Der seltsame Fall des Benjamin Button
Ein Film spielt Schicksal
Rupert Koppold, veröffentlicht am 29.01.2009
Filmbeschreibung
Ein Krankenhaus in New Orleans. Draußen braut sich ein Hurrikan zusammen, drinnen sitzt eine Frau am Bett ihrer sterbenden Mutter. "Hast du Angst?" fragt die Tochter. "Ich bin neugierig, was als Nächstes kommt", antwortet die Greisin mit brüchiger Stimme. Und sie erinnert sich an die Geschichte eines Mannes, der eine Bahnhofsuhr gebaut hat, die im Jahr 1918 enthüllt wird und rückwärts läuft, so als könnten die Schlachten des Ersten Weltkriegs ungeschehen und - eine Rückblende führt es auch vor - der gefallene Sohn wieder lebendig gemacht werden.
Aber dies ist nur eine Einstimmung auf die eigentliche Geschichte, auf jenes alte Tagebuch, das die Mutter nun ihrer Tochter zum Vorlesen gibt und dessen erste Sätze lauten: "Mein Name ist Benjamin Button, ich bin unter außergewöhnlichen Umständen geboren ..." Während die in blaufahlen Bildern gehaltene Rahmenhandlung im Krankenzimmer auf der Stelle tritt, leuchtet Benjamins Leben nun in nostalgischem Ocker- und Sepiaton auf und kommt auch gleich in Bewegung. Benjamins Mutter stirbt bei der Geburt, der Vater wirft einen Blick auf das Baby und erschrickt so, dass er es an sich reißt und ins Hafenbecken schmeißen will, dann aber auf der Treppe zu einem Altenheim aussetzt.
Dieses Baby, das nun von der patenten und grundguten schwarzen Wirtschafterin Queenie (Taraji P. Henson) aufgenommen und endlich auch uns Zuschauern gezeigt wird, sieht nämlich aus wie ein uralter, verhutzelter Mann. Der aber ist nicht dem Tode nahe, wie ein Arzt konstatiert, er lebt sein Leben nun vielmehr rückwärts, wird im Lauf dieses fast dreistündigen Kinofilms also immer jünger.
Der große Oscarfavorit
"Der seltsame Fall des Benjamin Button", der gerade in 13 Kategorien für den Oscar nominiert wurde, gibt sich als Adaption einer Short Story von Francis Scott Fitzgerald aus, übernimmt aber weder deren Inhalt noch deren Ton, sondern einzig die Grundidee. Um diese Grundidee herum rankt der von David Fincher inszenierte Film seine eigenen Geschichten, lässt diese leicht märchen- und legendenhaft beginnen, führt sie dann immer mehr in einen Realismus à la Hollywood. Das Rückwärtsleben wird nach dem ersten Staunen jedenfalls nicht mehr als Wunder betrachtet oder wenigstens als medizinische Anomalie, es wird, auch wenn es stets Auswirkungen auf den Umgang mit anderen hat, als selbstverständlich akzeptiert.
Damit auch wir Zuschauer dies tun, wird Benjamins Anderssein eingebettet und abgefedert durch eine Art Skurrilitäten-Show, es stoßen dem Helden also oft groteske Ereignisse zu und er trifft auf andere wundersame Figuren. Auf einen Buschmann etwa, der im Zoo ausgestellt wird, auf einen Altersheiminsassen, der siebenmal vom Blitz getroffen wurde, oder auf einen tätowierten Schlepperkapitän, der Benjamin anheuert und auch im Bordell einführt. "Noch mal!" ruft Benjamin begeistert aus. Da ist er vom Alter her schon ein Teenager und vom Aussehen her ein älterer Herr, in dem auch schon recht gut der Schauspieler Brad Pitt zu erkennen ist.
