Frost/Nixon

Rededuell in vier Runden

Rupert Koppold, veröffentlicht am 05.02.2009
Filmbeschreibung
"Es ist ein Duell, knallharte Bandagen", sagt im Jahr 1977 der Expräsident Richard Nixon zu dem englischen TV-Moderator David Frost, der ihn interviewen wird. Drei Jahre vorher musste Nixon wegen der Watergate-Affäre zurücktreten, aber eine Entschuldigung, gar eine Beichte wegen seines kriminellen Fehlverhaltens ist ihm nicht über die Lippen gekommen. Und er wird, davon sind er und seine Berater überzeugt, auch diese Fernsehgespräche zur eigenen Rechtfertigung nutzen. Denn so sehr Nixon (Frank Langella) dem TV-Mann auch droht: er nimmt ihn nicht wirklich ernst, er glaubt das, was ihm auch sein Adlatus Jack (Kevin Bacon) versichert: "Das wird ein Spaziergang!"

Und so wie Michael Sheen diesen Interviewer spielt, muss Nixon auch nichts befürchten. Frost tritt hier auf wie eine ungute Mischung aus David Copperfield und dem jungen Jack Nicholson, ein geckenhaft gekleideter Medienfuzzi, ein dauerlächelnder und geschniegelter Sonnyboy, ein selbstverliebtes Leichtgewicht. Und diesem Frost, der noch während des Flugs in die USA eine junge Frau (Rebecca Hall) anquatscht und auch gleich zum ersten Vorgespräch mit Nixon vorbeibringt, soll es gelingen, aus Tricky Dick ein Schuldbekenntnis herauszulocken? Denn genau das ist es, was nicht nur die beiden amerikanischen Frost-Mitarbeiter (Oliver Platt, Sam Rockwell) wollen, sondern auch die ganze amerikanische Nation.

Die vierteilige Interviewserie hat damals tatsächlich TV-Geschichte geschrieben, sie ist auch längst eingegangen in die US-Historie. Diese Sendungen und die Vorgänge um sie herum wurden später von Peter Morgan zum Theaterstück "Frost/Nixon" verarbeitet, das der Regisseur Ron Howard nun fürs Kino adaptiert und dessen Broadway-Besetzung der Titelfiguren er gleich mitübernommen hat. Im großen Kinoformat kämpft Richard Nixon also noch einmal gegen David Frost, über den im Film mal gesagt wird, er habe keine besondere Begabung, sei aber "eine stilprägende Person unserer Zeit".

Interpretiert und zugespitzt

Diese Geschichte macht ihren Frost aus dramaturgischen Gründen allerdings ein bisschen kleiner, als der echte wirklich war. Frost hatte in Cambridge Englisch studiert und einen brillanten Abschluss hingelegt, eine Profikarriere als Fußballer ausgeschlagen, sich als Kabarettist einen Namen gemacht, war beim Fernsehen steil nach oben gestiegen und hatte dort unter anderem die Karriere von John Cleese angestoßen, der ihn später bissig parodiert hat. Und Frost (der heute für Al-Dschasira arbeitet!), hatte vor diesem Jahr 1977, in dem ihn der Film zunächst als unbekümmerten Entertainer führt, auch schon einige Interviews mit Politikern der Schwergewichtsklasse geführt.

Aber "Frost/Nixon" darf man eben nicht als Dokumentation sehen, es ist ein Spielfilm, der sich seine Freiheiten herausnimmt und die tatsächlichen Ereignisse und die an ihnen beteiligten Personen auf seine Weise interpretiert und zuspitzt. Wenn Nixon im Film, kurz bevor die TV-Kameras starten, seinen Interviewer fragt, ob der es gestern Abend im Hotel noch mit seiner Freundin "getrieben" habe, um Frost aus der Fassung zu bringen, dann verbürgt sich der Film nicht für diese Szene. Man soll sie akzeptieren als seine Vermutung: So könnte es gewesen sein.

Vor den Interviews selbst aber hat auch der Film schon begonnen, Frost aus der Fassung zu bringen. Dessen penetrant gute Laune erscheint langsam als unheimlich, er hat schließlich so viel eigenes Geld in den Fernsehvertrag mit Nixon gesteckt, dass seine ganze Karriere auf dem Spiel steht. Und während sein Team sich auf das Duell vorbereitet, klappert Frost noch immer die Chefs von TV-Sendern ab, um ihnen sein Nixon-Produkt zu verkaufen. Und einmal reißt die Frost'sche Maske dann auch kurz auf und gibt den Blick frei auf ein Gesicht, in dem sich erste Selbstzweifel abzeichnen.

Dann feuert Frost vor laufender Kamera seinen ersten Schlag ab, fragt Nixon entgegen der vorherigen Absprachen, warum er die Watergate-Bänder eigentlich nicht vernichtet habe. Nixon zögert kurz, er scheint darüber nachzudenken, ob er die ganze Sache abblasen soll, aber es siegt seine Kämpfernatur, er nimmt die Herausforderung an. Seit er im ersten Anlauf als Präsidentschaftskandidat gegen Kennedy verlor - weil ihm beim TV-Streitgespräch der Schweiß auf der Oberlippe stand! -, hat er dazugelernt und ist zum Medienprofi geworden. Die erste Runde im Duell mit Frost, das nun der Dramaturgie eines Boxkampfs folgt, geht an ihn.

Und Nixon kontert weiter, weicht aus, duckt ab, reißt das Gespräch immer wieder an sich und lenkt es auf sein Terrain. Da können die Coachs von Frost in den Pausen noch so sehr auf ihren Mann einreden, auch Runde drei und vier gehen klar verloren. Aber schon bevor es in die letzte und entscheidende Runde geht, erreicht dieser spannend-unterhaltsame und exzellent gespielte Film seinen Höhepunkt.

Ein nächtlicher Anruf

Spätnachts im Hotel wird Frost von Nixon angerufen, auf dessen Nachttisch - die Kamera weist dezent darauf hin - Whiskygläser stehen. Der angeschickerte Nixon spricht zu dem ungläubig zuhörenden Frost von Seelenverwandtschaft, davon, dass sie beide Aufsteiger seien ("Immer fühlen wir uns als kleine Männer!"), nicht wirklich anerkannt würden von den "feinen Pinkeln". Mehr und mehr entblößt sich der Expräsident in diesem Monolog, und als er dies ahnt, fügt er schnell noch eine Drohung an und legt auf.

In diesen Momenten, die keine Dokumentarkamera erfasst hat, glaubt man Nixon zu erkennen. Aber in diesen Momenten denkt man auch - und noch mehr als sowieso schon - , an den anderen Expräsidenten, den viele gern vor einem Gericht sehen würden oder zumindest bei einem Interview, das sich am Ende als Tribunal herausstellt. Doch, doch: "Frost/Nixon" ist auch ein Film zum Ende der schrecklichen Ära George W. Bush.
 
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