Die Emo-Szene

Im Rausch der Gefühle

Akiko Lachenmann, veröffentlicht am 14.01.2009
Foto: Heiss

Stuttgart - Politiker stimmen nachdenklich, Aktionäre blasen Trübsal, der Stammtisch malt schwarz. Dazu passt eine neue Jugendkultur, die Aufsehen erregt: Emos geben sich düster und sentimental. Ein Besuch in der Stuttgarter Szene.


  Von Akiko Lachenmann

 
Zunächst der Lidstrich. Stefan Czerny hält seinen Kajalstift über das Feuerzeug, damit's ordentlich schmoddert. Dann die Haare ins Glätteisen und Spray drauf, viel Spray. Zwischendurch föhnen, bis die Strähnen hart sind wie Beton. Hinten stehen sie in alle Richtungen, vorn nehmen sie ihm die Sicht. Jetzt noch die Nägel schwarz lackieren, rein in die Röhrenjeans, die Killernietengurte schief um die Hüften legen, die karierten Schweißbänder über die Handgelenke ziehen, Chucks zuschnüren, fertig. So hübscht sich ein Emo auf, wenn er ausgehen will.

Die Szene wächst wie keine andere

Eine neue Jugendbewegung in Deutschland macht von sich reden. Sie nennen sich die Emos. Man findet sie an den Schulen, in den einschlägigen Chatforen, auf den Bahnhofsvorplätzen, meist in Gruppenstärke wie seinerzeit die Punker in den 80ern. Ihre Mode liegt in den Schaufenstern von H&M, ihre Musikbands füllen die großen Konzerthallen, ihre Stylingtipps stehen in der "Bravo". Zahlen gibt es zwar noch keine. Doch die Experten sind sich sicher: die Szene wächst wie keine andere - und sie polarisiert wie keine andere.

Am Anfang war eine Musikrichtung: Emocore ist eine Abspaltung von Hardcore-Punk, nur melodiöser und emotioneller. Dazu gesellte sich eine aus anderen Jugendbewegungen zusammengepuzzelte Ästhetik - Schuhwerk aus der Skaterszene, die Röhrenjeans von den Punks, Frisuren wie in japanischen Mangas. Emos piercen sich die Lippen, tragen zu kleine T-Shirts, geben sich düster wie Marilyn Manson und süß wie Micky Maus.

Ihre Gesinnung trifft den Zeitgeist: Die Welt ist kalt und ungerecht, der Emo entsprechend melancholisch und sensibel. Zwar existiert die Szene seit Mitte der neunziger Jahre, der Boom setzte jedoch erst vor zwei Jahren ein. Den Stein ins Rollen brachte vielleicht Bill Kaulitz von Tokio Hotel. Der schmächtige Teeniestar beeindruckt die Mädchenwelt mit seinem toupierten Haar und seinem Lidstrich. Mehr verbindet ihn aber nicht mit der Szene.

Hier darf man Kind sein

14 Uhr, Stuttgarter Hauptbahnhof. Horden von Emos steigen aus den Zügen. Schätzungsweise 200 versammeln sich allmonatlich am Gleis sieben. Von dort aus pilgern sie in Richtung Schlossgarten, vorbei an Polizeibeamten, die wohlwollend zuschauen. Sie küssen und umarmen sich zur Begrüßung, jeder jeden. Flaschen mit Fruchtsekt werden herumgereicht. Janka setzt sich auf Dimitris Schoß. Sie kennen sich seit zwei Minuten. Patrick knutscht mit Ken und später mit Chris. Zwischendurch spielen sie kreischend Fangen, ausgelassen wie junge Welpen. "Wir sind eine Familie. Wir haben uns alle lieb", sagt Patrick.

Es gibt mehrere Gründe für den enormen Zulauf in diese Szene. "Sie ist zugeschnitten auf die Bedürfnisse Pubertierender", sagt die Dortmunder Soziologin Daniela Eichholz. Hier darf man noch Kind sein, hier findet man Verständnis für schlechte Laune und darf auch mal "alles Scheiße" finden. "Deshalb sind Emos selten über 20", so Eichholz.

