Schwäbisch-ostdeutsche Biografien (1)
Sonnenseiten des Sozialismus
Frank Buchmeier, veröffentlicht am 16.03.2009
Gerlingen/Leipzig - Im Herbst 1959 marschiert die Werbetruppe der Kreisparteileitung ein. Der große Bruder Sowjetunion hat es vorgemacht, nun müssen auch die kleinen Bauern in Ziegelroda dran glauben. Ihr Vieh wird kollektives Eigentum, die Zukunft gehört der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. "Es war eine beklemmende Situation, ein traumatisches Erlebnis", erzählt Christa Fischer. Sechs Jahre war sie alt, als die realsozialistische Ordnungsmacht in ihrem Heimatdorf einfiel und ihrer Familie die Kühe, die Schweine und die Pferde nahm.
Von Frank Buchmeier
Heute ist Christa Fischer 55 und schaut von ihrer Wohnung in Gerlingen hinaus auf die Felder, an deren Rändern der Kapitalismus nagt. Praktiker-Baumarkt, Real-Supermarkt, BMW-Automarkt. "Es ist seltsam, wie sich die Menschen im Westen kollektivieren ließen", sagt Christa Fischer, "zu einer Gemeinschaft, die nur frisst." Sie meint das bildlich, im Brecht'schen Sinne. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.
Christa Fischer schreibt. Ihr erster Roman "Unsichtbare Zügel" erscheint 1987 unter dem Namen Christa Gießler im Mitteldeutschen Verlag. Es ist eine wunderbare Zeit: Tochter Anne und Sohn Hannes sind aus dem Gröbsten heraus, Ehemann Günter ist Dozent am Leipziger Literaturinstitut, sie selbst promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und aufstrebende Autorin. Sie erforscht den Wohnungsbedarf der DDR, geht mit ihrer Prosa auf Lesereise und verbringt die Urlaube auf Rügen. Eine ostdeutsche Frauenkarriere.
In der DDR ist ihre Herkunft ein Vorteil
Was wohl im Westen aus ihr geworden wäre? Als Tochter eines Landwirts, der niemals selbst ein Buch gelesen hat. In einem Kaff, jwd. Christa Fischer glaubt, dass es in der Bundesrepublik der 60er Jahre für sie kein Entrinnen aus ihrer bildungsfernen Schicht gegeben hätte.
In der DDR ist ihre Herkunft ein Vorteil. Das Bauernkind Christa wird, wie sie sagt, "früh entdeckt und individuell gefördert". Aufnahme an der Erweiterten Oberschule in Querfurt, Stipendium fürs Studium in Halle, Festanstellung an der Bauakademie, Krippenplätze für die Kinder. Christa Fischer wärmt sich an den Sonnenseiten des Sozialismus - und friert im Schatten der Planwirtschaft.
Jahrelang lebt die Akademikerin mit ihrer Familie als sogenannter Teilhauptmieter in einer maroden Leipziger Wohnung. Der Regen tropft durch das Dach. Es kommt vor, dass es in der sächsischen Metropole kein Klopapier zu kaufen gibt. Einmal bittet Christa Fischer in einem Brief an ihre Westtante um die Zusendung einer Feinstrumpfhose. Zwanzig Jahre später taucht das belanglose Schreiben wieder auf: als Kopie in der Stasiakte ihres Mannes.
Abends schunkeln sie zum "Blauen Bock"
In ihrem DDR-Alltag nimmt Christa Fischer den Spitzelstaat kaum wahr. Wenn die dumpfen Dogmatiker in der Staatsbürgerkunde ihre antikapitalistischen Parolen verkünden, hört sie einfach weg und schunkelt abends mit ihren Eltern zum "Blauen Bock" im Westfernsehen. In der Erweiterten Oberschule fasziniert sie ein charismatischer Lehrer, der ihr von den Verbrechen der Faschisten erzählt und ihr die Vorzüge einer klassenlosen Gesellschaft erklärt. "Diese Sozialutopie hat mich angesprochen", sagt sie. Und: "Man begegnet nicht einem System, sondern einzelnen Menschen."
Als das System Ende der 80er Jahre wankt und sich die einzelnen Menschen zur protestierenden Masse verbinden, steht auch Christa Fischer montags vor der Nikolaikirche. Sie weiß, dass der Arbeiter-und-Bauern-Staat seine Existenzberechtigung verloren hat, weil ihm die Arbeiter und Bauern die Gefolgschaft verweigern. Die Versorgungslage ist schlecht, die Häuser verfallen, die Luft riecht nach Chemie. "Für mich war klar, dass es so nicht weitergehen konnte", sagt Christa Fischer.
