Glaubensfrage

Kampf der Katholiken

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 05.02.2009
Filmbeschreibung
Lachen ist aller Laster Anfang, Fröhlichkeit eine Sünde und Lebhaftigkeit Verhöhnung des am Kreuze hängenden Erlösers. Könnte man jedenfalls glauben, wenn man sieht, mit welchem Raubvogelblick Schwester Aloysius Beaver (Meryl Streep), Rektorin einer katholischen Schule in der Bronx des Jahres 1964, den Schulhof, die Flure, die Kinderscharen überwacht. Und wie hart sie straft, wenn einer aus der stillen Reihe tanzt.

"Glaubensfrage" vom Regisseur John Patrick Shanley scheint uns anfangs etwas zu zeigen, das wir schon als Terrorregiment verdammen möchten. Er lässt auch einen neuen Schulgeistlichen auftreten, Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman), der sehr viel liberaler, herzlicher, heiterer als die Rektorin wirkt. Flynn hat zur Kenntnis genommen, dass die Gesellschaft sich ändert, und er glaubt nicht, dass die Kirche sich von Gott entfernt, wenn sie ein wenig auf die Menschen und deren Alltag zugeht.

Was, so fragt man sich bei diesem solide inszenierten Kulturkampf zwischen Rektorat und Sakristei, mag Shanley wohl getrieben haben, uns diesen Kampf von gestern noch einmal vorzuführen? Die Sympathien scheinen klar verteilt, und die streng gewahrte Fassade der Funktionsträger an der Schule wenig dazu geeignet, uns Neues über das Innenleben der ideologisch so klar verortbaren Figuren erfahren zu lassen.

Aber dann passiert doch etwas, das die Zuordnungen und Grenzlinie durcheinanderbringt. Pater Flynn entwickelt eine Nähe zu einem schwarzen Schüler, die Schwester Aloysius Beaver höchst verdächtig vorkommt. Schaut man misstrauisch hin, wirkt diese Berührung aufdringlich, jener Blick stierend, das eine Tun verstohlen, das andere verschwitzt. Dann sind wir in "Glaubensfrage" mittendrin in der Missbrauchsanklage. Aber wir sind gar nicht sicher, ob da einem unbeherrschten Pädophilen im Gewand des keuschen Hirten couragierter Widerstand entgegenschlägt. Oder ob da eine mehr oder weniger kalkulierte Intrige einen unliebsamen Störenfried zu Fall bringen soll.

Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman schenken einander nichts. Sie spielen zwei Figuren, die hinter Floskeln und Grimassen der Milde und der Demut schon lange ihre innersten Gefühle und Gedanken zu verbergen gelernt haben. Auch wenn sie einander anschreien, können wir nie sicher sein, ob Flynn und Beaver Empörung und Wut nicht zügeln können oder nur als passendes Werkzeug einsetzen.

Shanley ist kein Meister der subtilen Inszenierung. Wenn er die Kamera kippt, um zu zeigen, dass hier eine Welt aus den Fugen gerät, dann tut er eindeutig zu viel des Guten. Und wenn entscheidende Gespräche von einem plötzlich heraufziehenden Unwetter untermalt werden, dann könnte die Szene von Snoopy auf dem Dach seiner Hundehütte getippt worden sein. Aber in der Konfrontation der frommen Widersacher, die eventuell beide lügen und tricksen, liegt doch eine große Verstörungskraft. Kippen hier die Werte, wird die harsch Züchtigende die Hüterin der Kinder, und entpuppt sich der sanfte Liberale als deren Peiniger?
 
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