Von Umfragen und Kampagnen
Wofür das Herz schlägt
Achim Wörner, veröffentlicht am 06.04.2009
Stuttgart - Dass Stuttgart 21 realisiert wird, ist noch nie so wahrscheinlich gewesen wie dieser Tage. Die Bürger freilich sind alles andere als überzeugt von dem Milliardenprojekt. Stadt und Bahn wollen nun verstärkt Überzeugungsarbeit leisten - doch die neue Offensive lässt auf sich warten.
Von Achim Wörner
Der bemerkenswerte Aufsatz des Züricher Architekten und Unternehmensberaters Herbert Imbach stammt zwar aus dem Jahr 2004 - die darin verbreiteten Erkenntnisse aber sind aktueller denn je. Imbach beschreibt dabei "Stolpersteine in der Kommunikation von Großprojekten", wie der Titel des Beitrags lautet, um dann ein Programm für eine ideale Öffentlichkeitsarbeit zu entfalten.
Spektakuläre Vorhaben vor allem im öffentlichen Raum weckten viele Hoffnungen, provozierten aber ebenso viele Befürchtungen und Ängste. Diese könnten, so jedenfalls Imbachs These, "richtig instrumentalisiert jedem Projekt den Garaus machen".
Nun ist die Finanzierung von Stuttgart 21 Stand heute gesichert; Baubeginn soll bereits Anfang kommenden Jahres sein. Doch die vielen Vorteile, die die Neuordnung des Schienenknotens mit einem neuen Tiefbahnhof und die Erweiterung der Stuttgarter Innenstadt auf den heutigen Gleisflächen aus Sicht der Befürworter birgt, sind bei erheblichen Teilen der Bürger keineswegs angekommen. Im Gegenteil. Breite Schichten der Bevölkerung hegen eine tiefe Skepsis und Vorbehalte gegenüber dem Projekt - was in den vergangenen Jahren immer wieder auch in Umfragen zum Ausdruck gekommen ist.
Anteil der Kritiker gestiegen
Zuletzt hatte das Sozialwissenschaftliche Institut der Universität Stuttgart vor genau einem Jahr im Auftrag der "Stuttgarter Nachrichten" den Stimmungen nachgespürt. Immerhin 38 Prozent der Stuttgarter bewerteten damals den geplanten Umbau des heutigen Kopfbahnhofs in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof positiv. 35,4 Prozent aber sahen das seit 15 Jahren geplante Stuttgart 21 negativ.
Im Vergleich zu einer ähnlichen Erhebung des Instituts von 1997 war der Anteil der Kritiker um rund zehn Prozentpunkte gestiegen, die Quote der Anhänger hingegen unverändert geblieben. Damit hatten sich Hoffnungen der Projektpartner nicht erfüllt, dass nach dem im Juli 2007 erfolgten Grundsatzbeschluss ("Memorandum of understanding") über die Kostenverteilung zwischen Bahn, Bund, Land, Stadt und Region die Zustimmung für Stuttgart 21 steigen würde.
Nun ist es nicht so, dass es an Versuchen gemangelt hätte, das komplexe Großprojekt breiten Kreisen der Bevölkerung transparent zu machen. Im Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs gibt es eine sehr gut besuchte, zuletzt deutlich erweiterte Dauerausstellung über Stuttgart21 - und zudem die Möglichkeit, von der Dachterrasse aus einen Blick auf den künftigen Bauplatz zu werfen.
Umstrittene Werbekampagne
Erst im vergangenen Jahr ist die von der Agentur Scholz & Friends erfundene, umstrittene Kampagne "Das neue Herz Europas" aus der Taufe gehoben worden. Auftritte im Internet von Bahn AG und Stadt, zahlreiche Veranstaltungen und Informationsbroschüren sind dazu gekommen. All das hat aber offenbar nicht ausgereicht, Skeptiker und Kritiker zu gewinnen - zumal weitergehende Ideen wie eine Infobox auf dem Schlossplatz (vorerst) an politischen Querelen gescheitert sind. Die finanziellen Mittel in Höhe von rund einer Million Euro stehen gleichwohl weiterhin zur Verfügung.
Von Mai an soll die Öffentlichkeitsarbeit nun deutlich intensiviert werden, wie Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) im Interview mit der Stuttgarter Zeitung angekündigt hat. Dabei setzt der Rathauschef allerdings weniger auf Reklame als auf echte Überzeugungsarbeit. "Wir wollen die Bürger umfassend informieren", sagt er - und kündigt unter anderem weitere "Zielgruppengespräche" beispielsweise mit Schülern und Gewerkschaften an. Aber auch an Kinospots, so ist zu hören, hat man gedacht.
Nach Lesart des Unternehmensberaters Imbach findet sich einer der häufigsten Stolpersteine in der kommunikativen Begleitung von Großprojekten schon vor der ersten öffentlichen Bekanntmachung. Unabhängig davon sei es wichtig, im Sinne einer Dialogorientierung offen die Vor- und Nachteile eines Vorhabens zu kommunizieren. Sein Credo: "Reiner Propagandismus wird schnell als solcher entlarvt und bewirkt Opposition."
