Porsche und Zuffenhausen

Zwei Welten, die zueinander nicht kommen

Josef-Otto Freudenreich, veröffentlicht am 26.01.2009
Foto: Honzera

Stuttgart - Porsche ist Zuffenhausen und umgekehrt. So heißt es, seitdem es die Luxusautos gibt. Aber es ist höchstens die halbe Wahrheit. Richtig ist, dass Welten zwischen der Gemeinde und dem Werk samt seinem neuen Museum liegen - mindestens 911 Kilometer.


  Von Josef-Otto Freudenreich

 
Wer weiß, wie die Republik heute aussehen würde, wenn der kleine Max nicht am 14. Februar 1895 in der Schwieberdinger Straße 58 das Licht der Welt erblickt hätte. Dort, in dem Jugendstilanwesen von Vater Moritz (Mosche) Horkheimer, ist der Bub aufgewachsen, und dort hat er gelernt, was malochen und leiden heißt. Max Horkheimer sollte einmal die elterliche Textilfabrik übernehmen, doch das Elend des Arbeiters schreckte ihn so sehr, dass er es vorzog, mit der Sekretärin des Vaters durchzubrennen und Philosoph zu werden. So wurde aus dem Zuffenhäuser Rebell der Begründer der Frankfurter Schule und Hauptvertreter der Kritischen Theorie, derer sich wilde Jungs wie Rudi Dutschke bedienten. Linksradikale, die mit der 68er-Revolte die Republik durcheinanderschüttelten. Heute gehört der Horkheimerbau einem Steuerberater.

Max, der Experte für Entfremdung, hätte sich wahrscheinlich sehr über seine Auferstehung gefreut, hundert Jahre nach seiner Geburt. Die Schüler des Porsche-Gymnasiums brachten ihn auf die Bühne. In Gestalt eines Zwiegesprächs, in dem viel von Menschen die Rede war, die Tag für Tag in ausgetretenen Schuhen für die Fabrikbesitzer schuften und ihre Seele einen qualvollen Tod aushauchen lassen. Das ist heute natürlich nicht mehr so, bei Porsche sowieso nicht, was auch daran zu erkennen ist, dass die Gymnasiasten das gleiche Menü kriegen wie die Autobauer. Angeliefert von der Werkskantine.

Zuffenhausen ist weltbekannt

Also alles in Butter zwischen Porsche und Zuffenhausen? Global auf jeden Fall. Kein amerikanischer PS-Protz spricht von Stuttgart. Jeder im Hotel Schlossgarten sagt: "nice here in Suffenhousen". Keine japanische Zeitung setzt die Ortsmarke Stuttgart, sondern Zuffenhausen, wenn sie über die Sportwagenschmiede schreibt. "Deshalb ist Zuffenhausen weltbekannt", sagt Porsche-Sprecher Anton Hunger. Und weiter? Na ja, bekennt er, "zwei Welten" seien es schon.

Da hat er recht, der Porsche unter den PR-Managern. Das Werk und das Museum, das Hunger einen "Flieger" nennt und andere für ein Ufo halten, sind real zwar nur einen Kilometer vom Ort entfernt, aber eigentlich sind es mindestens 911. Die 35.000-Einwohner-Gemeinde ist - auf den ersten Blick - wahrlich kein Schmuckstück, auch wenn sie Manfred Rommel einst als "Perle in der Krone Stuttgarts" bezeichnet hat. Das war schon damals ein Euphemismus.

Zuffenhausen ist eine Ansammlung von wahllos auf die Erde gestreuten Häuser, ein Ort, an dem sich die Arbeiter angesiedelt haben, um ihre Kraft zu Heinkel, Kreidler, Scharpf und Zaiser zu tragen. Viele davon Ausgestoßene des Krieges, die in der schnell wachsenden Industrieagglomeration eine karge Zuflucht fanden.

Unterländer Straße ist alles andere als eine Prachtmeile

Der Schrecken ist heute die Unterländer Straße, die mal als Königsstraße gedacht war und zum Billigbasar geworden ist. Kebab, Pizzaexpress, Callcenter, Telefonshops, Toto-Lotto. Und seitdem sie auch noch aufgegraben wird, damit die U 15 in drei Jahren unterirdisch fahren kann, ist ein Flanieren nicht mehr ratsam. Die Gefahr, sich einen Fuß zu brechen, ist größer, als von Punks um einen Euro angehauen zu werden.

