Trend zur Virtualisierung
Nie wieder Wartezimmer
Helmut Merschmann , veröffentlicht am 12.01.2009
Stuttgart - Ärztliche Hilfe aus dem Netz - das geht tatsächlich. Im Internet bieten einige Mediziner zusätzlich virtuelle Beratungssprechstunden an. Niedergelassene Ärzte aller Fachrichtungen müssen sich auf Bewertungsplattformen zugleich Benotungen gefallen lassen.
Von Helmut Merschmann
Docinsider, Helpster oder Jameda: so heißen die medizinischen Bewertungsportale im Internet. Und sie definieren das Verhältnis zwischen Arzt und Patient neu. Früher waren Ärzte unangreifbare Autoritäten. Heute darf man sie bewerten, gute oder schlechte Noten verteilen. Jeder kann seine Erfahrungen, die er mit einem Haus- oder Facharzt gemacht hat, auf den Internetportalen öffentlich kundtun. Kommentare wie "großes fachliches Können, Kreativität und optimale Betreuung" oder "äußerst erfolgreiche Behandlung" werden sicher jeden Arzt erfreuen. Doch die Aussage "sehr überlastet, geht nicht auf Patienten ein, minimale Beratung"? So eine Bewertung, noch dazu mit der Gesamtnote 4,8 versehen, dürfte bei keinem Mediziner Begeisterungsstürme auslösen.
Ärzte im Wettbewerb
"Ärzte müssen sich im Wettbewerb zunehmend stärker positionieren und ihre Leistungen und Qualifikation besser darstellen", sagt Ingo Horak, Geschäftsführer des Bewertungsportals Docinsider.de. "Dabei kommt dem Empfehlungsmarketing im Internet eine immer größere Rolle zu." Wie bei allen Medizinportalen kann man bei Docinsider (Eigenwerbung: "von Patienten empfohlen") Ärzte nach Fachgebiet und Standort beziehungsweise nach Postleitzahlen suchen. Allein in Baden-Württemberg sind knapp 6500 niedergelassene Ärzte registriert. Hinzu kommen noch etliche sogenannte Gesundheitsanbieter wie Chiropraktiker, Psychologen, Sexualtherapeuten und Masseure. In einer weiteren Rubrik können Fragen gestellt werden ("Was tun bei chronischer Verstopfung?"), worauf ein Arzt dann gute Ratschläge erteilt. In der Rubrik Medikamentensuche lässt sich nach Arzneimitteln suchen und bei einer Internetapotheke auch gleich noch bestellen.
Unter Ärzten werden die Medizinportale kontrovers diskutiert. Nicht alle sind davon überzeugt. "Wir stecken Geld in ein System, das sich nur selbst generiert, und ziehen es dadurch dem Gesundheitssystem ab", kritisiert Bernhard Febrer-Bowen, Facharzt für Augenheilkunde in Berlin. Er spielt darauf an, dass sich Ärzte bei den Plattformen mit einer ausführlichen Selbstpräsentation einkaufen können. Diese Marketingaufwendungen würden dann an anderer Stelle fehlen.
Gefahr des Missbrauchs und der Manipulation
Zudem seien die Bewertungsplattformen, so lautet ein weiterer Kritikpunkt, vor Missbrauch und Manipulation nicht gefeit. Pharmafirmen, die ein Interesse daran haben, dass Ärzte ihre Medikamente verschreiben, könnten in den Bewertungsprozess eingreifen. Beispielsweise indem sie fingierte Bewertungen lancieren oder Patienten dazu anhalten, gute Bewertungen auszustellen. Vergleichbare Missbrauchsfälle hat es etwa beim Onlinebuchhändler Amazon gegeben, wo Verlage in Form von anonymen Bewertungen sich selbst gute Noten gegeben haben.
Dennoch spielen die Medizinplattformen vor allem bei der Arztsuche eine immer größere Rolle und bieten Orientierungshilfe. Sie sind Teil eines Trends zur Virtualisierung, der nun auch die Medizin erfasst. "Das Web 2.0 durchdringt nach und nach alle Lebensbereiche - auch die Medizin", sagte Andreas Gebhard, Veranstalter einer Berliner Fachtagung zum Thema "Medizin 2.0". "Für Ärzte sowie Patienten ergeben sich neue Chancen, Risiken und Anforderungen."
