VVS-Kunden klagen

Alkoholverbot wird kaum kontrolliert

Wolfgang Schulz-Braunschmidt, veröffentlicht am 03.02.2009
Foto: Heiss

Stuttgart - Seit einem Jahr gilt in den Bussen und Bahnen ein Alkohol- und Rauchverbot. Kontrolliert wird von SSB und Bahn aber trotz vieler Beschwerden kaum. "Die Klagen haben zugenommen", heißt es beim Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS).


  Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt

 
Im November musste ein 53 Jahre alter Stadtbahnfahrgast seine Beschwerde über ein zu lautes Musikhandy in der U6 bitter bezahlen: Er wurde von einem 18-Jährigen niedergeschlagen und schwer verletzt. Obwohl solche Attacken in Stuttgart im Vergleich zu anderen Großstädten glücklicherweise noch selten sind, hat der öffentliche Nahverkehr in der Landeshauptstadt ein zunehmendes Sicherheitsproblem.

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Viele Fahrgäste fühlen sich in Bussen und Bahnen inzwischen unwohl oder sogar unsicher. Vor allem abends und nachts können Jugendliche in S- und Stadtbahnen unbehelligt zu Bier- und Wodkaflaschen greifen und im Rausch andere Fahrgäste lautstark bedrohen: "Hey, Alter, was guckst du so blöd?"

"Ich bin es absolut leid, als täglich Busse und Bahnen benutzender Fahrgast vor allem abends vorwiegend Jugendliche anzutreffen, die in S- und Stadtbahnen fressen und saufen und die Füße auf die Sitze legen", beklagte ein VVS-Kunde nach der Novemberattacke die Zustände im Nahverkehr. Die Ängste über solche Missstände werden auch in Leserbriefen an die Stuttgarter Zeitung offen ausgesprochen. "Ich gehöre der älteren Generation an, und viele meiner Freunde und Bekannten gehen abends nicht mehr aus, weil sie befürchten, in den öffentlichen Verkehrsmitteln angepöbelt zu werden. Ein körperlich Schwerstbehinderter, den ich gut kenne, ist erst kürzlich von jungen Leuten so fertiggemacht worden, dass er sich jetzt kaum noch aus dem Haus traut. Er hatte sich nur über die Lautstärke beschwert", heißt es in einem anderen Leserbrief.

Für Fahrgäste, die solche Erfahrungen hinter sich haben, sind die Beteuerungen der SSB, den Aufenthalt für die Kunden so angenehm wie möglich zu gestalten, ein schlechter Witz. Denn das Alkohol- und Rauchverbot der VSS, das seit Anfang 2008 gilt, wird praktisch nicht überwacht. Mit der E-Mail-Antwort, dass "ein neuer Passus in den Beförderungsbedingungen den Konsum alkoholischer Getränke und das Ablegen der Füße auf den Sitzen in Bussen und Bahnen untersagt", versucht der VVS vergeblich, empörte Kunden zu beruhigen. Diese fordern von dem Verkehrsbetrieb endlich wirksame Kontrollen statt rein plakativer Appelle.

Keine schwarzen Sheriffs

"Abends und am Wochenende ist im Nahverkehr mehr Präsenz und Kontrolle nötig", sagt auch Volker Häberlein, Fachmann der Mobilen Jugendarbeit bei der Evangelischen Gesellschaft (Eva). "Es wäre zu begrüßen, wenn Polizei oder Sicherheitsdienste die Situation in S- und Stadtbahnen stärker im Auge hätten." Häberlein stellt sich dabei allerdings keine Knüppel schwingenden schwarzen Sheriffs, sondern geschulte Leute vor. Die sollen eingreifen, wenn es nötig ist, aber vor allem das Gespräch mit potenziellen Störern suchen. "Jugendliche sind einsichtiger, als man glaubt, wenn man sie ernst nimmt und mit ihnen über das richtige Verhalten in Bus und Bahn redet."

Auch die Personalvertretung der städtischen Nahverkehrstochter bemängelt das Sicherheitsdefizit. "Wir würden unseren Wachdienst gern ordentlich aufstocken", sagt der stellvertretende SSB-Betriebsratsvorsitzende Thomas Asmus. Dann könne man vor allem in den Stadtbahnen mehr Präsenz zeigen. "Wegen des von der Stadt Stuttgart verordneten Sparkurses können wir uns aber nicht mehr Sicherheitspersonal leisten."

Auch die Bahn beteuert, bereits alles zu geben: "Wir setzen in den S-Bahnen neben 40 Kontrolleuren zusätzliches Sicherheitspersonal und Streifen der Bundespolizei ein", sagt eine Sprecherin der DB Regio AG. Mehr Mittel für Kontrollen stünden nicht zur Verfügung. Innerhalb des Verkehrs-und Tarifverbundes bleibt das Alkohol- und Rauchverbot damit allerdings weiterhin ein Reizthema. Es liegt im Marketingausschuss des Verbunds seit Herbst vergangenen Jahres auf Eis, weil keine Lösung, sprich kein Geld für mehr Präsenz in Bus und Bahn in Sicht ist.

