzold seinen Vorgängerfilm "Yella" als eine deutsche Aneignung, Aktualisierung und Variation des amerikanischen Phantom- und Horrorfilms "Carnival of Souls - Tanz der toten Seelen" aus dem Jahr 1962 angelegt hat, so holt er sich als Basis nun den Plot des mehrfach verfilmten Thrillers "The Postman always rings twice" von James McCain. Und wieder verortet der Regisseur die aus den USA geliehene und dort als Film noir adaptierte Geschichte in der deutschen Gegenwart, inszeniert sie in den Nordosten hinein, in die verödende Gegend rund um die Stadt, deren Name zum Filmtitel wurde.
Thomas kehrt in dieses flache Land zurück, ein wortkarger, kräftiger Mann, gerade aus der Armee entlassen. Er zieht in das alte, graue Haus am Friedrich-Engels-Damm 1, das ihm seine verstorbene Mutter hinterlassen hat, will sich hier ein Heim schaffen und sucht in Wirklichkeit wohl nur nach seiner verlorenen Kindheit. Ein anderer Mann taucht auf (André M. Hennicke), er scheint Thomas gut zu kennen, fordert von ihm Schulden zurück, findet dessen Geldversteck im Baumhaus. Dann umarmt er Thomas brüderlich, nickt dabei aber seinem Begleiter zu, der dem Umarmten mit einem Totschläger auf den Kopf haut.
Alle Beziehungen zwischen den Menschen sind in diesem Film widersprüchlich, fast alle enthalten auch eine Form von Abhängigkeit. Thomas wird schließlich angestellt von Ali, der in Deutschland aufgewachsen ist, sich im Osten ein Döner-Imbiss-Imperium aufgebaut hat und auf seinen Autofahrten doch immer wieder türkische Balladen anhört, als wäre es Sirenengesang aus der Heimat. Dieser eifersüchtige und misstrauische Ali, der sich nie wirklich akzeptiert fühlt, der seine Frau und alle, die für ihn arbeiten, ständig überwacht und auf die Probe stellt, er will auch noch Thomas' Freund sein. Und gleichzeitig und immer wieder zeigt er sich doch als dessen Boss.
Dann kommt Alis schöne und verschlossene Frau Laura ins Spiel, auch ihr Verhältnis zu ihrem Mann ist nicht eindeutig, sie ist durch mehr an ihn gebunden als nur durch Heirat. Thomas gegenüber gibt sie sich zunächst mürrisch abweisend, aber dann wird sie von Ali beim Picknick am Strand in dessen Arme geschubst. Tanzen wie ein deutsches Paar sollen sie, sagt der angetrunkene Ali, so wie er türkisch getanzt hat. Natürlich bricht die Leidenschaft aus, natürlich nimmt die Tragödie ihren Lauf.
In faszinierend spröden Bildern (Kamera: Hans Fromm), in denen immer mehr mitschwingt, als sie an der Oberfläche zeigen, erzählt Petzold von in sich verkapselten Menschen, die schwer an ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Vergangenheiten tragen. Bei diesem Regisseur sind die Menschen nie richtig integriert, und wenn oft viel leerer Raum zwischen Thomas, Laura und Ali gelassen wird, hat das metaphorische Bedeutung. Petzold ist ein akribisch planender Regisseur - und wenn in "Jerichow" etwa ein besonderes Feuerzeug groß ins Bild rückt, dann wird es noch eine Rolle spielen. Dem Zufall kommt nur in seinen Geschichten selbst eine Rolle zu, in deren Inszenierung hat er keine Chance.
Man könnte auch sagen: in einem Petzold-Film wie "Jerichow" kann man dem Schicksal beim Mahlen zusehen. Dem Schicksal? Doch, man muss dieses Wort wählen, kleiner wird diese Geschichte, auch wenn sie von kleinen Leuten handelt, eben nicht erzählt. Und diese Blicke der Protagonisten, ihr langes Schweigen, das nur von wenigen, dafür aber umso wichtigeren Worten unterbrochen wird, verleihen dem Film etwas unerbittlich Archaisches. Man kann diesen Willen zur Form, zur Stilisierung, zur Reduktion als übertrieben empfinden, aber gerade mit dieser Klarheit gelingt es Petzold, von Grenzverwischungen und Grenzüberschreitungen zu erzählen.
Das menschliche Gefühl und das materielle Interesse kollidieren ja immer wieder. Und wie soll das gutgehen, wenn man zugleich Freund und Chef ist oder Angestellter und Geliebter? Aber könnte man diese Verwirrung nicht auflösen, könnte Thomas nicht alles hinter sich lassen und weggehen mit der Frau, die er liebt? Nein, denn das reine Gefühl kann es in dieser Welt nicht geben. "Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat", sagt Laura. Und so steht nun dieses Geld, das nicht da ist, dem "Glück" im Weg - oder eben der Mann in dieser Geschichte, der dieses Geld besitzt.
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