Die verbliebenen einheimischen Geschäftsleute klagen darüber sehr. Bei Foto Hilt wäre ein Blick ins Schaufenster nur zu erhaschen, wenn man eine Leiter in die Baugrube stellte. Der unermüdliche Kampf um die Kunden wäre erfolglos, kämen nicht die, die wissen, dass sie bei Hilt die besten Hochzeitsfotos kriegen. Manch einer, erzählt die Chefin, erscheine auch bald wieder. Mit einer neuen Freundin. Selbst der frühere VfB-Kicker Thomas Strunz war schon da, um seinen Hund ablichten zu lassen. Und dann ist da noch das Sonderangebot "Body Arts", das die Zuffenhäuser für 99 Euro zum Aktmodell macht. Die Nachfrage steige stetig, heißt es im Laden. Dasselbe gilt für die Geschäfte in der Grenzstraße, wo Stuttgarts führendes Dominastudio Arachne beheimatet ist. "Alles super", sagt Lady Lisa, "die Lust ist krisensicher." Die Sitzungen haben sich nur eher in den Abend verlagert, weil die Kunden kürzere Mittagspausen haben.

Es ist irgendwie beruhigend, dass sich die Menschen nicht unterkriegen lassen. Sollen die Bilder doch aus dem Regal fallen, wenn draußen wieder der Bagger tobt. Die Chefin von Foto Hilt denkt dann schon ans Bädle, das kultige Freibad am Ortsrand, in dem man die Umkleidekabine mit einem großen Eisenschlüssel öffnet, danach ins kaum gechlorte Quellwasser hüpft und im kleinen Zoo daneben Tiere streicheln kann. Auch das ist Zuffenhausen. Es ist nicht nur grau, zerrissen und sterbenslangweilig.

Die Kirche muss fröhlich sein

Beispiel Pauluskirche, das Wahrzeichen der Gemeinde. Dort findet am 13. Februar ein Benefizrockkonzert statt, das Friedrich Ege, 58, alljährlich zu Ehren Gottes gibt. Der vollbärtige Urzuffenhäuser ist ein prima Beispiel für den Wandel. Strukturell und intellektuell. Ege hat bis 1996 einen Laden für Kinderausstattung gehabt, danach ging er als Organisationsreferent zur Stuttgarter CDU, was sicherer war, und zum Vergnügen spielt er in der Band Risk, die in der Pauluskirche die Puppen tanzen lässt. Vor allem dann, wenn sie aus dem "Pauluskeller" die geistigen Getränke hervorholen. Dann ist Tabledance auf den Regalen, in denen sonst die evangelischen Gesangsbücher ruhen.

Das gefällt auch Dekanin Wiebke Wähling, die mit Hennahaaren, rosa Fleecejacke und bestickten Jeans beeindruckt. Die Gläubigen, erläutert sie, habe Jesus doch auch mit dem Wunder, Wasser in Wein zu verwandeln, zur Hochzeit zu Kana gelockt. In einer Zeit, in der die christlichen Gemeinden am Ort mehr und mehr Schäfchen verlieren und die muslimischen Mitbürger bereits 40 Prozent stellen, muss die Kirche fröhlich sein.

Der Meinung ist auch Wolfgang Meyle. Nur ganz so laut wie im Gotteshaus des heiligen Paulus müsse es nicht sein, sagt er. Meyle dürfte der beste Kenner des Ortes sein. Als Bezirksvorsteher hat er die Geschicke der Gemeinde 28 Jahre lang bis 2008 geleitet. Er weiß um die Minderwertigkeitskomplexe seiner Zuffenhäuser, die schon vor Jahrzehnten in der Straßenbahn gesungen haben: "Feuerbach, Zuffenhausen, Zigeuner, aussteigen". Sie waren eben immer am Schluss, und wenn sie eine Straße bekommen haben, dann musste es eine Betonschneise mitten durchs Dorf sein. Wie die B10/27. Der Fortschritt, befand schon Max Horkheimer, hält die Menschen auseinander. Gerade auf der Straße, isoliert auf Gummireifen.

