Stilles Chaos

Eine Auszeit im Park

Rupert Koppold, veröffentlicht am 29.01.2009
Filmbeschreibung
Gerade war Pietro (Nanni Moretti) noch am Meer und ist dort zufällig zum Lebensretter geworden, da rennt ihm die zehnjährige Tochter Claudia entgegen, ruft verzweifelt "Wo warst du Papa?", und neben dem Notarztwagen liegt seine tote Frau. Pietro, ein hagerer Mann um die fünfzig, nimmt den Verlust scheinbar gefasst auf, ist noch mit dabei, als in der Führungsetage der TV-Firma, für die er arbeitet, über eine Fusion diskutiert wird. Dann bringt er seine Tochter zum Unterricht - und bleibt jetzt vor dem Gebäude einfach in seinem Wagen sitzen.

So ist das nun jeden Tag: Pietro richtet sich ein im kleinen Park vor der Schule und wartet, bis Claudia wieder rauskommt. Er sitzt auf der Bank oder vor der kleinen Pavillonbar, beobachtet die junge Frau mit dem Hund, geht auf das Begrüßungsspiel ein, das ein behinderter Junge mit ihm begonnen hat, wird aufgesucht und konsultiert von seiner Schwägerin (Valeria Golino), die von einem verheirateten Mann schwanger ist, oder von Kollegen, die aufgeregt über Intrigen, Verschwörung, Bilanzfälschung berichten. Er selber bleibt merkwürdig ruhig und scheint sein Plätzchen im sommerlichen Mikrokosmos des Parks gefunden zu haben.

Aber der Titel von Antonio Luigi Grimaldis Film, der auf heiter-melancholische Weise von den Auswirkungen einer Tragödie erzählt, deutet schon an: Pietro wurde herausgerüttelt aus seinem Leben, die Auszeit, die er sich genommen hat, sieht nur aus wie eine Ruhephase, in seinem Kopf aber geht alles durcheinander. Als er sich doch mal in eine Art Trauerabeitsgruppe wagt, hört er von einer Psychologin den Satz: "Wir übertragen unsere Gefühle auf unsere Kinder." Und weil er nun ahnt, dass Claudia wohl noch mehr Rücksicht auf ihn nimmt als er auf sie, bricht der Schmerz endlich aus ihm heraus.

Nanni Moretti, der im Jahr 2001 in seinem eigenen Film "Das Zimmer des Sohnes" ebenfalls vom Umgang mit dem Tod erzählt, hat am Drehbuch zu "Stilles Chaos" mitgeschrieben. Die Intensität des Regisseurs Moretti erreicht der Regisseur Grimaldi zwar nicht ganz, aber das liegt natürlich auch daran, dass er dieses Drama bewusst unter einem leichten Komödienton verbirgt. Dass er auch anders kann, direkter und härter, zeigt er am Ende in einer Sequenz, in der Pietro die Frau (Isabella Ferrari) wieder trifft, die er aus dem Meer gerettet hat. Solch lebensgieriger und fast brutaler Sex kommt für den Zuschauer gänzlich unerwartet.
 
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