Wer sich über Stuttgart 21 informieren will, kann dies im Turm-Forum tun, der Ausstellung im Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Öffnungszeiten Montag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 21 Uhr. Näheres im Internet unter www.das-neue-herz-europas.de. Das Konzept der Gegner und deren Einwände finden sich unter anderem unter www.stuttgart21-nein-danke.de
Von Achim Wörner
Der bemerkenswerte Aufsatz des Züricher Architekten und Unternehmensberaters Herbert Imbach stammt zwar aus dem Jahr 2004 - die darin verbreiteten Erkenntnisse aber sind aktueller denn je. Imbach beschreibt dabei "Stolpersteine in der Kommunikation von Großprojekten", wie der Titel des Beitrags lautet, um dann ein Programm für eine ideale Öffentlichkeitsarbeit zu entfalten.
Spektakuläre Vorhaben vor allem im öffentlichen Raum weckten viele Hoffnungen, provozierten aber ebenso viele Befürchtungen und Ängste. Diese könnten, so jedenfalls Imbachs These, "richtig instrumentalisiert jedem Projekt den Garaus machen".
Nun ist die Finanzierung von Stuttgart 21 Stand heute gesichert; Baubeginn soll bereits Anfang kommenden Jahres sein. Doch die vielen Vorteile, die die Neuordnung des Schienenknotens mit einem neuen Tiefbahnhof und die Erweiterung der Stuttgarter Innenstadt auf den heutigen Gleisflächen aus Sicht der Befürworter birgt, sind bei erheblichen Teilen der Bürger keineswegs angekommen. Im Gegenteil. Breite Schichten der Bevölkerung hegen eine tiefe Skepsis und Vorbehalte gegenüber dem Projekt - was in den vergangenen Jahren immer wieder auch in Umfragen zum Ausdruck gekommen ist.
Anteil der Kritiker gestiegen
Zuletzt hatte das Sozialwissenschaftliche Institut der Universität Stuttgart vor genau einem Jahr im Auftrag der "Stuttgarter Nachrichten" den Stimmungen nachgespürt. Immerhin 38 Prozent der Stuttgarter bewerteten damals den geplanten Umbau des heutigen Kopfbahnhofs in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof positiv. 35,4 Prozent aber sahen das seit 15 Jahren geplante Stuttgart 21 negativ.
Im Vergleich zu einer ähnlichen Erhebung des Instituts von 1997 war der Anteil der Kritiker um rund zehn Prozentpunkte gestiegen, die Quote der Anhänger hingegen unverändert geblieben. Damit hatten sich Hoffnungen der Projektpartner nicht erfüllt, dass nach dem im Juli 2007 erfolgten Grundsatzbeschluss ("Memorandum of understanding") über die Kostenverteilung zwischen Bahn, Bund, Land, Stadt und Region die Zustimmung für Stuttgart 21 steigen würde.
Nun ist es nicht so, dass es an Versuchen gemangelt hätte, das komplexe Großprojekt breiten Kreisen der Bevölkerung transparent zu machen. Im Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs gibt es eine sehr gut besuchte, zuletzt deutlich erweiterte Dauerausstellung über Stuttgart21 - und zudem die Möglichkeit, von der Dachterrasse aus einen Blick auf den künftigen Bauplatz zu werfen.
Umstrittene Werbekampagne
Erst im vergangenen Jahr ist die von der Agentur Scholz & Friends erfundene, umstrittene Kampagne "Das neue Herz Europas" aus der Taufe gehoben worden. Auftritte im Internet von Bahn AG und Stadt, zahlreiche Veranstaltungen und Informationsbroschüren sind dazu gekommen. All das hat aber offenbar nicht ausgereicht, Skeptiker und Kritiker zu gewinnen - zumal weitergehende Ideen wie eine Infobox auf dem Schlossplatz (vorerst) an politischen Querelen gescheitert sind. Die finanziellen Mittel in Höhe von rund einer Million Euro stehen gleichwohl weiterhin zur Verfügung.
Von Mai an soll die Öffentlichkeitsarbeit nun deutlich intensiviert werden, wie Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) im Interview mit der Stuttgarter Zeitung angekündigt hat. Dabei setzt der Rathauschef allerdings weniger auf Reklame als auf echte Überzeugungsarbeit. "Wir wollen die Bürger umfassend informieren", sagt er - und kündigt unter anderem weitere "Zielgruppengespräche" beispielsweise mit Schülern und Gewerkschaften an. Aber auch an Kinospots, so ist zu hören, hat man gedacht.
Nach Lesart des Unternehmensberaters Imbach findet sich einer der häufigsten Stolpersteine in der kommunikativen Begleitung von Großprojekten schon vor der ersten öffentlichen Bekanntmachung. Unabhängig davon sei es wichtig, im Sinne einer Dialogorientierung offen die Vor- und Nachteile eines Vorhabens zu kommunizieren. Sein Credo: "Reiner Propagandismus wird schnell als solcher entlarvt und bewirkt Opposition."
Wer sich über Stuttgart 21 informieren will, kann dies im Turm-Forum tun, der Ausstellung im Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Öffnungszeiten Montag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 21 Uhr. Näheres im Internet unter www.das-neue-herz-europas.de. Das Konzept der Gegner und deren Einwände finden sich unter anderem unter www.stuttgart21-nein-danke.de
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