Die Klasse

Ein Jahr an einer französischen Problemschule

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 15.01.2009
Filmbeschreibung
Die Schule ist die Vorhölle, ein Ort der Verdammnis, an dem verlorene Seelen kreischend und heulend und tobend im Kreis fahren, ohne Aussicht, ihr Los je zu ändern. Dieses Schreckensszenario ist das Mindeste, was wir von einem modernen Spiel- oder Dokumentarfilm erwarten, zumindest wenn er von einer Brennpunktschule erzählt, von einem Ort, wo die Kinder der bildungsfernen Schichten vor den Ansprüchen einer Gesellschaft kapitulieren, die diese Gesellschaft nur noch pro forma stellt. Weil sie längst mehr als genug Arbeitskräfte hat und diese Kinder nicht wirklich braucht.

Laurent Cantets Spielfilm "Die Klasse" spielt an einer französischen Schule, die längst nicht mehr mitmacht im Prestigewettlauf der Rektoren um die besten Abschlussschnitte ihrer Schüler landesweit. Hier ist man nämlich schon froh, wenn der nächste Tag herumgeht, ohne dass man in den Medien landet, wenn die Schüler ihrer Unlust also mit Dösen oder Blödeln Luft machen, nicht jedoch mit Gewalt.

Nur funktioniert "Die Klasse" dann eben nicht so, wie man das mit einiger Schulfilmerfahrung erwarten darf. Weder motiviert ein engagierter, herablassungsfrei offener Pädagoge die Kids zu Shakespearelektüre, noch tragen die schlimmsten Finger unter den trotzigsten der Schüler mörderische Gangrituale aus dem Ghetto bis ins Klassenzimmer. Cantet ("In den Süden") bekommt etwas hin, das von der großen Dramaturgie über den Entwurf einzelner Szenen bis hin zum Porträt jedes einzelnen Kindes mehr wie ein Dokumentarfilm als wie ein Spielfilm wirkt.

Die distanzierende Hochsprache

Der Regisseur schildert uns ein Jahr in einer Klasse, in der fast alle Kinder einen Migrationshintergrund haben und in der sich die Kids nicht besonders anstrengen müssen, ihren Lehrer nicht zu verstehen. Sie haben einen gänzlich anderen und sehr viel kleineren Wortschatz. Sie begreifen nicht, was aus dem Mund des Lehrers kommt, wenn der nicht einmal den Verdacht hat, er könnte gerade so etwas wie distanzierende Hochsprache benutzen. Wie sich grundsätzliche Konflikte an kleinen Worten offenbaren, interessiert Cantet viel mehr als der schmissige Entwurf eines Panoptikums aus Horrorasozialen und Dünkelbürgern. "Die Klasse" ist der ganz und gar frische Beitrag zu einer Debatte, in der das Kino das Wesentliche wie das Blöde längst gesagt zu haben scheint.

Zu Beginn des Schuljahres werden im Lehrerzimmer die neuen, jungen Kollegen den älteren - den manchmal gar nicht so viele Jahre älteren - vorgestellt. Wir bemerken, dass sich in alle Freundlichkeit die Erwartung der Desillusionierung mischt. Jene, die schon eine Weile hier sind, hätten gerne, dass die anderen angesichts der Klassenzimmerrealität möglichst schnell ihre all zu hochfliegenden Pläne aufgeben. Später wird Cantet uns zeigen, wie im Lehrerzimmer die Fetzen fliegen, wie die einen nicht mehr können und über ihre Schüler abkotzen, und die anderen den Kollegen die falsche Einstellung vorwerfen.

Aber die Kamera, die sich immer als Gleiche unter Gleichen ins Geschehen stellt, sortiert uns nun keinen Guten und keine Bösen heraus, sie schaut auch nicht grimmig befriedigt auf das Scheitern von Idealen oder die Offenbarung von Zynismus. Sie ist einfach an menschlichen Regungen interessiert, an der Frage, wie die Lehrer mit dem enormem Druck umgehen und wie sich selbst motivieren oder abkapseln.

Mit dem gleichen Interesse begegnet diese Kamera dann den Schülern in der Klasse des Lehrers Marin (François Bégaudeau), dessen Französischunterricht von einem Schlagloch zum anderen holpert. Sie stellt keine Hierarchie her, sie zeigt die schwierigen Schüler und den unsicheren Lehrer als Elemente einer Zwangsgemeinschaft mit höchst komplexen Spannungen. Laurent Cantet erzählt nicht von Wissensvermittlung, allenfalls von Regelfindungsversuchen. Wie können wir überhaupt miteinander umgehen? Diese unausgesprochene Frage scheint das Schuljahr zu prägen. Gegen Ende dieser Inszenierung, die man fortgesetzt so stark als Realität empfindet, dass einem Kino schon fast wieder suspekt werden kann, erleben wir eine sehr ruhige Szene. Eines der Mädchen ist zurückgeblieben, nachdem die Klasse schon ins Freie davongestürmt ist. Ein paar Dankworte könnten jetzt folgen, eine schüchterne Liebeserklärung, eine Bitte um ein wenig Lebenshilfe. Stattdessen folgt, Cantet bleibt immer überraschend, eine Offenbarung von Ängsten und einen so knappe, aggressionslose, fatalistische Abrechnung mit dem Gewesenen, dass fast alles noch einmal kippt. Nichts, sagt die Schülerin, habe sie gelernt, nichts begriffen.

Das kann man als Vorwurf an Marin deuten, aber das wäre allenfalls die halbe Wahrheit. Mit diesem Bekenntnis, das einhergeht mit der Angst, was die Zukunft nun bringen werde, wird nämlich auch der Film selbst beziehungsweise unser Zuschauen infrage gestellt. Auf diese Bankrotterklärung waren wir nicht vorbereitet, obwohl wir das Gefühl hatten, nahe dran zu sein, das Wichtige zu erkennen, einen Zugang zu den einzelnen Jugendlichen zu finden.

Befreit vom Makel der Schuld

Wäre diese Schuljahresendabrechnung etwas, das Cantet des Effekts wegen behauptet, könnten wir es als plumpen Inszenierungstrick, als gewollte Pointe von uns weisen. Aber in dem Moment, in dem das Mädchen sich offenbart, erkennen wir, dass es die Wahrheit spricht. Dass die Szene dem Vorigen nicht angeklebt ist, sondern schlüssig aus ihm hervorgeht. Dass Cantet nicht etwas arglistig vor uns versteckt hat, sondern dass er uns gezeigt hat, was auch für Marin zu sehen war. Damit befreit er Unverständnis einerseits vom Makel der Schuld: niemand hat doof weggeschaut. Andererseits entkoppelt er guten Willen und Gelingen noch einmal. Auch im Klassenzimmer, nah aufeinander, kann man aneinander vorbeileben.
 
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