Und es fällt leicht dazuzugehören. Im Gegensatz zu den Skatern, den Hip-Hoppern, den Sprayern aus der Graffitiszene oder den Computerfreaks müssen Emos sich weder beweisen noch bewähren. "Sie teilen zuallererst Einstellung, Mode und Musik - und die lässt sich leicht adaptieren", sagt die Soziologin. Ein Auffangbecken für alle, die woanders keine Heimat gefunden haben. Das Fachsimpeln will dennoch gelernt sein. "Leihst du mir dein Taft 5i?" "Tolle Extensions!" "Bist du ein Visu?" Außenstehende verstehen kein Wort.

Die Punks haben sich verdrückt

Die Parkbänke im Schlossgarten sind mittlerweile restlos belegt. Ein aus Handys und I-Pods gespeistes Musikgemisch liegt über der Grünanlage. Drei Emos tanzen synchron gegen die Kälte an. Wenige Meter weiter laufen zwei Jungs aneinandergekettet Gassi, mal spielt der eine das Herrchen, mal der andere. Echte Hundehalter, Penner und Rentner machen einen Bogen um ihre Stammplätze. Auch die Punks haben sich verdrückt.

In der Gruppe lassen Emos ihren Gefühlen freien Lauf. Ein Emo allein hat's schwer. Wenman auch fragt, jeder hat eine Leidensgeschichte. Stefan wurde mehrmals "geklatscht", wie er sagt. Annika muss an der Schule mit der Diffamierung leben, sie steige mit jedem ins Bett. Dani nennen sie "Drecks-Emo" und schmeißen ihm Mäppchen an den Kopf. Hubber wurde bei der Arbeit die Kündigung angedroht, sollte er sein Haar nicht bändigen. Philipp sagt, fünfmal am Tag "angemacht zu werden" sei normal. Auf Internetseiten wie www.damnemos.de wird sogar zur Jagd auf Emos aufgefordert. Der Rapper Gintonik tönt im "Emo-Diss-Song": "Du wünscht dir den Tod, den wünsch ich dir auch."

In anderen Ländern geht's noch schlimmer zu. Fatal emotional: in Mexiko und Chile werden Emos an den Wochenenden scharenweise krankenhausreif geschlagen. In Russland soll es sogar einen Gesetzesentwurf geben, der Emo-Websites und typische Emo-Outfits in öffentlichen Einrichtungen unter Strafe stellt, mit der Begründung, Russland könnte aufgrund der wachsenden Emo-Bewegung womöglich "2020 kein regierungsfähiges Staatsoberhaupt" mehr haben.

Stefan Czerny verkörpert den Klischee-Emo

Auch hierzulande haben die Medien das Thema entdeckt. "RTL Explosiv" berichtet von "beziehungsgestörten Jugendlichen, die sich selbst verstümmeln". Die "Rheinpfalz am Sonntag" schreibt, Emos säßen "stundenlang deprimiert auf der Parkbank", hätten Heulattacken und Selbstmordabsichten. Beim Stuttgarter Emo-Treff ist davon nichts zu sehen. Andere Berichte stellen klar, dass labile Jugendliche sich zwar zu der Szene hingezogen fühlen, die Szene aber umgekehrt Jugendliche nicht zwingend in den Selbstmord treibe.

Stefan Czerny verkörpert den Klischee-Emo. In der Schule war er ein verträumter Außenseiter, der seine Hefte mit wütenden Mangafiguren bemalte. Mit 14 Jahren ritzte er sich die Arme blutig, mit 16 zog er aus. Dass er die Welt ungerecht findet, liegt daran, dass er Vater und Bruder bei Verkehrsunfällen verloren hat und seine Mutter mit einem anderen Mann nach Spanien gezogen ist. Doch Emo wurde er erst Jahre später. Mit 18 habe er das erste Mal von der Szene gehört, sagt er. Seit er dabei sei, gehe es ihm besser.

