35 Rum

Das Leben im Pariser Vorort, sanft und poetisch geschildert

Ulrich Kriest, veröffentlicht am 05.03.2009
Filmbeschreibung
Die eigentliche Sensation gleich vorweg: Claire Denis' neuer Film "35 Rum" kommt bei uns in die Kinos - acht Jahre nach dem viel beachteten Fremdenlegionärsfilm "Beau Travail" und im Gegensatz zu ihren so meisterlichen wie irritierenden Filmen "Trouble Everyday", "Vendredi soir" oder "L'Intrus", die es nur auf Festivals oder ins Fernsehen schafften. Auch "35 Rum" ist meisterlich und irritierend, ja, geradezu ein mysteriöser, weil eher beobachtender denn erzählender Alltags-Abenteuerfilm, ein Roadmovie auf S-Bahn-Schienen, das von Geborgenheit, aber auch vom Mangel und vom Eingesperrtsein in einem ritualisierten Alltag erzählt.

Ganz sanft und poetisch entwickeln Claire Denis und ihre ständige Kamerafrau Agnes Godard einen Mikrokosmos von Beziehungen rund um den Pariser Place de Guadeloupe, folgen den Figuren an ihren Arbeitsplatz, in Bars und in ihre Wohnungen. Paris ist in diesem Fall eine Metropole ohne Zentrum; der Film beschränkt sich auf die Vororte. Allmählich erfahren wir etwas über die zumeist kreolischen Figuren: den Lokführer Lionel (Alex Descas), seine Tochter Josephine (Mati Diop), die Taxifahrerin Gabrielle (Nicole Dogue), Josephines Freund Noé (Gregoire Colin) - und noch ein paar Menschen mehr, die den Protagonisten mitunter nur flüchtig begegnen.

Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Vater und Tochter, die kurz davor steht, sich abzunabeln. Alles, was uns gezeigt wird, ist nicht besonders glamourös, aber auch nicht trist, keine Spur vom üblichen Banlieue-Elend mit Drogen, Gewalt und Hip-Hop. Man hat sich eingerichtet im Vertrauten. Lionel bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: "Eigentlich ist hier alles gut. Warum woanders danach suchen?" Ein wenig erinnert die flaneurhafte und wortkarge Schilderung sozialer Räume an Abdellatif Kechiches grandiosen Film "Couscous mit Fisch", weil sich auch Claire Denis erzählerisch alle Freiheiten des Auslassens, der Reduktion, nimmt. Immer wieder werden Konstellationen etabliert, die einen bestimmten Fortgang der Geschichte erwarten lassen - und gerade das Erwartbare wird dann verweigert.

Es gibt Tagträume, die vielleicht Erinnerungen sind, und Szenen, die einfach nur für sich stehen und sich nicht um den Fortgang der Geschichte(n) kümmern. Und es gibt Informationen, die immer geheimnisvoller werden, wenn etwa Lionel in einer Bar ein Buch zurückbekommt, das er offenbar vor langer Zeit verliehen hatte. Es handelt sich um die französische Übersetzung von Fritz Zorns "Mars". Ein andermal wird von einer Franz-Fanon-Lektüre erzählt. Gezeigt werden auch Demonstrationen gegen die Schließung eines Instituts für Anthropologie.

Schließlich brechen Vater und Tochter zu einer Reise auf, die nach Lübeck und Travemünde führt, wo sie Lionels Schwägerin (Ingrid Caven) treffen. Deutsche Kritiker haben diese Volte des Films verlacht, weil es bei der Wahl des Drehortes zweifelsohne um das Einsacken von regionalen Filmfördermitteln ging. Aber für das französische Publikum könnte die Lübecker Altstadt und auch die hier erstaunlich stürmische Ostsee exotisch sein, Aufbruch und Befreiung von der Enge am Place de Guadeloupe. Die Schwester von Josephines Mutter spricht von Lebensentwürfen, von Träumen, von der Gier nach dem kleinen Glück. Die titelgebenden 35 Rum trinkt man natürlich nur, wenn etwas ganz Außergewöhnliches geschieht, zum Beispiel am Ende dieses Films, das diese Gemeinschaft gestärkt zeigt.
 
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