Vorbereitungen zum Gipfel

Die Nato sucht Glanz in der schönen Kulisse

Bärbel Krauß und Meinrad Heck, veröffentlicht am 19.03.2009
Foto: dpa

Baden-Baden/Kehl - Die Augen der Welt richten sich beim Natogipfel am 3. und 4. April auf Kehl, Baden-Baden und Straßburg. Die drei Städte sollen die Kulisse für gute Bilder liefern. Und man erwartet von ihnen perfekte Sicherheit, was schwierig ist, angesichts der Wünsche der Staatsgäste.


  Von Bärbel Krauß und Meinrad Heck

 
Die Bänke in der Mitte der Passerellebrücke, wo sich im Sommer die Ausflügler drängen, sind verwaist. Zwei einsame, leere Piccolo-Fläschchen stehen da, unten fließt der Strom, grün-braun und träge. Zwei Menschen waren vor kurzem hier und haben "Rotkäppchen" getrunken. Am 3. und 4. April wird der 60ste Geburtstag der Nato gefeiert, und dann werden sich an diesem Punkt Barack Obama und zwei Dutzend wichtige Politiker aus aller Welt begegnen.

Von rechts des Rheinufers wird die Bundeskanzlerin Angela Merkel kommen und 24 Regierungschefs dorthin führen, wo jetzt die Flaschen stehen. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wird ihnen entgegen schreiten und sie auf die französische Seite geleiten, wo das offizielle Geburtstagsfoto der Nato-Verbündeten aufgenommen wird. Dann steigen alle Staatsgäste in ihre Limousinen und rauschen wieder davon.

Sarkozy hatte die Idee, den Rhein zu überqueren

Das Foto auf der Passerelle, so heißt die Fußgängerbrücke zwischen Deutschland und Frankreich, ist der einzige Grund dafür, dass man Kehl zu einem Schauplatz des Nato-Gipfels erkoren hat. An der Entscheidung hat der Kehler Oberbürgermeister Günther Petry nichts auszusetzen, im Gegenteil. "Der Charme des Ortes ist, dass die Leute eine Grenze überschreiten, ohne es zu merken."

Die Passerelle sei der Nato-Feier durchaus würdig, findet Petry, denn der Steg überquert den Fluss, der nicht nur lange eine physische, sondern auch eine politische und militärische Grenze darstellte. Wie aus dem Berliner Kabinett verlautete, hatte Nicolas Sarkozy die Idee, Frankreichs Rückkehr in die Militärstruktur der Nato mit einer Rheinüberquerung in Szene zu setzen. Tatsächlich gilt der Nato-Beschluss der Franzosen, den Merkel als "mutig" lobt und den die USA "begeistert" kommentieren, bei der Nato intern als "kein großer Schritt". Die Franzosen, sagt ein deutscher Diplomat in Brüssel, "sind seit Jahren sehr gut integriert".

Unabhängig davon dass die Kanzlerin schon lange hat wissen lassen, dass der Spaziergang der Regierenden über die Brücke bei Regen ins Wasser fällt, hat die Errichtung eines eigens für die Festivitäten vorgesehenen, temporären Gebäudes am Fuß der Kehler Brücke begonnen. Dort sollen die Gäste empfangen werden. Von Tiefflügen der französischen Luftwaffe samt Kondensstreifen in Tricolorefarben zur Verkürzung der Wartezeit bis alle da sind, raunen die Kundigen in Kehl, während Oberbürgermeister Petry noch nicht recht weiß, was da eigentlich errichtet werden soll.

Wirklich kein Schloss in Kehl?

Aber Petry hat sich eine dicke Haut zugelegt, seit das Außenamt in Berlin im April erstmals in seiner Stadt war. Unvergessen ist im Rathaus, dass der Protokollbeamte nach einem Blick in die Stadthalle wissen wollte, ob die Kommune nicht irgendwo noch ein Schloss zu bieten habe. Und wie er auf das Nein der Stadtoberen nachhakte, ob das denn auch für die umliegenden Dörfern gelte?

Wirklich kein Schloss? Spätestens seit im Oktober in Ermangelung adäquater Hotels und anderer Residenzen in Kehl die Kurmetropole Baden-Baden wegen ihres "Glamourfaktors" zum dritten Gipfelort neben Straßburg und Kehl erkoren wurde, gibt Günther Petry sich stoisch und robust. "Wenn man mir sagt, es gibt einen temporären Bau, wo die Gäste einen Kaffee kriegen, werden die schon keinen Palast der Republik da hinstellen." Dass die Prominenz nur kurz über seine Brücke marschiert und sich lange in Baden-Baden ergeht, das nimmt er achselzuckend zur Kenntnis. Immer noch besser, als wenn sie nur hindurchfahren würden.

Nicht nur den Franzosen ist die Optik wichtig

In Straßburg soll das zweite offizielle Gipfelfoto geschossen werden. Die Vorbereitung dieses Fototermins hat das Büro von Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer um die vier Monate lang in Atem gehalten. Normalerweise sitzt die Bundeskanzlerin bei Nato-Treffen direkt neben dem Generalsekretär, aber diesesmal wollte Sarkozy partout nicht zurückstehen - besser gesagt, abseits sitzen. Angela Merkel verdankt ihre gute Position dem Alphabet, das Frankreich einen entfernteren Platz zuweist. Brüsseler Spitzendiplomaten haben nun eine salomonische Lösung gefunden. Jetzt sitzt Sarkozy beim Generalsekretär solange die Kameras im Saal sind - ist das Fernsehen weg, trollt er sich.

Nicht nur den Franzosen ist die Optik wichtig. Auch den Helfern der Kanzlerin ist es ein großes Anliegen, und so kommt es, dass beim Gipfel lediglich Fernsehjournalisten in die innere Sicherheitszone vorstoßen dürfen. Die Vertreter von Zeitungen und Nachrichtenagenturen müssen draußen bleiben. Die Devise lautet, dass das "Weltbild" stimmen müsse. So heißen die Aufnahmen, die der Südwestrundfunk für die Fernsehstationen rund um den Globus liefern wird.

Aber auch wer Bilder machen darf, der ist nicht immer nah dran. Einen kleinen Vorgeschmack auf das inszenierte Spektakulum, das sie beim Gipfel erwartet, erhielten Fotografen und und Fernsehjournalisten, als de Hoop unlängst im Baden-Badener Kurhaus die Bankettsäle inspizierte, um den glamourösen Faktor des Ereignisses zu begutachten. Den Generalsekretär beim Gang durch die mondäne Welt fotografieren? Daran sei gar nicht zu denken, sagt einer seiner Bodyguards. Aber vielleicht ein paar bewegte Bilder, wenn er seine Staatskarosse verlässt? Nein! Auch nicht beim Einsteigen? Auch das nicht! Und im übrigen, so lässt der Leibwächter die verdutzten Presseleute wissen, dürfe man sich Herrn de Hoop nur auf zwei Meter höchstens nähern. Wer diese Schmerzgrenze unterschreite, werde künftig bei Akkredietierungen Schwierigkeiten haben. Alles klar?

Per Hubschrauber zum Bankett nach Baden-Baden

Wegen des Gipfels werden der Rhein, die Autobahn A 5, mehrere Bundesstraßen und der Luftraum partiell gesperrt. Awacs-Flugzeuge werden über dem Rheingraben kreisen und den Luftraum überwachen. Tornados der Bundesluftwaffe sind in Alarmbereitschaft. Französische Mirage-Kampfjets könnten blitzschnell von ihrer Basis nahe Colmar aufsteigen, um andere Flugzeuge abzufangen.

Der Gipfel beginnt an einem Freitag mit der Ankunft der ersten Delegationen von 12 Uhr an auf den Flugplätzen in Baden-Baden, Lahr und Straßburg. Ihre Jets müssen aus Platzgründen auf drei Airports verteilt werden. Sie können nicht gestaffelt geparkt werden, weil sie sich im Falle des Falles nicht in die Quere kommen dürfen und jederzeit wieder abflugbereit sein müssen. Wenn das Wetter mitspielt, fliegen die Staatschefs und Minister per Hubschrauber zum Bankett nach Baden-Baden. Wenn nicht, nehmen sie die Autobahn. Dann wird die A 5 schon am Freitrag zeitweise gesperrt und der überregionale Verkehr schon ab dem Walldorfer Kreuz weiträumig umgeleitet.

Die Bürger in Kehl, Baden-Baden und Straßburg dürfen ihre Häuser zeitweise nur in Polizeibegleitung verlassen. Um für den Schutz der Staatsgäste zu sorgen, werden allein auf deutscher Seite 15.000 Polizisten zusammengezogen. Wenn Einsatzleiter Detlef Werner über den Flächengipfel spricht, der sich auf zwei Länder, drei Städte und drei Flughäfen verteilt, dann kommt in seinen Ausführungen das Wort "Herausforderung" häufig vor.

Berlusconi will partourt im Schlosshotel Bühlerhöhe logieren

Da sind die langen Strecken zwischen den Veranstaltungsorten, da ist die exponierte Rheinbrücke in Kehl und da sind die Sonderwünsche prominenter Staatsmänner. Hinter vorgehaltener Hand sprechen andere Sicherheitsexperten nicht nur von besagter Herausforderung, sondern auch schon mal von einem "Albtraum". Dass etwa der Italiener Silvio Berlusconi partourt im exponierten Schlosshotel Bühlerhöhe logieren möchte, das sorgte bei den Sicherheitsbeamten schon für manche schlaflose Nacht.

Bei einem normalen Staatsbesuch wäre die streng abgeschirmte Nobelherberge an der Schwarzwaldhochstraße kein Problem. Aber was ist an einem Nato-Gipfel schon normal? Das Militärbündnis polarisiert die Menschen. Zigtausend friedliche Demonstranten werden erwartet, aber auch bis zu 3000 gewalttätige Störer. Eine 19 Kilometer lange Serpentinenstraße von Berlusconis Luxushotel durch den Schwarzwald hinunter nach Baden-Baden lässt sich zwar sichern, aber nicht hermetisch abriegeln. "Wir werden ihn schon herunterschaffen - irgendwie", heißt es in Sicherheitskreisen. Die anderen Staatsgäste begnügen sich mit Quartieren in Baden-Baden und Straßburg, wo übrigens Obama übrigens nächtigen wird.

Auf fünfzig Millionen Euro hat Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech die Kosten des Polizeieinsatzes einmal beziffert, und das deckt längst nicht alles ab. Das Bundespresseamt in Berlin kennt keine Zahlen. Im Haushalt sei für den Nato-Gipfel gar nichts eingestellt, heißt es. Zwischen Deutschland und Frankreich sei lediglich vereinbart, je die Hälfte der Ausgaben zu tragen. Zum Verhältnis zwischen dem Aufwand und der Substanz sagen die Pressesprecher der Kanzlerin nur, dass man die Politik im 21. Jahrhundert und insbesondere die Gipfel eben auf diese Weise inszeniere.

Seit Monaten durchleuchten Polizeibeamte jeden Winkel der Gipfelstädte und richten sich dort häuslich ein. So haben sie etwa in Baden-Baden für die Sicherheitszonen Absperrzäune mit einer Gesamtlänge von knapp zehn Kilometer organisiert. Ganze Straßenzüge und Häuserzeilen mit Blick auf die "restricted area" am Kurhaus wurden unter die Lupe genommen.

Verschweißte Gullydeckel, abgeschraubte Briefkästen

Die Beamten habe sich über "Wurfweiten" und "Schusswinkel" Gedanken gemacht und die Absperrungen danach ausgerichtet. In den letzten Tagen vor dem Gipfel werden Gullydeckel verschweißt und mancher Hausbewohner sollte sich nicht wundern, wenn eines Morgens sein Briefkasten an der Haustür spurlos verschwunden ist. Von Polizeihand abgehängt, weil er als mögliches Versteck für Bomben zu gefährlich wäre.

Jenseits des Rhein geht die Kunde, dass hohe Polizeibeamte "mit ihren Nerven am Ende" seien. Sie sollen für die Zeit nach dem Gipfel vorsorglich schon mal ihre Versetzung beantragt haben. Präsident Sarkozy hatte in der Vergangenheit schon einmal einen seiner Polizeipräfekten in die sprichwörtliche Wüste versetzen lassen, weil der ein paar laustarke Demonstranten für den präsidialen Geschmack nicht weit genug auf Abstand gehalten hatte. Kehls wackerer Oberbürgermeister Petry sagt, er habe erst jetzt begriffen, was Macht ist. "Das ist nicht, wenn einer viel Geld hat und sich alles kaufen kann", sagt Petry. "Macht ist, dass zwei Leute etwas beschließen - und hinterher setzen sich Tausende in Bewegung, um es zu realisieren."
 

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