Pitt spielt diesen Helden - die Computertechnik macht's möglich - vom Greisenalter bis zum Baby. Er spielt ihn also auch, wenn Benjamin sich als Zwölfjähriger nachts mit der gleichaltrigen Daisy unter einen Tisch zurückzieht und bei Kerzenlicht unterhält. "Ich werde ihre blauen Augen nicht vergessen", sagt er. Daisy wird später die Liebe seines Lebens werden. Vorher aber, im Jahr 1940 in einem Hotel im russischen Murmansk, hat Benjamin eine Affäre mit der Gattin (Tilda Swinton) eines britischen Diplomaten und Spions: "Es war das erste Mal, dass eine Frau mich küsste. Das vergisst man nie", so kommentiert er aus dem Off.
Überhaupt ist dieser Held keiner, der sein Leben selbst in die Hand nimmt, eher ein zurückhaltender Beobachter des eigenen Schicksals. Dieses wird nämlich ganz und gar bestimmt vom Drehbuchautor Eric Roth, der hier deutlich auf jenen Spuren wandelt, die er einst mit "Forrest Gump" hinterlassen hat: Wieder erlebt ein netter Mann auf merkwürdige Weise am eigenen Leib Historie. Und wieder reagiert er darauf mit Merksätzen: "Das Leben entzieht sich jeder Kontrolle", sagt Benjamin. Oder: "Immer das Beste draus machen." Oder: "Wenn das Ende kommt, muss man loslassen."
Einfälle und Zufälle
So viele Orte, so viele Personen, so viele Merksätze. Und so viel Vergänglichkeit, Sterben und Tod um diesen Helden herum. Aber wird die Geschichte dadurch wirklich profund und welthaltig? Diese angelsächsische Variante des magischen Realismus, die Eric Roth mit Schriftstellern wie Peter Carey, T. C. Boyle und besonders mit John Irving verbindet, läuft ja immer Gefahr, dass durch das turbulente äußere Leben ein reiches inneres nur simuliert wird und dass der nicht nur allwissende, sondern auch allmächtige Autor dabei so überdeutlich ins Geschehen eingreift, so aufdringlich Schicksal spielt, dass man die Fäden zu sehen glaubt, an denen die Figuren zappeln.
In einer wohl als Hommage an Jean-Pierre Jeunets "Amélie"-Film inszenierten Sequenz in Paris - Daisy ist jetzt eine Primaballerina und wird gespielt und getanzt von Cate Blanchett - bricht der Film auch mal völlig mit der Illusion, er würde von Benjamin Button erzählt. Eine Kette aufeinander einwirkender Zufälle, von denen der Held nichts wissen kann, wird hier durchexerziert, an deren Ende liegt Daisy, von einem Taxi angefahren, auf der Straße und ihre Bühnenkarriere ist zu Ende. Aber nun beschwört der Film, in dem der Held bedauert, dass sich alles ändert und man nichts festhalten kann, die Liebe als sozusagen ewige Kategorie.
Die komisch-grotesken Szenen werden nun überlagert und verdrängt von Bildern, die das perfekte Glück ausdrücken sollen. Brad Pitt sieht jetzt endlich aus wie Brad Pitt, steckt in einer schicken Lederjacke und fährt Motorrad, und Cate Blanchett sieht ebenfalls aus wie Cate Blanchett, und der Film setzt beide auf Segelboote, an den Strand oder vor Sonnenuntergänge und legt sie auch, dies aber sehr geschmackvoll, zusammen ins Bett. Elegisch-melancholische Gefühle werden nun zelebriert, die Musik, die in dieser Geschichte sowieso immer schwer beschäftigt ist, scheint das Paar behutsam streicheln zu wollen. Und sie seufzt vor sich hin, als das Paar auseinandergeht, ja, wegen der besonderen Umstände auseinandergehen muss.