Schon gibt es Webportale wie Doctr.com, die "Onlinesprechstunden" anbieten und sich als "sinnvolle Erweiterung für den Praxisalltag" anpreisen. Statt weiter Wege und langer Wartezeiten schließt man sich per Videokonferenz mit seinem Hausarzt kurz. Dem virtuellen Arztbesuch sind hierzulande jedoch gesetzliche Grenzen gesetzt. Erst nach vorherigem Patientenkontakt darf eine sogenannte Fernbehandlung vorgenommen werden. Online muss es beim ergänzenden Beratungsgespräch bleiben. "Wir richten uns vor allem an chronisch Kranke", erklärt Kai von Harbou, Geschäftsführer von Doctr.com, "eine Diagnose ist bei uns ausgeschlossen".
Da ist man in Großbritannien einen Schritt weiter. Momentan laufen dort Tests mit dem Videokonferenzsystem "HealthPresence" von Cisco. Die Ausrüstung besteht aus Videokameras und Monitoren, jeweils bei Patient und Arzt, sowie Geräten zum Messen von Blutdruck, Temperatur, Pulsschlag, Gewicht und Lungenfunktion. Der Arzt leitet die Patienten aus der Ferne an, die Messungen selbst durchzuführen, und erstellt anhand der Ergebnisse eine Diagnose. Besonders auf dem mit Ärzten unterversorgten Land sollen so weite Wege entfallen.
Im Cyberkrankenhaus
Um die Vermeidung von langen Anfahrten, überfüllten Wartezimmer und gestressten Ärzten geht es auch bei einer Londoner Poliklinik, die komplett ins Internet gezogen ist. Beim Projekt "Second Health" können britische Patienten einen virtuellen Arzt aufsuchen, indem sie sich bei der 3D-Online-Community Second Life einloggen und als Avatar - als künstliche Person - ins Krankenhaus marschieren. Dort reden Mediziner mit ihnen, gucken sich digitale Röntgen- und Ultraschallbilder an, stellen einen Befund aus und schreiben Rezepte oder Überweisungen. In brenzligen Fällen wird ein echter Krankenpfleger losgeschickt, der aus der virtuellen in die reale Welt wechselt und bei den Kranken nach dem Rechten sieht.
Sieht so das Krankenhaus "von morgen" aus: klinisch sauber, effizient und virtuell? Momentan ist "Second Health" noch ein Modellversuch des National Physical Laboratory und Imperial College in London, mit dem die Akzeptanz des virtuellen Arztbesuchs erkundet werden soll. Welche hohen Erwartungen sich indes auch hierzulande mit der elektronischen Kommunikation und Telemedizin verbinden, zeigt sich deutlich bei zwei vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie geförderten Projekten.
Die Medizin der Zukunft
"Partnership for the Heart" ist beispielsweise ein mobiler Gesundheitsdienst für Herzkranke. Mittels Körpersensoren werden die Gesundheitswerte von herzkranken Patienten gemessen und an ein Mobiltelefon, das der Patient mit sich herumträgt, übertragen. Dieses sendet die Daten an ein telemedizinisches Zentrum, wo Ärzte im Ernstfall schnell einschreiten können. Beim Projekt "Inprimo" (siehe Foto) wird das Mobiltelefon zum Terminal für persönliche Gesundheitsdienste. Jugendliche Asthmatiker können beispielsweise ihre Lungenfunktion überprüfen lassen und stehen via Handy in ständigem elektronischen Kontakt mit ihrer Patientenakte auf der Webplattform "mhealth".
Beide Projekte, die sich momentan im Stadium der Erprobung befinden, wollen die Zahl der Arztbesuche "auf Verdacht" reduzieren. In den Leistungskatalog der Krankenkassen sind sie noch nicht aufgenommen worden. Dazu muss erst der medizinische Nutzen nachgewiesen werden - ein aufwendiges Verfahren. Nicht zuletzt spielt dabei auch die Zufriedenheit der Patienten und ihre Akzeptanz von Technologie eine Rolle. Jugendliche sind besonders motiviert, regelmäßige Gesundheitskontrollen vorzunehmen, wenn sie dafür ein trendiges Smartphone erhalten. Ältere Menschen wollen dagegen auf den sozialen Kontakt zu ihrem Hausarzt lieber nicht verzichten - auch wenn sie ihn vielleicht einmal zu häufig aufsuchen.
Ob sich durch die Virtualisierung der Medizin tatsächlich größere Einsparpotenziale erzielen lassen, ist ebenso ungewiss wie umstritten. Die Forscher und Technikpartner verweisen auf die hohen Kosten, die das jetzige Gesundheitssystem, dem häufig "Überversorgung" vorgehalten wird, verursacht. Ärzte hingegen sind skeptisch und sehen eine Flut von diagnostischen Maßnahmen auf sich zukommen. Sie rechnen damit, dass Ängste beim Patienten geweckt werden, die bei einer persönlichen Betreuung gar nicht erst aufgetreten wären. Die direkte Begegnung und der "klinische Blick" des Arztes, der den Patient als Ganzes erfasst, lassen sich eben nur schlecht simulieren.
