Interview mit Timo Hildebrand

"Dominant - aber ohne Theater"

Fragen von Carlos Ubina, veröffentlicht am 23.01.2009
Foto: dpa

Sinsheim - Am Samstag (15.30 Uhr/SWR) beim Eröffnungsspiel gegen eine Regionalauswahl lernt Timo Hildebrand seinen neuen Arbeitsplatz kennen: die Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim. Bei 1899 Hoffenheim will der Torhüter zu alter Stärke zurückfinden und sagt im Gespräch mit Carlos Ubina über seine Position: "Es gibt dieses Einzelgängertum."

Herr Hildebrand, Sie tragen das Trikot mit der Nummer 28. Glauben Sie, zum Rückrundenstart in einer Woche die Nummer eins im Hoffenheimer Tor zu sein?

Das hat der Trainer zu entscheiden. Ich denke aber, dass mich Ralf Rangnick geholt hat, damit ich der Mannschaft helfe, und am besten kann ich das auf dem Platz.

Was können Sie nach Ihrem Wechsel vom FC Valencia zur TSG 1899 an positiven Impulsen einbringen?

Ich kann mich durch meine Art und meine Erfahrung einbringen. Die letzten eineinhalb Jahre in Spanien haben mich geprägt, und auch in Hoffenheim gibt es Spieler, die hintendranstehen. Diese kann ich unterstützen. Zudem habe ich schon einige Bundesligajahre hinter mir, habe international sowie in der Nationalmannschaft gespielt, und in Hoffenheim stehen viele Spieler erst am Anfang ihrer Karriere - somit kann ich manchem sagen, wie es läuft. Damit will ich aber nicht sagen, dass ich mich über sie stelle.

Dennoch sind Sie die erste Starverpflichtung in Hoffenheim.

Ich habe erst vor kurzem gelesen, dass meine Mitspieler mich nicht als Star betrachten. Dieser Status hat sich in der Vergangenheit einfach so entwickelt, auch durch die Umstände meiner Vertragsverlängerung beim VfB Stuttgart 2005. Das war damals ein riesiger Hype, aber ich sehe mich nicht als Star, sondern als Teamplayer.

Sie haben ein halbes Jahr lang nicht mehr gespielt. Fehlt Ihnen Spielpraxis?

Bei den Testspielen habe ich mich gut gefühlt und auch keinen Fehler gemacht.

Erstmals sind Sie in einer Mannschaft aber auch einer der Älteren.

Hier sind es tatsächlich extrem viele junge Spieler, aber ich fühle mich wohl. Die Mannschaft hat mich gut aufgenommen, und es gibt niemanden, der Stunk macht.

Fühlen Sie sich zum ersten Mal alt?

Nein, so alt bin ich mit 29 auch noch nicht.

Was haben Sie zuletzt gelernt?

Spiele von der Tribüne zu beobachten. Im Ernst - ich habe gelernt, wie schwierig es ist, in einem fremden Land und ohne ausreichende Sprachkenntnisse Fuß zu fassen.

Haben Sie das Sprachproblem unterschätzt?

Ich denke nicht. Ich hatte vorher ja schon Spanisch gelernt, aber das bringt nur bedingt etwas. Wir waren zum Beispiel die ersten zwei Wochen gleich im Trainingslager, und ich saß am Tisch und konnte einfach nicht mitreden. Denn zum einen sprechen die Spanier schnell, zum anderen können sie kaum Englisch. Aber im Grunde war das ja genau das, was ich wollte. Ich wollte diese Situationen, um als Persönlichkeit zu reifen.

Sie sind mit großen Erwartungen gegangen. Wieso hat es sportlich nicht geklappt?

Es war nicht alles schlecht. Es war einfach ein schlechter Zeitpunkt, um nach Valencia zu wechseln. Wenn ich zu dieser Saison gegangen wäre, der Trainer hinter mir gestanden und die Mannschaft funktioniert hätte, dann wäre vieles anders gelaufen. Ich will jedoch keine Ausreden suchen, aber das sind für mich Erklärungen. Die Mannschaft hat katastrophal gespielt, Präsidenten sind gegangen und gekommen, ebenso die Trainer, und der Verein hatte Geldprobleme. Dazu hatte ich einen Kollegen, der nicht wirklich einer war. Ich habe versucht, damit umzugehen, aber man rennt wie gegen eine Wand.

Und Santiago Canizares, der Kollege, der keiner war? Was hat der getrieben?

Anfangs hat er noch mit mir gesprochen, dann aber nicht mehr. Und wie ich von anderen Torhütern erfahren habe, hat Canizares immer ein Problem mit Konkurrenten gehabt. Für ihn gab es da nur Feindschaft und keine Kameradschaft.