Auch wenn sich, inmitten ihrer so aufdringlich kalkulierten Emotionalität, ein paar Momente des wahren Gefühls in der seltsamen Geschichte des Benjamin Button finden: insgesamt ist das, was uns Sterblichen hier offeriert wird, doch zu wohlfeil. Wenn in dieser Trostgeschichte nach dem Tod ein Kolibri aufflattert, so als flöge eine Seele in den Himmel, ist das nicht Kunst, sondern Kitsch. Aber vielleicht ist das doch die Geschichte, die gerade gebraucht wird, die vielen Zuschauern ein bisschen hinweghilft über die krisengeplagte Realität. Sozusagen ein weicher Film für harte Zeiten.
Aber dies ist nur eine Einstimmung auf die eigentliche Geschichte, auf jenes alte Tagebuch, das die Mutter nun ihrer Tochter zum Vorlesen gibt und dessen erste Sätze lauten: "Mein Name ist Benjamin Button, ich bin unter außergewöhnlichen Umständen geboren ..." Während die in blaufahlen Bildern gehaltene Rahmenhandlung im Krankenzimmer auf der Stelle tritt, leuchtet Benjamins Leben nun in nostalgischem Ocker- und Sepiaton auf und kommt auch gleich in Bewegung. Benjamins Mutter stirbt bei der Geburt, der Vater wirft einen Blick auf das Baby und erschrickt so, dass er es an sich reißt und ins Hafenbecken schmeißen will, dann aber auf der Treppe zu einem Altenheim aussetzt.
Dieses Baby, das nun von der patenten und grundguten schwarzen Wirtschafterin Queenie (Taraji P. Henson) aufgenommen und endlich auch uns Zuschauern gezeigt wird, sieht nämlich aus wie ein uralter, verhutzelter Mann. Der aber ist nicht dem Tode nahe, wie ein Arzt konstatiert, er lebt sein Leben nun vielmehr rückwärts, wird im Lauf dieses fast dreistündigen Kinofilms also immer jünger.
Der große Oscarfavorit
"Der seltsame Fall des Benjamin Button", der gerade in 13 Kategorien für den Oscar nominiert wurde, gibt sich als Adaption einer Short Story von Francis Scott Fitzgerald aus, übernimmt aber weder deren Inhalt noch deren Ton, sondern einzig die Grundidee. Um diese Grundidee herum rankt der von David Fincher inszenierte Film seine eigenen Geschichten, lässt diese leicht märchen- und legendenhaft beginnen, führt sie dann immer mehr in einen Realismus à la Hollywood. Das Rückwärtsleben wird nach dem ersten Staunen jedenfalls nicht mehr als Wunder betrachtet oder wenigstens als medizinische Anomalie, es wird, auch wenn es stets Auswirkungen auf den Umgang mit anderen hat, als selbstverständlich akzeptiert.
Damit auch wir Zuschauer dies tun, wird Benjamins Anderssein eingebettet und abgefedert durch eine Art Skurrilitäten-Show, es stoßen dem Helden also oft groteske Ereignisse zu und er trifft auf andere wundersame Figuren. Auf einen Buschmann etwa, der im Zoo ausgestellt wird, auf einen Altersheiminsassen, der siebenmal vom Blitz getroffen wurde, oder auf einen tätowierten Schlepperkapitän, der Benjamin anheuert und auch im Bordell einführt. "Noch mal!" ruft Benjamin begeistert aus. Da ist er vom Alter her schon ein Teenager und vom Aussehen her ein älterer Herr, in dem auch schon recht gut der Schauspieler Brad Pitt zu erkennen ist.
Pitt spielt diesen Helden - die Computertechnik macht's möglich - vom Greisenalter bis zum Baby. Er spielt ihn also auch, wenn Benjamin sich als Zwölfjähriger nachts mit der gleichaltrigen Daisy unter einen Tisch zurückzieht und bei Kerzenlicht unterhält. "Ich werde ihre blauen Augen nicht vergessen", sagt er. Daisy wird später die Liebe seines Lebens werden. Vorher aber, im Jahr 1940 in einem Hotel im russischen Murmansk, hat Benjamin eine Affäre mit der Gattin (Tilda Swinton) eines britischen Diplomaten und Spions: "Es war das erste Mal, dass eine Frau mich küsste. Das vergisst man nie", so kommentiert er aus dem Off.