Da hilft ein Blick zurück, die Erinnerung an die großen Söhne. Robert Schlienz, der einarmige Fußballgott (Hans Blickensdörfer), ist ein Zuffenhäuser Kind. Horst Köppel, der flinke Dribbler, auch, und, mit Einschränkungen, Joachim "Blacky" Fuchsberger. Das Horstle hat einst beim FVZ gekickt und im Ortsteil Neuwirtshaus gewohnt, in dem lauter kleine Häuschen stehen mit vielen Gartenzwergen in den sorgsam gepflegten Vorgärten. Die Sträßchen heißen hier Helgoland und Sylt. Neuwirtshaus, einst von den Nazis als Mustersiedlung gepriesen, war eine Hochburg der Kommunisten und Sozialdemokraten, Vater Köppel Trainer beim FVZ, sein Sohn später VfB-Ikone und Nationalspieler und gewiss einer der wenigen Zuffenhäuser, der einen Porsche fuhr.

Fuchsberger kann sich an nichts erinnern

Zu gern hätte Vorsteher Meyle auch noch den berühmten Schauspieler Fuchsberger vereinnahmt. Doch als er ihn 2007 zum hundertjährigen Jubiläum der Stadterhebung einladen wollte, schrieb "Blacky" zurück, es tue ihm leid, er könne sich nicht mehr erinnern. Er habe nur zwei Jahre in der Jägerstraße gelebt. Von Geburt an.

Schultes Meyle hat's verschmerzt, weil ihm als studiertem Politologen und Anhänger der Baum-Hirsch-FDP der linke Horkheimer eh näherlag. Zusammen mit Gisela Frasch, der damaligen Leiterin der Stadtbücherei (in deren Erdgeschoss heute Aslans Kebab, ein Spielodrom und zwei Sportwettenläden lauern), hat er den Philosophen zum Ausgangspunkt einer bemerkenswerten Suche gemacht: versteckte Schönheiten entdecken. Und siehe da - es gibt sie. Im "alten Flecken", dem ursprünglichen Ortskern, sind sie versammelt. Jahrhundertealte Häuser, liebevoll restauriert, ein nie erwartetes Idyll, an dessen Rand der Feuerbach rauscht und die Enten schnattern.

Hier reifte auch Meyles Plan für die Pension: Porsche in den "alten Flecken" locken. Nie war es ihm gelungen, die Herren aus der Champions League in die Kreisliga zu holen. Sie brausen auf die Autobahn zu ihrem Zuhause, das in Bietigheim, Schwieberdingen oder Ditzingen ist. Nie hat er es geschafft, dem Konzern richtig Geld aus der Tasche zu ziehen, nicht eingerechnet die 500.000 Mark fürs Jugendhaus, die 100.000 Mark für die Rutsche im Hallenbad und das Porsche-Menü, das auch ins Rathaus gebracht wurde. Wendelin Wiedekings Antwort war stets dieselbe: Unsere Gewerbesteuer kassiert die Stadt Stuttgart, die soll euch bedienen.

Wie sollte der Vorstandschef auch eine Beziehung zu der glanzlosen Location entwickeln, in die er guten Gewissens keinen Geschäftsfreund führen konnte? Sollte er ihn zum Türken, Griechen, Thai einladen oder ins Kaufhaus Nuspl schicken, wo türkische Frauen Seidensticker-Schlafanzüge zum halben Preis erwerben? Wiedeking ist ja bodenständig und parkt sein Geld bei der Sparkasse Ludwigsburg, aber Unterländer Straße?

Doch Wolfgang Meyle ist unverzagt. Er weiß, dass seine Zuffenhäuser irgendwie stolz sind auf die Firma mit Weltruhm, und seien ihre Produkte auch noch so fern. Warum es nicht mit Horkheimer halten, der im Besitz allen Unglücks Ursache sah? Der 65-jährige Z-Liebhaber will jetzt das Porsche-Museum nutzen, die Besucher durch den Flecken führen und ihnen zeigen, dass Zuffenhausen nicht nur die Unterländer Straße ist. Dafür will er sein Englisch in der Volkshochschule aufbessern. Das Angebot steht, Porsche muss nur noch antworten.
 
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