Slumdog Millionär

Der Laufbursche und der Utopiebankrott

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 19.03.2009
Filmbeschreibung
Indien, na klar. Ganz arme Leute, aus den Slums und so, und die indische Variante von "Wer wird Millionär". Soll ganz klasse fotografiert sein, Indien zwischen Horrorloch und Mogultraum. Indien eben. Heißt "Slumdog Millionär", der Streifen. Auch wer sich sonst nicht für Kino interessiert, hat so viel popkulturelle Augenblicksinformation parat. Der Oscarrummel ist erst ein paar Wochen her, und dass es gleich acht der kleinen goldenen Glatzköpfe auf Danny Boyles "Slumdog Millionaire" (so schreibt sich der Originaltitel) herabgehagelt hat, das war eine Werbehilfe sondergleichen. Dass dann noch ein Film über Indien im Mittelpunkt der großen USKinogala stand, hat mit dem Reiz des Exotischen jene positive Vorabstimmung geschaffen, die wir diesem Werk auch gerne gönnen. Ganz viele Gelegenheitskinogänger haben sich eine kleine Synapse angelegt: Indien plus acht Oscars, das muss ich sehen.

An dieser übersichtlichen Rechnung ist nur leider eines falsch, was wir beckmesserisch noch korrigieren möchten. Wir meinen jetzt keinen der Oscars: bester Film, beste Regie, beste Kamera, bestes Drehbuch nach Vorlage, bester Schnitt, beste Filmmusik, bester Song, bester Ton - die kann man, wenn man überhaupt solche eindeutigen Festlegungen wie aus dem Tausendstelsekunden-Messgerät vernünftig findet, alle so zusprechen. Unser Einwand trifft den anderen Teil der Summe: Verzeihung, es geht gar nicht um Indien.

Gewiss, Danny Boyles Film spielt in Mumbai. Er ist auf Hindi gedreht worden, und dem Briten Boyle ("Trainspotting") stand die indische Regisseurin Loveleen Tandan zur Seite. Aber all das lässt uns noch immer keine Chance, die Geschehnisse aus sicherer Distanz zu verfolgen und die Verhältnisse mit der Ruhe des Verschonten zu wägen. "Slumdog Millionär" erzählt eine Geschichte vom Hier und Heute und Überall, untersucht den globalisierten Utopiebankrott.

Du kannst es bis nach oben schaffen. Nicht unbedingt bis ganz nach oben, aber bis dahin, wo man Licht, Luft und Sonne bekommt, wo das Leben Spaß macht und die eigene Würde intakt bleibt. Das ist das Grundversprechen einer offenen, sozial mobilen Gesellschaft, und es war einmal leuchtende Utopie für jene, die schon durch Geburt an in einen Ort, in eine Funktion, in eine unabänderliche Lebensform gebannt waren.

Der aufgeklärte Kapitalismus hat den Menschen verheißen, sie könnten ihren vom blinden Geschick zugewiesenen Startplatz im Leben stets verlassen. Sie könnten sich durch Fleiß und Mut, durch Pfiffigkeit und Tüchtigkeit, durch Witz und Initiative, durch Plackerei und Flexibilität (oft genüge schon eine dieser Eigenschaften) geduldig, Schritt um Schritt nach oben bringen. Die Leistungsgesellschaft beruhte auf dem lockenden Lohn der Leistung.

Geblieben ist davon die Forderung nach Leistung, auch wenn sie nicht mehr wirklich an alle ergeht. Millionen Minderqualifizierter bekommen sie pro forma zu hören: in Wirklichkeit sinnt man über Systeme der Ruhigstellungsversorgung für die Unbrauchbaren nach. Auch jene, die noch Leistung bringen dürfen, sind sich einer Belohnung, einer Verbesserung ihrer Lage nicht mehr gewiss. Die ständigen Veränderungen der Gesellschaft, der sozialen Strukturen, der Sicherungssysteme geben ihnen das Gefühl, gegen ein sich beschleunigendes Rollband zu laufen: man bringt immer mehr Leistung, um wenigstens an der gleichen Stelle zu bleiben und nicht nach hinten weggetragen zu werden.

Jeder kann es schaffen?

