Winnenden - Was war Tim K. für ein Mensch? Welche Motive stehen hinter seiner Tat? Ein ehemaliger Freund schildert den Amokläufer als Waffennarr und Angeber. Das Verhältnis zu seinem Vater, dem Unternehmer Jörg K., war angespannt.
Von Frank Buchmeier und Robin Szuttor
Über Tote redet man nicht schlecht. An diese Benimmregel halten sich die meisten der 3000 Einwohner von Weiler zu Stein, auch wenn es in dem Fall um einen 17-jährigen Nachbarsjungen geht, der 15 Menschen kaltblütig ermordet hat, bevor er sich erschoss. Als schüchtern, freundlich und unauffällig wird Tim K. beschrieben. Man will nichts Verdächtiges beobachtet haben.
Doch es gibt auch andere Stimmen. Michael V. wohnt nur einen Steinwurf vom großzügigen Einfamilienhaus der Familie K. entfernt. Er kennt Tim von Kindesbeinen an, hat mit ihm zeitweise die Albertville-Realschule in Winnenden besucht. Jahrelang seien sie gute Freunde gewesen, sagt Michael V: "Aber irgendwann ist er heftig draufgekommen." Tim K. habe gerne gleichaltrige Jungen zu sich nach Hause eingeladen und mit dem geprotzt, was er besaß. "Tim wurde immer mehr zum Angeber", sagt Michael V.
Tim hielt sich nicht an die Regeln
Bei Videoabenden habe er Horrorfilme gezeigt und am liebsten zu jenen Szenen gespult, die besonders schaurig waren. Mindestens zwei Dutzend sogenannter Softairpistolen und -gewehre habe er besessen, sein Vater habe für ihn Waffen im Internet bestellt, die nur an Volljährige abgegeben werden. Auf dem Spielplatz in Weiler habe man sich getroffen und mit Plastikkugeln beschossen. Tim habe sich aber nicht an die ausgemachten Regeln gehalten und Waffen benutzt, "die richtig weh taten". Nach und nach hätten viele Jugendlichen im Dorf den Kontakt zu dem eigentümlichen Unternehmersohn abgebrochen. Auch Michael V.
Seit Donnerstag ist offiziell bekannt, dass Tim K. die Waffenleidenschaft von seinem Vater übernommen hat. Der Fabrikant Jörg K. ist Mitglied im Leutenbacher Schützenverein. Er hat seinen Sohn regelmäßig auf die Anlage mitgenommen und ihn dort angeleitet. Im Keller des Wohnhauses in Weiler zum Stein installierte Jörg K. eine eigene Schießbahn, auf der Tim täglich seine Treffsicherheit trainieren konnte. Zudem saß der Jugendliche stundenlang vor dem Computer bei Gewaltspielen wie "Counter Strike" und "Tactical Ops", in dem Terroristen gegen Spezialkräfte der Polizei kämpfen. Auch Pornofotos entdeckten die Ermittler auf der Festplatte.
Reale erotische Erfahrungen hat der 17-Jährige, der eine jüngere Schwester hat, offenbar nicht gesammelt. Zwar sei er, so teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit, an einem Mädchen interessiert gewesen. Aber es wurde nichts daraus. Möglich ist, dass sich die Erfolglosigkeit beim anderen Geschlecht auf seine Tat ausgewirkt hat: In der Albertville-Realschule tötete Tim K. acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen.
Auf die Tatwaffe konnte er jederzeit zugreifen
Durch ein Schreiben des Kreiswehrersatzamtes ist belegt, dass Tim K. unter Depressionen litt. Im vergangenen Jahr war er fünfmal als Patient ambulant in der Psychiatrischen Klinik Weißenhof in Weinsberg. Anschließend sollte er sich in Winnenden weiterbehandeln lassen, was er aber nicht tat. Erst am Tag des Massakers tauchte er bei seiner Flucht vor dem Zentrum für Psychiatrie auf und erschoss einen Mitarbeiter der Klinik. Ein Zufallsopfer?
Auf die Tatwaffe, eine silberne Beretta, konnte Tim K. jederzeit zugreifen. Die Pistole bewahrten seine Eltern im Schlafzimmer in einer Schublade auf. Bereits vor zwei Jahren präsentierte er sie stolz seinem damaligen Freund Michael V. Die Staatsanwaltschaft nimmt an, dass Tim K. auch die Zahlenkombination für den Tresor kannte, in dem sein Vater die übrigen Waffen aufbewahrte. Nur so ist zu erklären, dass er bei seinem Amoklauf fast 250 Patronen bei sich trug. Weitere 4600 Schuss Munition fanden die Polizeibeamten in seinem Elternhaus.
Jörg K., der Vater, ist Mathematiker und erfolgreicher Unternehmer. Seine Firma hat 150 Mitarbeiter, ist auf Verpackungen spezialisiert und feierte kürzlich ihr 25-jähriges Bestehen. Nach seiner Mittleren Reife unterschrieb Tim K. einen Ausbildungsvertrag im elterlichen Betrieb, der kurz darauf aus unbekannten Gründen wieder gelöst wurde. Stattdessen meldete er sich im September 2008 auf einer privaten kaufmännischen Schule in Waiblingen an. Seine Noten waren schlecht. Immerhin, im vergangenen Jahr wurde Tim K. Vierter bei der Deutschen Meisterschaft im Armdrücken und für diese Leistung vom örtlichen Bürgermeister geehrt. Eines von wenigen Erfolgserlebnissen.
Talentierter Tischtennisspieler
Jahrelang galt Tim K. als ein sehr talentierter Tischtennisspieler. Von 2004 bis 2007 spielte er beim TTV Erdmannhausen, kräftig unterstützt von seinen Eltern. Jörg K. saß im Vorstand, Ute K. war Vereinskassiererin. Wenn der Sohn gewann, wurde er von seinem Vater mit Geldgeschenken belohnt, bei Fehlern wurde er hingegen heftig kritisiert. "Tim hat meistens introvertiert gewirkt", erinnert sich der Vereinsvorsitzende Joachim Weber, "aber er konnte auch sehr aufbrausend sein."
Nach Niederlagen hätten sich Vater und Sohn oft angeschrien. Nachdem der Klub in finanzielle Schwierigkeiten gekommen war und sich keinen Profitrainer mehr leisten konnte, trat die Familie geschlossen aus. Tim K. wechselte zum TV Oeffingen. Sein letztes Spiel bestritt er am 7. März. Es endete mit einer 2:9-Schlappe.
Achtzig Stunden später sitzt Tim K. mitten in der Nacht an seinem Computer. "Alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial", schreibt er laut der Polizei in einem Internetchat. "Ich habe Waffen hier und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen." Er macht seine Ankündigung wahr. Abends, als es im Gottesdienst 16 Tote zu betrauern gibt, erzählt ein zwölfjähriges Mädchen einem Reporter, dass Tim K. ihr kürzlich einen Brief gezeigt habe. "Er schrieb an seine Eltern, dass er leidet und nicht mehr weiter kann." Mitschüler hätten sich über ihn lustig gemacht, die Lehrer hätten ihn ignoriert.
12.03.2009 - aktualisiert: 13.03.2009 08:36 Uhr