Häufiger sind gewöhnliche Biografien wie die von Annika Hess aus Waiblingen. Sie ist 17 Jahre alt, geht gern mit Freundinnen shoppen, besucht ein Berufskolleg. Später wolle sie Mediengestaltung studieren und eine Familie gründen, sagt sie. Die Emo-Szene findet sie "einfach geil": die Klamotten, die Musik, die Jungs, die Stimmung. Renné Marcum-Hess macht sich keine Sorgen. "Ich kenne doch meine Tochter", sagt die 48-jährige Mutter. Zumal sie selbst viele Jahre in der Hardrockszene zu Hause gewesen sei.

Androgynes Schönheitsideal

Der Hass auf die friedfertigen Emos rührt nicht nur daher, dass sie Stilelemente aus anderen Szenen abgekupfert und dem Kommerz geopfert haben. "Eine Jugendkultur, die nicht provoziert, provoziert", behauptet das Musikmagazin "Intro". Vor allem verwandte Szenen rümpfen die Nase, wie beispielsweise die Anhänger der Gothic-Kultur, die sich ebenfalls tiefsinnig und düster geben. "Sie werfen den Emos vor, jung und oberflächlich zu sein", sagt Daniela Eichholz. Hinzu kommt das androgyne Schönheitsideal, auf das die härteren Vertreter des männlichen Geschlechts aggressiv reagieren. "Wer Schwäche zeigt, der wird eher gebissen", sagt Daniela Eichholz. Das ist auch in der Tierwelt so.

Die Emo-Welt will eine bessere sein. Jester, ein Emo der ersten Stunde, pierct jedem, der will, die Lippen. Der sogenannte Snake Bite ist ein typisches Accessoire in der Szene. "Hast du was gegessen?" fragt er den bleichen Jungen, der sich auf die feuchte Parkbank legt. "Ist wichtig für den Kreislauf." Desinfektionsmittel auf die Lippe und rein mit der Braunüle, dann die Nadel wieder raus und den Schmuck rein. Ein Routineeingriff für den gelernten Orthopädieschuhmacher. Jester sagt, er habe schon mehrere Hundert Mal zugestochen. "Ist doch Ehrensache."

Eitelkeiten wie überall

Die Szene ist jedoch nur auf den ersten Blick eine heile Welt, sie ist gespalten in Alt-Emos und Jung-Emos. Jester, mit 19 Jahren einer der Ältesten, flucht über die Zehnjährigen, die sich auf den Emo-Treffs mit Puschkin-Wodka betrinken. "Die übertreiben es total", sagt er. "Neulich wollte ein Mädchen von der Brücke springen, nur weil ihre Lieblingshaarspange kaputtgegangen ist."

Auch Stefan ist ernüchtert. In der Emo-Szene gebe es genauso Cliquen und Hackordnungen wie überall, sagt er. Vor allem die Eitelkeit störe ihn. "Die Schönen geben sich nur mit den Schönen ab." Ausgefochten wird der Wettbewerb vor allem im Internet. In der Webgemeinde Kwick pflegt jeder Emo, der etwas auf sich hält, eine Art Homepage mit Daten und Fotos. "Entscheidend ist, wer die meisten Seitenaufrufe hat", sagt Stefan. Er selbst ist ganz vorn dabei.

Doch Stefan ist das nicht mehr so wichtig. Er wird nächstes Jahr 23. Seine Prioritäten haben sich verändert. Seit kurzem bietet er Mangazeichenkurse für Jugendliche an der Volkshochschule in Göppingen an. Nebenbei arbeitet er an seinem ersten Comic, für den er noch einen Verlag sucht. Er soll "Emotional" heißen und handelt von einem Jungen, der in der Schule gehänselt wird. Die Geschichte soll ein tragisches Ende nehmen - Stefans Geschichte könnte gut ausgehen.
 
Mehr aus Stuttgart & Region

Alle Artikel anzeigen
Anzeigen

Was möchten Sie unternehmen?
Wann möchten Sie etwas unternehmen?
vorheriger Monat
Monat
kommender Monat
Heute Morgen Akt. Woche
MODIMIDOFRSASO
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
Anzeigen

Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche