Medienansturm in Winnenden

Auf der Jagd nach Bildern und O-Tönen

Harald Beck, Christine Pander und Thomas Schwarz, veröffentlicht am 13.03.2009
Foto: AP

Winnenden - Die Nachricht vom Amoklauf hat massenhaft Journalisten nach Winnenden gelockt. Sie haben gefilmt, gefragt und fotografiert-und sich dabei nicht immer um die Trauer der Bürger gekümmert. Und ein Opfer, der Fahrer des Amokschützen, macht seine Geschichte jetzt zu Geld.


  Von Harald Beck, Christine Pander und Thomas Schwarz

 
Der mediale Ausnahmezustand hinterlässt in Winnenden inzwischen deutliche Spuren. Nicht nur unter den Eltern und Schülern am Schulzentrum an der Albertviller Straße mehren sich die Stimmen derer, die sich über die Belästigung durch Kamerateams oder zudringliche Befrager beschweren. "Keine Presse", so stand es schon am Tag nach der Tat deutlich auf einem Plakat zu lesen, das im Lessing-Gymnasium ans Fenster gehängt worden war.

Erster Unmut schon bei der Trauerfeier

"Lasst mich in Ruhe", forderte eine Schülerin einen Kameramann entnervt auf, der ihr auf die Pelle rückte, als sie am Rand des Schulhofs in Ruhe eine Zigarette rauchen wollte. Und so manchen, der einfach einen Blumenstrauß, eine Kerze oder einen Brief am Andachtsplatz vor der Albertville-Realschule ablegen wollte, störte der Medienrummel rundum sichtlich. "Die Hinterbliebenen haben ein wesentliches Anliegen", sagt Annette Kull, die Koordinatorin der Notfallmaßnahmen des Roten Kreuzes, "sie wollen nicht in der Öffentlichkeit erscheinen."

Erste Unmutsäußerungen über penetrante Medienvertreter hatte es bereits am Mittwochabend vor der Trauerfeier in der Sankt-Borromäus-Kirche gegeben. Mehrere Besucher forderten laut "Presse raus" und "Kameras raus". Als die Andacht begann, verließen sämtliche Fotografen die Kirche, nur ein Kamerateam filmte weiter. Vor der Kirche parkte ein Übertragungswagen in der Blumenrabatte des Gotteshauses.

Aber es gibt auch jene, die es in die Medien drängt. "Bist du vom Fernsehen", wird ein Mitarbeiter unserer Zeitung gefragt, "ich kann dir erzählen, was du brauchst." Einer von diesen scheint auch Hans K. (Name geändert) zu sein. Er ist ein Mensch, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Sein Sharan ist zum Fluchtauto des Todesschützen von Winnenden geworden. Und er selbst zum unfreiwilligen Chauffeur des Amokläufers. Weil er umsichtig reagiert hat, hat er Schlimmeres verhindert.

Die Geschichte gibt es nur gegen Geld

Jetzt warten alle gespannt auf seine Geschichte. Diese hätte es am Freitag in Göggingen eigentlich bei einer Pressekonferenz geben sollen. Kurz vor elf gab es deshalb in dem beschaulichen Göggingen im Ostalbkreis einen Medienauflauf, wie ihn dort wohl nie jemand erwartet hätte. Doch es fand keine Pressekonferenz statt: Die Geschichte gibt es nur gegen Geld.

Hans K. wohnt hinter weißen Rüschengardinen eines zitronengelben Hauses. Dort wird am Freitag knallhart verhandelt. Stundenlang. Rein kommt nur, wer etwas zu bieten hat. Ganz früh am morgen ist die "Bild" vor Ort, dann CNN, das ZDF, die ARD, "Spiegel online", die Agentur AP, ein Team eines privaten Fernsehsenders. Sie stehen im Regen und - warten. Darauf, dass der Herr vom Weißen Ring die Presseanfragen ins Haus trägt. Der ehemalige Hauptkommissar hat die Funktion des Vermittlers übernommen. Seine Handynummer ist an diesem Tag Gold wert: Wer sie kennt, ist einen Schritt weiter.

Scheckbuchjournalismus, Survival of the fittest - das sind Begriffe, die draußen im Nieselregen fallen. Die Geschichte des Helden wird zur Geldangelegenheit. 1000 bis 20.000 Euro könnte die Geschichte wert sein, vermuten die, die schon Ähnliches erlebt haben. Das Fernsehteam von CNN verlässt früh den Ort. Ein Team eines privaten Fernsehsenders, so erzählt man sich, sei mit einem Blumenstrauß und einer Tüte Berlinern angekommen. Dann hätten sie geklingelt. Kurz darauf hätten sie die Berliner unter den Kollegen verteilt und seien abgefahren. Drinnen sei nur der "Stern".

Beckmann-Team am Telefon

Außerdem habe sich das Team von Beckmann telefonisch in die Verhandlungen eingeschaltet. Eine Kooperation der beiden Pressevertreter wird vermutet. Das habe es schließlich damals im Fall der Susanne Osthoff auch schon gegeben.

Gegen 14 Uhr verschwinden zwei Beamte in Zivil über eine Hintertür im Haus. Die Journalisten schälen sich aus den Autos. Einer weiß inzwischen, dass das Beckmann-Team vorankomme in den Verhandlungen. Niemand redet darüber, ob er mitbietet. Die Beamten kommen aus dem Haus und warnen: Die Familie fühle sich belästigt, die Presseleute sollten gehen. Nach immer ist der "Stern"-Mitarbeiter im Haus. Einer erfährt, das Team Beckmann habe das Rennen gemacht. Fast alle Kollegen fahren weg. Die Geschichte bleibt unerreichbar hinter den Rüschchengardinen im zitronengelben Haus.
 
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