So bunt wie im Wimmelbuch

Jungarchitekt will Österreichischen Platz aufheitern

Ulla Hanselmann, veröffentlicht am 19.02.2009
Foto: Rudel

Stuttgart - Dass der Österreichische Platz dem Passanten einmal ein Lächeln auf die Lippen zaubern könnte, ist ein verwegener Gedanke. Der Ort ist malträtiert wie wohl kein zweiter in Stuttgart: Schon in den Sechzigern wurde das tiefer gelegte Rund zum Parkplatz degradiert; seitdem nehmen es Hauptstätter Straße und Paulinenstraße in die Zange. Zwischen den Betonpfeilern der Paulinenbrücke, die den Platz zerstampfen, riecht es nach Urin - wer dort ist, schaut, dass er schnell wieder wegkommt. Ein Lächeln? Undenkbar.


  Von Ulla Hanselmann

 
Für diesen Unort hat nun der Stuttgarter Architekt Lars Behrendt eine fröhliche Architekturfantasie gesponnen: einen temporären Turm, der das Kunststück fertigbringen könnte, die Stuttgarter am Österreichischen Platz tatsächlich zum Lächeln zu bringen. Dafür stapelte der frischgebackene Planer in seiner Diplomarbeit 55 gebrauchte Schiffscontainer übereinander. Die 15 und 30 Quadratmeter großen Stahlbehälter, um die sich ein Treppenband schlängelt, fügt Behrendt auf zwölf Geschossen mal zu beschaulichen Nischen zusammen, mal lässt er sie zu luftigen Terrassen auskragen.

Vom Bürgerbüro bis zum Bordell

Die Räume, die in dem öffentlich zugänglichen Gebilde entstehen sollen, möchten "zum Verweilen, Nachdenken und Entspannen" einladen, sagt Behrendt, der sein Architekturstudium an der Universität Stuttgart absolvierte. Die Containerkonstruktion erlaube einen schnellen und kostengünstigen Auf- und Abbau, allenfalls für fünf bis zehn Jahre solle sie, so die Vision, den Österreichischen Platz aufheitern, so lange bis hoffentlich grundlegend umgeplant werde.

Als Nutzer stellt sich der 28-Jährige eine kunterbunte Mischung vor: So könnten die Überseecontainer ein Bürgerbüro genauso beherbergen wie ein Bordellzimmer; einen zweigeschossigen Park mit Blumenwiese soll es geben, einen "Wellenbadcontainer" mit Sonnendeck sowie beispielsweise einen Hotelcontainer mit Schlafkabinen, wie sie die Japaner kennen. Die Mieter sollen dabei ihre Stahlkisten individuell gestalten können. Ganz oben, so die ursprüngliche Idee, thront die gläserne Lottokugel zur Ziehung der Lottozahlen, die dem Turm seinen Namen gibt. Doch von diesem Detail seines Entwurfs musste sich der junge Planer schon verabschieden. Seine Recherchen hätten inzwischen ergeben, dass die Lottokugel nicht nach Stuttgart umziehen könne.

Traum vom "Wahrzeichen der Stadt"

Dennoch: "Der Lottoturm könnte den Platz wieder ins Leben zurückholen und die angrenzenden Viertel aufwerten", glaubt Behrendt. Keine Frage, dass seine anarchische Eventarchitektur das Zeug dazu hätte, auch wenn sie nicht gleich zum neuen "Wahrzeichen der Stadt" avanciert, wie es sich der ehrgeizige Berufsanfänger erträumt. Sein alternatives Hochhaus ließe sich aber als Zeichen dafür werten, dass es noch ein anderes Stuttgart jenseits von Prestigeprojekten wie Stuttgart 21 gibt - ein freches, überraschendes, das der "Rationalität und biederen Gediegenheit der Stadt", wie es auf der Webseite www.lotto-turm.com heißt, ein Schnippchen schlägt.

Auch wenn der Architekt sein Turmmodell mit bunten Knetmännchen bestückt hat und sich wünscht, dass es dort so viel zu entdecken gibt, wie in den Kinder-Wimmelbüchern von Ali Mitgutsch - eine kindliche Spielerei soll der Lottoturm nicht bleiben. Derzeit klappert der Jungentwerfer in der Stadt mögliche Förderer und Partner für sein 1,2-Millionen-Euro-Projekt ab, sucht nach Investoren und Sponsoren - und er ist überrascht über das Wohlwollen, das ihm entgegenschlägt, wie er sagt.

"Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt" - die berühmte Zeile aus dem Pippi-Langstrumpf-Lied hat Lars Behrendt seiner Diplomarbeit vorangestellt; in Form von Leuchtbuchstaben soll sie vom Lottoturm weithin über Stuttgart strahlen. Er hält sie für einen "schönen Vorsatz für einen Architekten". Recht hat er.
 

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