"Der zunehmende Alkoholkonsum von Jugendlichen ist ein gesellschaftliches Problem", sagt VVS-Geschäftsführer Thomas Hachenberger. Alkohol gebe es schließlich bis in den späten Abend im Supermarkt. In den S- und Stadtbahnabteilen trete dieses Problem dann am deutlichsten zutage, weil Betroffene alkoholisierten Störern kaum ausweichen könnten. Wir sind bereits mit der Bundespolizei, die für Bahnhöfe zuständig ist, im Gespräch", so der VVS-Manager.

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Auch mit den SSB und der Bahn werde man das Thema Sicherheit, Alkohol- und Rauchverbot wieder besprechen. "Wir brauchen in Stuttgart wie in den Landkreisen einen Runden Tisch mit Polizei, Stadt und Verkehrsunternehmen", so Hachenberger. Der Trend im Nahverkehr gehe zu mehr Sicherheitspersonal. "In der Branche wird bei neuen Verträgen viel mehr Wert auf mehr Begleitpersonal gelegt."

Die SSB wollen mehr Geld in das Thema Sicherheit investieren. "Wir möchten den Wachdienst verstärken und dafür deutlich mehr als 100.000 Euro zusätzlich ausgeben", sagt SSB-Vorstandsprecher Reinhold Bauer. Zuvor müsse man allerdings noch prüfen, wie mit dem Geld die beste Wirkung zu erzielen sei. "Sicherer als bei uns fährt man aber auch schon heute nirgendwo."
 
Kommentare
Dr. Obergföll,
20.02.2009 20:12
Durchsetzen von Benehmen in der S-Bahn und auf den Bahnsteigen ist der Deutschen Bahn ein Fremdwort. Rauchen sowieso auf den v.a. mit Kippen und Asche verschmutzen Bahnsteigen. Auch in der S-Bahn Alkohol trinken und auf die Polster etc. schütten ist Nomalzustand nach 18 Uhr und am Wochenende. Umherspucken der Raucher und Säufer sogar im Zug! Laute Musik hören, Schuhe auf die Sessel legen ist üblich. Ganz schlimm ist es auf den Bahnhöfen Ludwigsburg und Cannstatt. Die SSB ist deutlich besser dran, auch sauberer. Aber auch dort muss man sich beschimpfen lassen, wenn man zu besserem Benehmen auf Bahnsteigen und im Zug aufruft. Oft liebe Maul halten, sonst geht es einem wie dem Rentner aus München.
SEPP,
19.02.2009 19:41
Die SSB soll sich lieber erstmal brauchbare Stadtbahn-Waggons anschaffen, denn das aktuelle Wagenmaterial ist eine Schön-Wetter-Bahn. Wenn die Sitze erst nacheinander angeordnet sind, dann gibt es auch keine Füße auf diesen und es haben mehr Leute einen Sitzplatz. Und wenn man eine Reihe weglässt (wie in den Straßenbahnen), dann gibt es auch genügend Stehplätze. Und für diese sollte man auch endlich Haltemöglichkeiten einrichten (was in Straßenbahnen auch irgendwie Standard ist), denn der „Pflicht nach Fahrtantritt sich sofort einen Halt zu verschaffen“ ist gar nicht mal so leicht nachzugehen. Grade in den Morgenstunden.

Edgar Riester,
13.02.2009 15:39
Das rücksichtslose Benehmen Jugendlicher in den öffentlichen Verkehrsmitteln hat nach täglichen Beobachtungen, die ich hier nicht wiedergeben möchte, ein abstoßendes Ausmaß angenommen. Für mich sind die öffentlichen Verkehrsmittel außerhalb der Berufsverkehrszeiten tabu, auch wenn ich mir früher vor jeder Autofahrt wegen der Schadstoffe ein Gewissen gemacht habe. Genauso denken und handeln viele, die resigniert haben. Wer tut sich schon nach einem erbauenden kulturellen Erlebnis am Abend eine mit Ärgernis befrachtete Heimfahrt in den Bahnen an? Ich jedenfalls nicht mehr, auch wenn's mit dem Auto teuerer und für die Luftreinhaltung Gift ist.

Wer von den Verantwortlichen die vergleichsweise geringen Geldsummen für das erforderliche Kontrollpersonal Sanktionen scheut und die beklagten Zustände wegsehend duldet, entwertet unsere mit Milliardensummen ausgebauten Bahnen genauso, wie es rücksichtlose Jugendliche tun.
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