Nach dem Mauerfall findet sie einen Job in der Leipziger Filiale eines Hamburger Stadtforschungsinstituts. Ihr Mann wird hingegen arbeitslos. In der Ehe kriselt es, und Christa Fischer stürzt sich in den Beruf. Sie will blühende Landschaften und menschliche Siedlungen schaffen. Doch statt Aufbau Ost erlebt sie Raffgier West.
Die Honorare richten sich nach der Investitionshöhe, und jeder Planer will möglichst viel Suppe aus den Subventionstöpfen schöpfen. Milliarden werden für schicke Golfplätze und riesige Spaßbäder verschwendet. Fehlausgaben, die bis heute die Kommune belasten. Ziegelroda in Sachsen-Anhalt bekommt ein Gewerbegebiet geschenkt, das sich zu einer beleuchteten Schafweide ohne Schafe entwickelt. Neben den Erschließungsstraßen wuchert ungestört das Gras.
Der Anfang ist Gerlingen ist frustrierend
Nach der Wende wird die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft in Christa Fischers Heimatdorf rasch abgewickelt. 1989 stehen 2000 Rinder in den Ställen, zwei Jahre später ist nichts mehr von der bäuerlichen Tradition des Ortes übrig. "Ich hätte mir von den Politikern mehr Weitsicht gewünscht", sagt Christa Fischer. Die Gebäude stehen leer, der Wind weht die Dachschindeln von den Dächern. Christa Fischers älteste Schwester blieb ihrem Heimatdorf treu. Sie ist seit Jahren arbeitslos, wie so viele in Ziegelroda.
1999 kommt Christa Fischer der Liebe wegen in den Westen. Ihren zweiten Mann, einen Stuttgarter Schulrektor, hat sie als Referentin bei einem Lehrerseminar im Schwarzwald kennengelernt. Der Anfang in Gerlingen ist frustrierend. Christa Fischer verschickt 80 Bewerbungen und erhält 80 Absagen. Kein schwäbischer Betrieb will eine Doktorin der "sozialistischen Betriebswirtschaftslehre" beschäftigen. Zum Zeitvertreib besucht sie Cafés, nimmt einen Stift und Block mit und schreibt wie Franz Kafka gegen ihre Enttäuschung an.
Abends schauen Bekannte ihres Mannes vorbei und erzählen stundenlang ihre tollen Urlaubserlebnisse. Christa Fischer langweilen all die Geschichten über Paris, Mallorca und Florida. Sie sehnt sich nach Leipzig und nach persönlichen Gesprächen zurück. Sie glaubt, dass in der DDR Freundschaften eine größere Bedeutung hatten - "als Ersatz für den Konsum". Wenn sie solche Erfahrungen schildert, erntet sie Kopfschütteln. Man dürfe eine Diktatur nicht verklären, wird ihr entgegengehalten. Wie kann man nur so naiv sein?
Bestimmte Fragen hasst sie
In solchen Momenten wird Christa Fischer grantig. Natürlich weiß sie, dass die SED ein totalitäres Regime war, unter dem viele Menschen litten. Doch sie selbst kann nicht mit einer Opferbiografie dienen. Sie hasst Fragen wie: "Warum habt ihr euch unterdrücken lassen?" Als ob die Deutschen im Osten eine andere Erbsubstanz als die Deutschen im Westen hätten. Hinter dem Eisernen Vorhang die ohnmächtigen Ossi-Deppen, davor die aufgeklärten Wessi-Leuchten. Aber ist die Finanzkrise nicht auch nur eine Folge von Mitläufertum? "Die Banker hatten das Volk hinter sich wie einst die SED-Parteibonzen."
Seit zehn Jahren lebt Christa Fischer in Gerlingen, mittlerweile fühlt sie sich aufgehoben. Sie hat sich selbstständig gemacht, schreibt Lebensgeschichten, doziert über Projektmanagement und moderiert Podiumsdiskussionen. Gefällt es ihr im vereinten Deutschland besser als in der DDR? "Pauschal lässt sich das nicht sagen. Es gibt immer zwei Seiten." Ihr Großvater litt bis zu seinem Tod darunter, dass ihm der Sozialismus seine Kühe, Schweine und Pferde genommen hatte. Ihre Mutter stieg hingegen zu einer wichtigen Mitarbeiterin der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft auf. Ein Gefühl, sagt Christa Fischer, hätten aber alle geteilt: "Man war in der DDR überzeugt, dass die Zukunft besser wird." Nun sind die Visionen verraucht.
