Knowing

Karnickel, das Ende ist nahe!

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 09.04.2009
Filmbeschreibung
Heimelig sieht alles aus, putzig altmodisch. Wir sind mal wieder in der Kinovariante der fünfziger Jahre in der US-amerikanischen Provinz gelandet, in "Knowing" an einer Schule voller fleißiger Kindlein. Geborgenheit, Zuversicht, Solidität darf man für die Eckwerte dieses Fantasiereichs halten. Aber halt, ein Mädchen schaut ganz bleich und ätherisch und gramerfahren. Was hat die Arme? Visionen, wie wir bald merken.

Die Schüler dürfen gerade eine Zeitkapsel füllen, die in fünfzig Jahren geöffnet werden soll, mit Bildern, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Alle malen brav Raketen und Roboter, nur unser Kummergör füllt ihr Blatt beängstigend konzentriert mit einer endlosen Zahlenreihe. Als die Schreiberin später in einem Schrank im Schulkeller ausrastet, brüllt und sich die Finger wund kratzt, wissen wir auch, dass die Wesen, die sich hier eine Prophetin gesucht haben, wenig Rücksicht auf ihre irdischen Werkzeuge nehmen.

Wenn der Regisseur Alex Proyas uns in die Jetztzeit reißt, wird "Knowing" noch viel vorsehungsgrimmiger. Der kleine Caleb (Chandler Canterbury), der Sohn des Astrophysikers John Koestler (Nicolas Cage), bekommt beim Öffnen der Zeitkapsel an seiner Schule eben dieses ominöse Zettelchen ab. Bald sieht er seltsame, schwarz gekleidete Gestalten im Garten stehen und muss auch noch Visionen einer brennenden Welt erleiden. In "Knowing" geht es nicht um einen Privatspuk, sondern um eine kollektive Bedrohung, um das Ende der Erde.

Schludrig, naiv, dümmlich

Das alles bewegt sich noch im Rahmen des gewohnten Horror- und SF-Kinos. Das hat oft genug mit der Möglichkeit gespielt, das Licht der Schöpfung könnte noch vor dem nächsten monatlichen Kontoauszug ausgeknipst werden. An "Knowing" fällt aber auf, wie schludrig, wie naiv, wie dümmlich der Erkenntnisprozess eingefädelt wird. Papa Koestler bekommt nämlich etwas heraus, nach vielen geistigen Verrenkungen, die aufs Plumpste nach außen verlagert werden müssen: durch Abreißen der Notiztafel in der Küche und Verschleppen dieses Teils ins Arbeitszimmer, wo es mit viel Trara neu aufgebaut wird, und durch mühseliges Übertragen der Zahlenreihe mit dem Filzstift. Schade, dass noch niemand den PC und den Scanner erfunden hat.

Aber John Koester bemerkt auch so irgendwann, dass sich einige Zahlen zu Datumsgruppen abtrennen lassen. Mit Hilfe des Internets wird er noch schlauer. Die Daten weisen auf Katastrophen der Jahrzehnte zwischen der Zettelerstellung und heute, etwa auf Erdbeben, den Tsunami und die Anschläge vom 11. September 2001. Und sie kündigen nach dieser Beglaubigung ihrer Präzision eine baldige finale Katastrophe an. Der Wissenschaftler Koester prüft alle Informationen dazu im Internet nach. Solch kleingeistiger Unfug erstaunt, hat der Regisseur Alex Proyas mit "The Crow" (1994), "Dark City" (1998) und "I, Robot" (2004) doch bewiesen, dass er das Kino der Fantastik mag und durchaus ernst nimmt.

Doch dann schält sich heraus, dass die Krudheit Methode hat. "Knowing" will nämlich ein Hybrid-Film sein. Einerseits will er als SF-Thriller funktionieren, mit Außerirdischen, die auf vertrackt ungeschickte Weise zu ein paar wenigen auserwählten Menschen Kontakt aufnehmen, um diese dann vor dem Weltuntergang zu retten. Andererseits aber will dieser Film auch ein Angebot an die religiösen Fundamentalisten sein, die Hollywood selten als Publikum gewinnen kann. Ihre Erwartungen des baldigen Weltuntergangs werden hier illustriert. Dunkle Boten des Herrn, leidendes Prophetentum, die Strafe der Ungläubigen, die Rettung weniger Auserwählter - alles findet sich in "Knowing", der über Strecken wie die manisch-depressive Variante von Steven Spielbergs "Unheimliche Begegnung der 3. Art" aussieht.

Raumschiffe als Kathedralen

Wenn die düsteren Boten sich endlich offenbaren, stehen sie als ektoplasmisch wabernde Wesen vor der Kamera. Etwas wölkt um sie herum, was Ausscheidungsprodukte ihrer Raumanzüge darstellen könnten, aber auch Flügel aus Energie. Das Starten der Raumschiffe scheint für einen Moment die Waagschale Richtung SF zu senken, aber dann zeigt uns die Totale Schiffe, die wie fliegende Kathedralen aussehen, als seien irdische Kirchen nur die präzisen Visionen von Kickboards der Engelsscharen.

Es sind nur einige wenige kleine Kinder, die errettet werden. Die Eltern müssen, kurz bevor eine Sonneneruption alles Leben von der Erde leckt, zum Abschied winken. "Knowing" ist von jener selbstzufriedenen Grausamkeit, die auch die Armageddon-Prophezeiungen vieler Fanatiker kennzeichnet. Auf dem neuen, paradiesischen Planeten, auf den die Kinder gebracht werden, sieht es dafür idyllisch aus wie auf den naivsten Traktatillustrationen des Paradieses.

Dass die Kinder Hoppelhäschen von der Erde mitnehmen durften, diese symbolische Illustration des Auftrags zu karnickelhafter Vermehrung, darf man noch lustig finden. Dass aber die Himmelskutschen, die von verschiedenen irdischen Kontinenten aufsteigen, ihre Kinderpassagiere auf dem neuen Planeten weit voneinander entfernt absetzen, ist dagegen eine besonders widerliche Verbeugung vor stockkonservativer Ideologie: Rassentrennung ist gottgewollt.
 
Mehr StZ Filmkritiken

Alle Artikel anzeigen
Anzeigen

Was möchten Sie unternehmen?
Wann möchten Sie etwas unternehmen?
vorheriger Monat
Monat
kommender Monat
Heute Morgen Akt. Woche
MODIMIDOFRSASO
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
Aktuelle Videos


Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Trailer oder Video auf filmstarts.de