Muss man als Torwart so sein, denn es gibt ja auch andere Beispiele wie Oliver Kahn, die sehr dominant aufgetreten sind.

Ich bin auch dominant - aber auf meine Weise. Man muss immer dirigieren und Verantwortung übernehmen als Torwart. Es gibt schon dieses Einzelgängertum, weil es im Team diese Position auf dem Platz nur einmal gibt. Und die Dominanz eines Torhüters zeigt sich auf die verschiedensten Weisen: der eine schreit herum, der andere geht dir an die Gurgel, und ich will mich da nicht verbiegen lassen. Damit bin ich beim VfB Stuttgart auch gut gefahren, wie jeder weiß.

Und wie würden Sie Ihre Art beschreiben?

Seriös. Kein großes Theater machen, niemanden blöd angehen. Aber natürlich muss man auch mal dazwischenhauen.

Wie reagieren Sie auf die Nachricht, dass der FC Valencia nach der Verletzung von Renan Brito nun ein Torwartproblem hat?

Ich empfinde keine Schadenfreude. Ich habe in dem halben Jahr, in dem ich auf der Tribüne saß, keinen Krieg angezettelt, weil das nicht meine Art ist. Ich werde das auch jetzt nicht tun. Das Kapitel ist beendet.

Wie schlimm waren die vergangenen Monate mit der Ausbootung aus der Nationalmannschaft vor der EM?

Das EM-Aus war ziemlich hart. Ich war anschließend im Urlaub, um etwas abzuschalten. Es war mir deutlich anzumerken, dass es mir brutal viel ausgemacht hat. Für mich war es nach vier Jahren Nationalmannschaft schon rätselhaft, auf einmal weg zu sein.

Konnte Ihnen der Bundestrainer Joachim Löw mittlerweile schlüssig erklären, warum er Sie nicht mitgenommen hat?

Schlüssig? Nicht wirklich. Ich musste die Entscheidung aber akzeptieren. Ich habe das jetzt verarbeitet, und es bleibt nichts hängen. Ich will hier nun Spiele gewinnen und wieder Spaß haben am Fußball.

In der Vergangenheit gab es immer wieder schwierige Situationen, die auf Ihr Beraterumfeld, vor allem Dusan Bukovac, zurückgeführt wurden. Wann haben Sie entschieden, sich in dem Bereich neu aufzustellen?

Bereits im Sommer. Insofern stimmt es nicht, dass dies eine Bedingung der Hoffenheimer für meinen Wechsel hierher war. Ich hatte schon vorher entschieden, dass ich neue Impulse brauche.

Haben Sie sich schlecht beraten gefühlt?

Nein. Ich bin immer meinem Bauch gefolgt und habe selbst entschieden - natürlich nach Rücksprache mit Leuten, die mir nahestehen. Der FC Valencia war mein Wunschverein, und der Berater zu der Zeit hat es möglich gemacht.

Warum sind Sie jetzt nicht zu einem anderen ausländischen Club gewechselt?

Nach den Erfahrungen, die ich gemacht hatte, wollte ich das einfach nicht.

Sie haben Dinge erwähnt, die Ihnen das Leben in Valencia schwergemacht haben. Haben Sie auch Fehler bei sich gesucht?

Ich habe ständig überlegt, was ich selbst zu der Situation beigetragen habe. Und natürlich habe ich auf dem Platz Fehler gemacht, aber ansonsten habe ich nicht viel gefunden.

Hat es Ihnen an Offenheit gemangelt?

Man braucht seine Zeit. Ich konnte dort nie so locker mit den Jungs umgehen, wie ich es hier tue, weil ich die spanische Sprache nicht hundertprozentig beherrsche.

Wohin kann der Weg von 1899 führen?

Weit. Ich hoffe es jedenfalls. Das ist ja auch ein Grund, warum ich gekommen bin. Es wird topprofessionell gearbeitet, alle Voraussetzungen werden geschaffen, um gute Leistungen zu bringen, und es lässt sich auch keiner aus der Ruhe bringen.

Oft heißt es, dass in Hoffenheim außergewöhnlich trainiert wird. Stimmt das?

Wir haben vor kurzem eine Spielform gemacht, bei der jeder Spieler zwei Tennisbälle in den Händen halten musste. Dadurch konnte man nicht ziehen oder grätschen, außerdem wurde die Koordination geschult. Es gibt aber keine Sensationen im Training, es wird nur sehr auf Details geachtet.
 

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