In dieser Lage grassierenden Hoffnungsverlusts boomen alle Arten Lotterien, die Utopie wieder zum Alltagsgut werden lassen. Jeder kann es schaffen, jeder kann nach oben kommen, diese Botschaft wird andauernd nebst ihrer scheinbaren Konkretwerdung tagtäglich vorgeführt. Nur geht es jetzt um Glück, nicht um Fleiß, um Erwähltwerden statt um Selbsterhöhung, um eine passive Form der Aufstiegshoffnung. Das ist für das wartende und träumende Individuum nicht ganz und gar befriedigend, und darum gibt es nicht nur die Lottosysteme mit ihrem blinden Tippen und ihren fabulösen Gewinnen, sondern Ratespiele wie das in vielen Ländern als Franchise etablierte "Wer wird Millionär?" Hier kommt zum Erwähltwerden das Moment des Durchsetzens, zum Dusel das Wissen, zum Zufall die Nervenstärke.

Der Kandidatensitz ist eine Mischung aus unverdientem Glück und Chance zur Leistungsdemonstration. Er ist Sinnbild einer schizophrenen Gesellschaft, die Aufstieg schon weitgehend als Zufall und Ausnahme sieht, sich das aber nicht eingestehen mag und ihn noch als Leistungsbonus feiern mag.

Doch auch wenn noch ein wenig Wissen und Können verlangt werden - von den realen Leistungs- und Lohnzusammenhängen des realen Arbeitslebens sind diese Quizgewinne weit entfernt. Wie dreiste Managerprämien und fette Sportlersaläre tragen sie ihren Teil zur Zerstörung des Wertebewusstseins und der Wirtschaftsethik bei.

Von all dem erzählt Danny Boyles "Slumdog Millionär". Aber er hat sich nur für das Porträt eines globalen Phänomens einen Ort herausgesucht, an dem die Kontraste besonders krass sind. Jamal K. Malik (Dev Patel), ein Junge aus der Gosse Mumbais, ein Laufbursche und Habenichts, ein Teeverkäufer, der morgens nicht weiß, ob er abends halbwegs satt sein wird, schafft es in die indische Variante der Rateshow. So lebendig, vital, erschreckend und doch respektvoll der Film die Stadt draußen zeigt, die Heerscharen der Armen, so effektsicher, ätzend und griffig setzt er das TV-Studio in Szene. Bisher mögen einem diese Quizarenen wie banaler Sendealltag vorgekommen sein, die hier kann man nur als das Innere eines Raumschiffs sehen: Malik wirkt, als sei er in einem Alien-Abduction-Movie gelandet, in einem jener SF-Reißer, in denen Außerirdische arme Erdenbürger in ihre monströsen fliegenden Labore entführen, um dort an ihnen zu experimentieren.

Diese Verfilmung des Romans "Rupien! Rupien!" von Vikas Swarup tauscht bei Malik Können gegen Traumatisierung aus. Der Kandidat kommt nicht weiter, weil er viel wüsste, sondern weil zufällig jede Frage mit Prägendem in seinem Leben zusammenhängt. Diese sarkastische Zufallskette schafft eine interessante Konstruktion: Aus der Show heraus kann Maliks Leben in Rückblenden erzählt werden, was den irrsinnigen Kontrast beständig frisch hält.

Underdog gegen Moderator

Was Boyle alles erzählt in seiner bruchlosen Mischung aus Autorenkino, Hollywood, Bollywood und Dokumentarischem, soll hier nicht verraten werden. Wichtig ist, dass der Film ein Gefühl von Bedrohung und Missachtung aufbaut: je weiter Malik kommt, desto weniger will ihn der Moderator, der seinen eigenen Ruhm vom Underdog überstrahlt sieht, gewinnen lassen. Boyle nutzt das als Symbol für umfassenden unfairen Verteilungskampf, und wenn Malik auf der Polizeistation in die Mangel genommen wird, dann kann das niemand mehr ernstlich für einen Wohlfühlfilm halten.

"Slumdog Millionär" lässt keinen Zweifel, wie leicht sein Held zermahlen werden könnte. Er inszeniert das Bangen der armen Massen draußen mit ihrem Champion Malik auch nicht, wie ihm absurderweise vorgeworfen wurde, als Aufruf an die Armen, aufs Zufallsglück zu hoffen. Er zeigt das Groteske eines gesamtgesellschaftlichen Bedürfnisses, das von einer banalen Quizshow aufgefangen werden soll. Und auch in diesem Moment erzählt "Slumdog Millionär" nicht nur von Indien, sondern auch von BRD und RTL.
 
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