Überhaupt ist dieser Held keiner, der sein Leben selbst in die Hand nimmt, eher ein zurückhaltender Beobachter des eigenen Schicksals. Dieses wird nämlich ganz und gar bestimmt vom Drehbuchautor Eric Roth, der hier deutlich auf jenen Spuren wandelt, die er einst mit "Forrest Gump" hinterlassen hat: Wieder erlebt ein netter Mann auf merkwürdige Weise am eigenen Leib Historie. Und wieder reagiert er darauf mit Merksätzen: "Das Leben entzieht sich jeder Kontrolle", sagt Benjamin. Oder: "Immer das Beste draus machen." Oder: "Wenn das Ende kommt, muss man loslassen."
Einfälle und Zufälle
So viele Orte, so viele Personen, so viele Merksätze. Und so viel Vergänglichkeit, Sterben und Tod um diesen Helden herum. Aber wird die Geschichte dadurch wirklich profund und welthaltig? Diese angelsächsische Variante des magischen Realismus, die Eric Roth mit Schriftstellern wie Peter Carey, T. C. Boyle und besonders mit John Irving verbindet, läuft ja immer Gefahr, dass durch das turbulente äußere Leben ein reiches inneres nur simuliert wird und dass der nicht nur allwissende, sondern auch allmächtige Autor dabei so überdeutlich ins Geschehen eingreift, so aufdringlich Schicksal spielt, dass man die Fäden zu sehen glaubt, an denen die Figuren zappeln.
In einer wohl als Hommage an Jean-Pierre Jeunets "Amélie"-Film inszenierten Sequenz in Paris - Daisy ist jetzt eine Primaballerina und wird gespielt und getanzt von Cate Blanchett - bricht der Film auch mal völlig mit der Illusion, er würde von Benjamin Button erzählt. Eine Kette aufeinander einwirkender Zufälle, von denen der Held nichts wissen kann, wird hier durchexerziert, an deren Ende liegt Daisy, von einem Taxi angefahren, auf der Straße und ihre Bühnenkarriere ist zu Ende. Aber nun beschwört der Film, in dem der Held bedauert, dass sich alles ändert und man nichts festhalten kann, die Liebe als sozusagen ewige Kategorie.
Die komisch-grotesken Szenen werden nun überlagert und verdrängt von Bildern, die das perfekte Glück ausdrücken sollen. Brad Pitt sieht jetzt endlich aus wie Brad Pitt, steckt in einer schicken Lederjacke und fährt Motorrad, und Cate Blanchett sieht ebenfalls aus wie Cate Blanchett, und der Film setzt beide auf Segelboote, an den Strand oder vor Sonnenuntergänge und legt sie auch, dies aber sehr geschmackvoll, zusammen ins Bett. Elegisch-melancholische Gefühle werden nun zelebriert, die Musik, die in dieser Geschichte sowieso immer schwer beschäftigt ist, scheint das Paar behutsam streicheln zu wollen. Und sie seufzt vor sich hin, als das Paar auseinandergeht, ja, wegen der besonderen Umstände auseinandergehen muss.
Auch wenn sich, inmitten ihrer so aufdringlich kalkulierten Emotionalität, ein paar Momente des wahren Gefühls in der seltsamen Geschichte des Benjamin Button finden: insgesamt ist das, was uns Sterblichen hier offeriert wird, doch zu wohlfeil. Wenn in dieser Trostgeschichte nach dem Tod ein Kolibri aufflattert, so als flöge eine Seele in den Himmel, ist das nicht Kunst, sondern Kitsch. Aber vielleicht ist das doch die Geschichte, die gerade gebraucht wird, die vielen Zuschauern ein bisschen hinweghilft über die krisengeplagte Realität. Sozusagen ein weicher Film für harte Zeiten.
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