Operation Walküre - das Stauffenberg Attentat

Freiheit nur für Stunden

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 22.01.2009
Filmbeschreibung
Die verbliebenen Finger zittern, die Prothese ist nur zum Andrücken zu gebrauchen, die verkrüppelte Hand rutscht immer wieder ab. Die Zange will den Zündstab nicht richtig zu fassen zu bekommen, den sie abklemmen muss, um die Bombe zu aktivieren. Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist im Inneren des Sperrkreises eins auf der Wolfsschanze. Er hat zwei Sprengladungen bei sich. Er kann gleich Adolf Hitler in die Luft sprengen, den Holocaust stoppen und den Zweiten Weltkrieg zumindest in Europa beenden. Aber Stauffenberg, Stabschef des Allgemeinen Heeresamts in Berlin, darf nur hier sein, weil er dem System auch schon treu und eifrig diente. Dieser Dienst hat Spuren hinterlassen. Bei einem Tieffliegerangriff in Nordafrika 1943, mit dem Bryan Singers Spielfilm "Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat" beginnt, hat Stauffenberg (Tom Cruise) das linke Auge, die rechte Hand und zwei Finger der linken verloren.

Nun müht der Attentäter sich unter Zeitdruck hinter verschlossener Tür erbärmlich. Er bekommt nur eine der beiden mitgebrachten Bomben scharf. Deren Druck wird nicht ausreichen, Hitler zu töten. Diese bittere Ironie - wer in eine Position zum Tyrannenmord kommen will, wird auf dem Weg so beschädigt, dass er zum Tyrannenmord nicht mehr taugt - ist oft betont worden, von Spielfilmen, Dokumentationen und Mischformen. Man kann auch für Singers Gestaltung einer entscheidenden Minute des 20. Juli 1944 konstatieren, was man in ungnädiger Laune fürs ganze Filmprojekt bilanzieren kann: nichts Neues.

Unbelehrbare Junker

Erinnert man sich aber für einen Moment an all die Aufgeregtheiten, Frevelahnungen und Spöttereien in der Produktionsphase dieses teils in Deutschland gedrehten Films, dann ist auch das bereits ein Lob. "Operation Walküre" ist kein Actionspektakel, kein Nazigruselkabinett, kein Heldenkitsch. Es ist zunächst einmal eine stimmige, stets solide, in manchen Momenten inspiriert zuspitzende Darstellung historischer Ereignisse.

Singer und die Drehbuchautoren Christopher McQuarrie und Nathan Alexander wollen den Stoff nicht gefällig aktualisieren. Sie zeichnen Stauffenberg und seine vielen, höchst unterschiedlichen Mitverschwörer nicht als Vorkämpfer moderner, demokratischer Ideale. "Operation Walküre" setzt aber auch nicht zur schockierenden Demontage der Helden staatstragender deutscher Erinnerungskultur an. Er inszeniert also nicht mit Grimm und Sarkasmus heraus, dass viele hartnäckige Demokratiefeinde zum Widerstand des 20. Juli gehörten, unbelehrbare Junker und Militaristen, die sich vorm alliierten Sieg rasch noch einen autoritären Ständestaat retten wollten, Abweichler der letzten Minute, die nicht den Angriffskrieg und dessen Gräuel verwerflich fanden, sondern lediglich die Niederlage glimpflich gestalten wollten. Der rundum gut besetzte Film verschweigt das allerdings auch nicht. Er deutet es nebenbei pointiert an.

Was also ist der Sinn dieses Projekts? Es scheut die Extreme und erzählt noch einmal das Bekannte nach: wie Verschwörer aus Politik und Militär Hitler töten und in Berlin den für innere Unruhen vorgesehenen Notfallplan "Walküre" umsetzen wollten. Wie das Attentat angeblichen Putschisten aus Partei und SS in die Schuhe geschoben werden sollte, um in geheuchelter Stützung des Systems dessen Führung verhaften zu können. Es gibt einen Sinn des Wiedererzählens. Bryan Singer geht es mitten im scheiternden Putsch um den Moment der Freiheit, um jene Stunden, in denen die Verschwörer im Berliner Bendlerblock glauben, Hitler sei tot und das Land schon halb unter ihrer Kontrolle. Wir sehen die Verhaftung von Nazis und die Kaperung der Kommunikationskanäle.

Singer weiß, wie man Bilder für politische Gefühlszustände entwirft. In der besten Sequenz seines Films erleben wir einen nervösen Goebbels, der im Propagandaministerium eine Zyankalikapsel in den Mund nimmt, als ein bewaffnetes Kommando anrückt, ihn zu verhaften. Auch er hält das Spiel der Nazis für so gut wie verloren, aber mit der Giftkapsel im Mund lässt er den zur Verhaftung angerückten Offizier (Thomas Kretschmann) mit dem noch lebenden Führer telefonieren. Das Kommando rückt ab, Goebbels nimmt die Kapsel wieder aus dem Mund. Der Nazistaat, zeigt das Kino, war an diesem Tag eine Kieferbewegung vom Kollaps entfernt.

Eindringlich gespielter General

Die Atmosphäre von Sieg und Gelingen ist kein dramaturgischer Kniff, um das Scheitern drastischer wirken zu lassen. "Operation Walküre" geht politischer vor. Er verdeutlicht uns die Chance des Gelingens des Putsches, um die Zauderer, die von der Verschwörung wussten, aber nicht halfen, schuldhafter erscheinen zu lassen. Der von Tom Wilkerson gewohnt eindringlich gespielte General Friedrich Fromm ist dabei die Schlüsselfigur. Der Film zeigt ihn als Opportunisten, der nur mit Siegern marschieren will, der absolute Gewissheit des Gelingens fordert, bevor er handelt, statt zu handeln, um das Gelingen zu befördern. Der Film interpretiert hier, aber nachvollziehbar und auf Basis der Fakten.

Wo er geschichtliche Abläufe ändert, tut er das filmischer Wirkung zuliebe, nicht um eigene Deutungen glaubhafter zu machen. Man kann einwenden, die Figuren blieben einem fremd und undurchschaubar. Aber das ist Absicht und keine Nachlässigkeit, und so erweist sich denn auch die vorab oft bejammerte Besetzung Stauffenbergs mit Tom Cruise als durchaus glücklich.

Cruises Mischung aus Kälte und Sendungsbewusstsein, Charisma und abweisender Fassade passt gut zu einer historischen Figur, deren Motive und Werte uns auf Dauer rätseln lassen. Von Carl Goerdeler (Kevin McNally) bis Henning von Tresckow (Kenneth Branagh) will der Film "Operation Walküre" eben keine Vaterfiguren, keine charakterlichen Leitbilder vorführen. Er will darauf aufmerksam machen, dass es Stunden der Entscheidung gibt. Und dass man in diesen Stunden unter vollem Risiko handeln muss. Weil das Risiko des Nichthandelns gar nicht abschätzbar ist.
 
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