Von Frank Buchmeier
Heute ist Christa Fischer 55 und schaut von ihrer Wohnung in Gerlingen hinaus auf die Felder, an deren Rändern der Kapitalismus nagt. Praktiker-Baumarkt, Real-Supermarkt, BMW-Automarkt. "Es ist seltsam, wie sich die Menschen im Westen kollektivieren ließen", sagt Christa Fischer, "zu einer Gemeinschaft, die nur frisst." Sie meint das bildlich, im Brecht'schen Sinne. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.
Christa Fischer schreibt. Ihr erster Roman "Unsichtbare Zügel" erscheint 1987 unter dem Namen Christa Gießler im Mitteldeutschen Verlag. Es ist eine wunderbare Zeit: Tochter Anne und Sohn Hannes sind aus dem Gröbsten heraus, Ehemann Günter ist Dozent am Leipziger Literaturinstitut, sie selbst promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und aufstrebende Autorin. Sie erforscht den Wohnungsbedarf der DDR, geht mit ihrer Prosa auf Lesereise und verbringt die Urlaube auf Rügen. Eine ostdeutsche Frauenkarriere.
In der DDR ist ihre Herkunft ein Vorteil
Was wohl im Westen aus ihr geworden wäre? Als Tochter eines Landwirts, der niemals selbst ein Buch gelesen hat. In einem Kaff, jwd. Christa Fischer glaubt, dass es in der Bundesrepublik der 60er Jahre für sie kein Entrinnen aus ihrer bildungsfernen Schicht gegeben hätte.
In der DDR ist ihre Herkunft ein Vorteil. Das Bauernkind Christa wird, wie sie sagt, "früh entdeckt und individuell gefördert". Aufnahme an der Erweiterten Oberschule in Querfurt, Stipendium fürs Studium in Halle, Festanstellung an der Bauakademie, Krippenplätze für die Kinder. Christa Fischer wärmt sich an den Sonnenseiten des Sozialismus - und friert im Schatten der Planwirtschaft.
Jahrelang lebt die Akademikerin mit ihrer Familie als sogenannter Teilhauptmieter in einer maroden Leipziger Wohnung. Der Regen tropft durch das Dach. Es kommt vor, dass es in der sächsischen Metropole kein Klopapier zu kaufen gibt. Einmal bittet Christa Fischer in einem Brief an ihre Westtante um die Zusendung einer Feinstrumpfhose. Zwanzig Jahre später taucht das belanglose Schreiben wieder auf: als Kopie in der Stasiakte ihres Mannes.
Abends schunkeln sie zum "Blauen Bock"
In ihrem DDR-Alltag nimmt Christa Fischer den Spitzelstaat kaum wahr. Wenn die dumpfen Dogmatiker in der Staatsbürgerkunde ihre antikapitalistischen Parolen verkünden, hört sie einfach weg und schunkelt abends mit ihren Eltern zum "Blauen Bock" im Westfernsehen. In der Erweiterten Oberschule fasziniert sie ein charismatischer Lehrer, der ihr von den Verbrechen der Faschisten erzählt und ihr die Vorzüge einer klassenlosen Gesellschaft erklärt. "Diese Sozialutopie hat mich angesprochen", sagt sie. Und: "Man begegnet nicht einem System, sondern einzelnen Menschen."
Als das System Ende der 80er Jahre wankt und sich die einzelnen Menschen zur protestierenden Masse verbinden, steht auch Christa Fischer montags vor der Nikolaikirche. Sie weiß, dass der Arbeiter-und-Bauern-Staat seine Existenzberechtigung verloren hat, weil ihm die Arbeiter und Bauern die Gefolgschaft verweigern. Die Versorgungslage ist schlecht, die Häuser verfallen, die Luft riecht nach Chemie. "Für mich war klar, dass es so nicht weitergehen konnte", sagt Christa Fischer.