Von Helmut Merschmann
Docinsider, Helpster oder Jameda: so heißen die medizinischen Bewertungsportale im Internet. Und sie definieren das Verhältnis zwischen Arzt und Patient neu. Früher waren Ärzte unangreifbare Autoritäten. Heute darf man sie bewerten, gute oder schlechte Noten verteilen. Jeder kann seine Erfahrungen, die er mit einem Haus- oder Facharzt gemacht hat, auf den Internetportalen öffentlich kundtun. Kommentare wie "großes fachliches Können, Kreativität und optimale Betreuung" oder "äußerst erfolgreiche Behandlung" werden sicher jeden Arzt erfreuen. Doch die Aussage "sehr überlastet, geht nicht auf Patienten ein, minimale Beratung"? So eine Bewertung, noch dazu mit der Gesamtnote 4,8 versehen, dürfte bei keinem Mediziner Begeisterungsstürme auslösen.
Ärzte im Wettbewerb
"Ärzte müssen sich im Wettbewerb zunehmend stärker positionieren und ihre Leistungen und Qualifikation besser darstellen", sagt Ingo Horak, Geschäftsführer des Bewertungsportals Docinsider.de. "Dabei kommt dem Empfehlungsmarketing im Internet eine immer größere Rolle zu." Wie bei allen Medizinportalen kann man bei Docinsider (Eigenwerbung: "von Patienten empfohlen") Ärzte nach Fachgebiet und Standort beziehungsweise nach Postleitzahlen suchen. Allein in Baden-Württemberg sind knapp 6500 niedergelassene Ärzte registriert. Hinzu kommen noch etliche sogenannte Gesundheitsanbieter wie Chiropraktiker, Psychologen, Sexualtherapeuten und Masseure. In einer weiteren Rubrik können Fragen gestellt werden ("Was tun bei chronischer Verstopfung?"), worauf ein Arzt dann gute Ratschläge erteilt. In der Rubrik Medikamentensuche lässt sich nach Arzneimitteln suchen und bei einer Internetapotheke auch gleich noch bestellen.
Unter Ärzten werden die Medizinportale kontrovers diskutiert. Nicht alle sind davon überzeugt. "Wir stecken Geld in ein System, das sich nur selbst generiert, und ziehen es dadurch dem Gesundheitssystem ab", kritisiert Bernhard Febrer-Bowen, Facharzt für Augenheilkunde in Berlin. Er spielt darauf an, dass sich Ärzte bei den Plattformen mit einer ausführlichen Selbstpräsentation einkaufen können. Diese Marketingaufwendungen würden dann an anderer Stelle fehlen.
Gefahr des Missbrauchs und der Manipulation
Zudem seien die Bewertungsplattformen, so lautet ein weiterer Kritikpunkt, vor Missbrauch und Manipulation nicht gefeit. Pharmafirmen, die ein Interesse daran haben, dass Ärzte ihre Medikamente verschreiben, könnten in den Bewertungsprozess eingreifen. Beispielsweise indem sie fingierte Bewertungen lancieren oder Patienten dazu anhalten, gute Bewertungen auszustellen. Vergleichbare Missbrauchsfälle hat es etwa beim Onlinebuchhändler Amazon gegeben, wo Verlage in Form von anonymen Bewertungen sich selbst gute Noten gegeben haben.
Dennoch spielen die Medizinplattformen vor allem bei der Arztsuche eine immer größere Rolle und bieten Orientierungshilfe. Sie sind Teil eines Trends zur Virtualisierung, der nun auch die Medizin erfasst. "Das Web 2.0 durchdringt nach und nach alle Lebensbereiche - auch die Medizin", sagte Andreas Gebhard, Veranstalter einer Berliner Fachtagung zum Thema "Medizin 2.0". "Für Ärzte sowie Patienten ergeben sich neue Chancen, Risiken und Anforderungen."
Schon gibt es Webportale wie Doctr.com, die "Onlinesprechstunden" anbieten und sich als "sinnvolle Erweiterung für den Praxisalltag" anpreisen. Statt weiter Wege und langer Wartezeiten schließt man sich per Videokonferenz mit seinem Hausarzt kurz. Dem virtuellen Arztbesuch sind hierzulande jedoch gesetzliche Grenzen gesetzt. Erst nach vorherigem Patientenkontakt darf eine sogenannte Fernbehandlung vorgenommen werden. Online muss es beim ergänzenden Beratungsgespräch bleiben. "Wir richten uns vor allem an chronisch Kranke", erklärt Kai von Harbou, Geschäftsführer von Doctr.com, "eine Diagnose ist bei uns ausgeschlossen".
