Der Vorleser

Die Liebe zu den Schuldigen

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 26.02.2009
Filmbeschreibung
Was sind das nur für Menschen dort unten auf der Anklagebank? Das ist die distanzierende Frage, die wir auf den Gesichtern der Zuschauer des Frankfurter Prozesses gegen das Wachpersonal von Auschwitz lesen. Diese da sind anders als wir, haben Grausiges jenseits allen Verständnisses verbrochen. Es müssen also Bestien sein, die nichts mit uns, die wir uns nun besonders unschuldig fühlen können, gemein haben. In Stephen Daldrys Verfilmung von Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" sitzt ein junger Jurastudent mit auf dem Zuschauerbalkon, dem diese Distanzierung verwehrt ist.

Michael Berg (als junger Mann gespielt von David Kross, in Szenen aus dem späteren Leben von Ralph Fiennes) kennt eine der Angeklagten gut. Diese Hanna Schmitz (Kate Winslet, gerade mit dem Oscar für diese Rolle belohnt), um einiges älter als Michael, war seine erste große Liebe. Mit ihr hat er in einem Alter Sex gehabt, in dem auch die Großmäuligeren seines Jahrgangs wohl nur mit roten Ohren im Biologiebuch durch die Bildtafeln der weiblichen Anatomie geblättert haben. Aber gerade weil sich Hanna sonst sehr seltsam benommen hat, weil sie in vielem im Wortsinn eigenartig war, war die Beziehung intensiv.

Die kenne ich gut, die habe ich geliebt - diese Haltung, die Michael sich nicht aussucht, sondern die ihm zugewachsen ist, zeigt Daldrys Film zunächst einmal. Aber wer misstrauisch sein will, der nimmt leichte Justierungen vor. Der will die Haltung "Du bist und bleibst liebenswert" sehen und damit eine Verringerung der Schuld, die Hanna auf sich geladen hat. Der unterstellt Daldry auch gleich, diese Gesinnung nicht zu zeigen, sondern zu propagieren. Der nimmt mit Erbitterung zur Kenntnis, dass der Film einen Justizirrtum zeigt.

Hanna macht eine besonders schlechte Figur vor Gericht, sie wirkt trotzig, verlogen, unkonzentriert in ihren Ausflüchten, kaltschnäuzig, wenn man sie mit Dokumenten konfrontiert. Aber Hanna - das ist die vermeintliche Schande, die ihr Leben und auch die Beziehung zu Michael geprägt hat - kann nicht lesen. Sie hat das immer wieder zu vertuschen versucht, sie hat sich mit der Findigkeit der verschämten Analphabeten durchgemogelt und hat hie und da etwas unterschrieben, das sie gar nicht aufnehmen konnte. Sie nimmt auch jetzt vor Gericht lieber all die Schuld auf sich, die Mitangeklagte bei ihr abladen, als einzugestehen, dass sie verständnislos vor bedrucktem Papier sitzt wie ein kleines Kind.

Kritiker der international erfolgreichen Romanvorlage - nicht viele deutsche Werke der neueren Zeit tragen dieses Etikett - und Kritiker des Films deuten den Analphabetismus Hannas als Ungeheuerlichkeit. Als behaupteten ein deutscher Romanautor und nun eine deutsch-amerikanische Filmproduktion mit englischem Regisseur, der Nationalsozialismus sei ein Missverständnis gewesen, der Holocaust der Ausrutscher von Menschen, die gar nichts Böses wollten, aber in eine dumme Situation gerieten.

Tatsächlich findet sich im ganzen Film nichts, das Hanna, ihre Motive, ihre Erfahrungen, ihren Umgang mit den eigenen Erinnerungen wirklich erklärt. Daldry ("Billy Elliott", "The Hours") stellt routiniert ein muffiges Nachkriegsdeutschland vor uns hin, das fast noch ein Nazideutschland ist. Er will nicht nach draußen blicken, sondern nach drinnen, in Hannas enge Wohnung, er nimmt willig Michaels Perspektive ein: Wann zieht diese Frau endlich ihre Bluse aus? Nichts ist wichtig außer dem Hier und Jetzt. Die Vergangenheit soll ruhen.

Aber diese Isolation der ungleichen Liebe, diese Verschlossenheit von Hanna und die anhaltende Bindung von Michael kann man eben auch ganz anders deuten. Nämlich als große Illustration von Mitverantwortung, nicht als Verkleinerung der Schuld. Die Täter waren eben nicht alle und durch und durch Bestien, sie waren Menschen, die uns im Alltag nicht oder vielleicht sogar positiv aufgefallen wären. Und wenn sie uns so fremd nicht sind, wenn wir sie lieben können, dann hätten wir eventuell auch so handeln können wie sie. Bernhard Schlinks Roman und Stephen Daldrys Film erzählen davon, dass die Psyche der Täter noch immer nicht ganz und gar ergründet ist und dass es darum kein Profil des Nichttäters gibt, das wir für uns in Anspruch nehmen können.

Gewiss, wenn der Richter (Burghart Klaußner) die Angeklagte Hanna anfährt, dann ist die historische Situation umgedreht. Dann steht nicht eine fast hilflose Fraktion der Aufklärungswilligen vor dem dreisten Trotz der Schuldigen ohne Schuldbewusstsein. Dann lebt ein intellektuell überlegener Vertreter der richtenden Nachkriegszeit seine Empörung aus, ohne zu merken, dass ihm Grundlegendes entgeht. Aber auch dieses heikle Bild hat eine äußerst interessante Komponente. Es zeigt das intellektuelle Gefälle zwischen der kritischen demokratischen Elite und dem Fußvolk der (Neo-)Nazis. Und plötzlich erscheint das dreiste Einigeln in obszöner Ideologie wie die Schreckstarre von Menschen, die einfach nicht begreifen, was man von ihnen verlangt.
 
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