Nach dem Mauerfall findet sie einen Job in der Leipziger Filiale eines Hamburger Stadtforschungsinstituts. Ihr Mann wird hingegen arbeitslos. In der Ehe kriselt es, und Christa Fischer stürzt sich in den Beruf. Sie will blühende Landschaften und menschliche Siedlungen schaffen. Doch statt Aufbau Ost erlebt sie Raffgier West.
Die Honorare richten sich nach der Investitionshöhe, und jeder Planer will möglichst viel Suppe aus den Subventionstöpfen schöpfen. Milliarden werden für schicke Golfplätze und riesige Spaßbäder verschwendet. Fehlausgaben, die bis heute die Kommune belasten. Ziegelroda in Sachsen-Anhalt bekommt ein Gewerbegebiet geschenkt, das sich zu einer beleuchteten Schafweide ohne Schafe entwickelt. Neben den Erschließungsstraßen wuchert ungestört das Gras.
Der Anfang ist Gerlingen ist frustrierend
Nach der Wende wird die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft in Christa Fischers Heimatdorf rasch abgewickelt. 1989 stehen 2000 Rinder in den Ställen, zwei Jahre später ist nichts mehr von der bäuerlichen Tradition des Ortes übrig. "Ich hätte mir von den Politikern mehr Weitsicht gewünscht", sagt Christa Fischer. Die Gebäude stehen leer, der Wind weht die Dachschindeln von den Dächern. Christa Fischers älteste Schwester blieb ihrem Heimatdorf treu. Sie ist seit Jahren arbeitslos, wie so viele in Ziegelroda.
1999 kommt Christa Fischer der Liebe wegen in den Westen. Ihren zweiten Mann, einen Stuttgarter Schulrektor, hat sie als Referentin bei einem Lehrerseminar im Schwarzwald kennengelernt. Der Anfang in Gerlingen ist frustrierend. Christa Fischer verschickt 80 Bewerbungen und erhält 80 Absagen. Kein schwäbischer Betrieb will eine Doktorin der "sozialistischen Betriebswirtschaftslehre" beschäftigen. Zum Zeitvertreib besucht sie Cafés, nimmt einen Stift und Block mit und schreibt wie Franz Kafka gegen ihre Enttäuschung an.
Abends schauen Bekannte ihres Mannes vorbei und erzählen stundenlang ihre tollen Urlaubserlebnisse. Christa Fischer langweilen all die Geschichten über Paris, Mallorca und Florida. Sie sehnt sich nach Leipzig und nach persönlichen Gesprächen zurück. Sie glaubt, dass in der DDR Freundschaften eine größere Bedeutung hatten - "als Ersatz für den Konsum". Wenn sie solche Erfahrungen schildert, erntet sie Kopfschütteln. Man dürfe eine Diktatur nicht verklären, wird ihr entgegengehalten. Wie kann man nur so naiv sein?
Bestimmte Fragen hasst sie
In solchen Momenten wird Christa Fischer grantig. Natürlich weiß sie, dass die SED ein totalitäres Regime war, unter dem viele Menschen litten. Doch sie selbst kann nicht mit einer Opferbiografie dienen. Sie hasst Fragen wie: "Warum habt ihr euch unterdrücken lassen?" Als ob die Deutschen im Osten eine andere Erbsubstanz als die Deutschen im Westen hätten. Hinter dem Eisernen Vorhang die ohnmächtigen Ossi-Deppen, davor die aufgeklärten Wessi-Leuchten. Aber ist die Finanzkrise nicht auch nur eine Folge von Mitläufertum? "Die Banker hatten das Volk hinter sich wie einst die SED-Parteibonzen."
Seit zehn Jahren lebt Christa Fischer in Gerlingen, mittlerweile fühlt sie sich aufgehoben. Sie hat sich selbstständig gemacht, schreibt Lebensgeschichten, doziert über Projektmanagement und moderiert Podiumsdiskussionen. Gefällt es ihr im vereinten Deutschland besser als in der DDR? "Pauschal lässt sich das nicht sagen. Es gibt immer zwei Seiten." Ihr Großvater litt bis zu seinem Tod darunter, dass ihm der Sozialismus seine Kühe, Schweine und Pferde genommen hatte. Ihre Mutter stieg hingegen zu einer wichtigen Mitarbeiterin der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft auf. Ein Gefühl, sagt Christa Fischer, hätten aber alle geteilt: "Man war in der DDR überzeugt, dass die Zukunft besser wird." Nun sind die Visionen verraucht.
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