Da ist man in Großbritannien einen Schritt weiter. Momentan laufen dort Tests mit dem Videokonferenzsystem "HealthPresence" von Cisco. Die Ausrüstung besteht aus Videokameras und Monitoren, jeweils bei Patient und Arzt, sowie Geräten zum Messen von Blutdruck, Temperatur, Pulsschlag, Gewicht und Lungenfunktion. Der Arzt leitet die Patienten aus der Ferne an, die Messungen selbst durchzuführen, und erstellt anhand der Ergebnisse eine Diagnose. Besonders auf dem mit Ärzten unterversorgten Land sollen so weite Wege entfallen.
Im Cyberkrankenhaus
Um die Vermeidung von langen Anfahrten, überfüllten Wartezimmer und gestressten Ärzten geht es auch bei einer Londoner Poliklinik, die komplett ins Internet gezogen ist. Beim Projekt "Second Health" können britische Patienten einen virtuellen Arzt aufsuchen, indem sie sich bei der 3D-Online-Community Second Life einloggen und als Avatar - als künstliche Person - ins Krankenhaus marschieren. Dort reden Mediziner mit ihnen, gucken sich digitale Röntgen- und Ultraschallbilder an, stellen einen Befund aus und schreiben Rezepte oder Überweisungen. In brenzligen Fällen wird ein echter Krankenpfleger losgeschickt, der aus der virtuellen in die reale Welt wechselt und bei den Kranken nach dem Rechten sieht.
Sieht so das Krankenhaus "von morgen" aus: klinisch sauber, effizient und virtuell? Momentan ist "Second Health" noch ein Modellversuch des National Physical Laboratory und Imperial College in London, mit dem die Akzeptanz des virtuellen Arztbesuchs erkundet werden soll. Welche hohen Erwartungen sich indes auch hierzulande mit der elektronischen Kommunikation und Telemedizin verbinden, zeigt sich deutlich bei zwei vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie geförderten Projekten.
Die Medizin der Zukunft
"Partnership for the Heart" ist beispielsweise ein mobiler Gesundheitsdienst für Herzkranke. Mittels Körpersensoren werden die Gesundheitswerte von herzkranken Patienten gemessen und an ein Mobiltelefon, das der Patient mit sich herumträgt, übertragen. Dieses sendet die Daten an ein telemedizinisches Zentrum, wo Ärzte im Ernstfall schnell einschreiten können. Beim Projekt "Inprimo" (siehe Foto) wird das Mobiltelefon zum Terminal für persönliche Gesundheitsdienste. Jugendliche Asthmatiker können beispielsweise ihre Lungenfunktion überprüfen lassen und stehen via Handy in ständigem elektronischen Kontakt mit ihrer Patientenakte auf der Webplattform "mhealth".
Beide Projekte, die sich momentan im Stadium der Erprobung befinden, wollen die Zahl der Arztbesuche "auf Verdacht" reduzieren. In den Leistungskatalog der Krankenkassen sind sie noch nicht aufgenommen worden. Dazu muss erst der medizinische Nutzen nachgewiesen werden - ein aufwendiges Verfahren. Nicht zuletzt spielt dabei auch die Zufriedenheit der Patienten und ihre Akzeptanz von Technologie eine Rolle. Jugendliche sind besonders motiviert, regelmäßige Gesundheitskontrollen vorzunehmen, wenn sie dafür ein trendiges Smartphone erhalten. Ältere Menschen wollen dagegen auf den sozialen Kontakt zu ihrem Hausarzt lieber nicht verzichten - auch wenn sie ihn vielleicht einmal zu häufig aufsuchen.
Ob sich durch die Virtualisierung der Medizin tatsächlich größere Einsparpotenziale erzielen lassen, ist ebenso ungewiss wie umstritten. Die Forscher und Technikpartner verweisen auf die hohen Kosten, die das jetzige Gesundheitssystem, dem häufig "Überversorgung" vorgehalten wird, verursacht. Ärzte hingegen sind skeptisch und sehen eine Flut von diagnostischen Maßnahmen auf sich zukommen. Sie rechnen damit, dass Ängste beim Patienten geweckt werden, die bei einer persönlichen Betreuung gar nicht erst aufgetreten wären. Die direkte Begegnung und der "klinische Blick" des Arztes, der den Patient als Ganzes erfasst, lassen sich eben nur schlecht simulieren.
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